20.08.2025
Von chronischen Schmerzen sind in Deutschland rund 23 Millionen Menschen betroffen. Viele sind zermürbt, so wie der 70-jährige Eckart Schäff aus Schwanstetten. Im Nürnberger Klinikum erlebte er schließlich seinen Aha-Moment.
Endlich kann Eckart Schäff wieder seine Passion ausüben, nämlich jagen. Bis vor wenigen Wochen hinderten ihn starke Rückenschmerzen daran, vom Auto zum Hochstand zu gehen und dann auch noch hinaufzuklettern. Sogar wenn er das geschafft hätte, wer sollte das 20-Kilo-Reh, das er schießen würde, zurück zum Auto tragen? Er konnte es nicht. Der Schmerz war stärker.
Eckart Schäff leidet seit seiner Jugend an dumpfen, manchmal auch stechenden Rückenschmerzen. Damals wurde das Scheuermann-Syndrom bei ihm diagnostiziert, eine Erkrankung der Wirbelsäule, die typischerweise in der Pubertät auftritt, bei der die Wirbelkörper ungleichmäßig wachsen. Im Laufe seines Lebens hatte der heute 70-Jährige mehrere Bandscheibenvorfälle und war bei sechs verschiedenen Orthopäden, die unterschiedliche Meinungen vertraten. Der eine riet zur Operation, die dann doch wegen fehlender Indikation wieder abgeblasen wurde.
Der nächste veranlasste eine Schuherhöhung – leider für das falsche Bein. Und einer führte alle paar Monate eine Spritzenkur durch, was zwar half, aber immer nur für kurze Zeit. Auch die anschließenden Injektionen von Schmerzmedikamenten wirkten nicht lange. „Als es mir Anfang April so richtig mies ging, sagte mein behandelnder Arzt: So kann es nicht weitergehen“, erzählt Schäff. Der Mediziner riet seinem Patienten zu einer fünfwöchigen Therapie in der Schmerztagesklinik am Nürnberger Nord-Klinikum.
Nach einer Untersuchung und dem Ausfüllen eines Schmerzfragebogens wurde der passionierte Jäger also von Ende April bis Ende Mai in das multimodale Schmerzbewältigungsprogramm aufgenommen. Acht Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, bekommen hier fast acht Stunden täglich Physio- und Ergotherapie, stärken im Geräteraum ihre Muskeln, erlernen Entspannungsverfahren sowie ihre Sinne zu aktivieren, unter anderem über Genusstraining.
Außerdem erhalten sie Einblicke in Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper, die vielen – so wie Eckart Schäff – völlig neu sind. „Die meisten Patienten mit chronischen Schmerzen, die zu uns kommen, sind zermürbt und fühlen sich ohnmächtig. Das ist eine ganz normale Reaktion auf eine komplexe Erkrankung. Wir zeigen ihnen in der Schmerzpsychotherapie Wege auf, aus dieser Hoffnungslosigkeit wieder herauszufinden“, erklärt die Leitende Psychologin Sandra Venkat, die dem Leitungsteam der Tagesklinik angehört.
Das Konzept der Einrichtung, die nun seit 20 Jahren besteht, sieht sowohl körperorientierte als auch psychologische Verfahren vor. „Viele kennen nur passive Therapien, also Medikamente, Operationen oder Spritzen. Wir setzen darauf, die Patienten wieder aktiv werden zu lassen. Und wir können nachweisen, dass dieser multimodale Ansatz den rein passiven Maßnahmen weit überlegen ist“, sagt Dr.Susanne Eder, die als Oberärztin der Anästhesiologie ebenfalls zum Leitungsteam gehört.
Wer in das fünfwöchige Programm aufgenommen wird, leidet seit mindestens sechs Monaten an chronischen Schmerzen beispielsweise der Wirbelsäule, an Nervenschmerzen, rheumatischen Gelenkerkrankungen, Migräne, Spannungskopfschmerzen, Fibromyalgie oder Bauch- und Beckenschmerzen wie der Endometriose, die viele Frauen betrifft. Alle sind massiv in ihrem Alltag beeinträchtigt.
„Bei vielen Patienten breitet sich der Schmerz allmählich aus. Zuerst tat vielleicht nur der Rücken weh, irgendwann kommen viele andere Schmerzen dazu“, erklärt Oberarzt Dr. Dirk Risack als Sprecher des Schmerzzentrums am Nürnberger Klinikum. Denn chronische Beschwerden bewirken oft Veränderungen im Nervensystem und bei der Schmerzverarbeitung im Gehirn. Manche Impulse, die Patienten früher gar nicht wahrnahmen, empfinden sie nun als quälend.
Eckart Schäff erlebte schon in der ersten Woche seinen persönlichen Aha-Effekt. Als er ankam, war er noch äußerst skeptisch gewesen, auch beeinflusst von seinem Umfeld, das gerne mal vom „Psycho-Quatsch“ sprach, als er von seinen Plänen erzählte. Doch das änderte sich schnell. Der Mix aus Informationen darüber, was durch Schmerz im Körper passiert und wie er sich beeinflussen lässt, machte ihm Mut. Auch die Bewegungstherapie tat ihm gut. „Auf einmal konnte ich Strecken gehen, die mir zuvor Mühe gemacht hatten. Ich merkte, dass es immer besser wurde, und das motivierte mich sehr“, sagt er.
Was ihm half, waren auch Techniken, die Sandra Venkat den Teilnehmern vermittelt. Die Patienten lernen, über Gedanken und alltagsnahe bildliche Vorstellungen, Schmerzen positiv zu beeinflussen. Auf diese Weise können Gefühle eine Schmerzstärke verändern, idealerweise auch abschwächen. Viele Patienten erfahren hier erstmals, wie sie durch gezielte Strategien ihre Leiden in den Griff bekommen. Auch für Eckart Schäff war vieles neu. „Die einzelnen Therapien sind wie Zahnräder, die ineinandergreifen“, sagt er.
Zwischen 120 und 140 Patienten besuchen pro Jahr die Nürnberger Schmerztagesklinik. Drei Monate nach der Therapie findet für die Patienten noch eine Auffrischungswoche statt, zwölf Monate später ein Jahrestag. „Wir versprechen keine Schmerzfreiheit. Nach einem Jahr sind die Schmerzen nicht weg“, sagt Sandra Venkat. Aber die Intensität wird oft geringer. Viele Patienten berichten, dass ihre Lebensqualität steigt und ihr Leidensdruck abnimmt, dass sie weniger Stress, Angst und depressive Verstimmungen erleben.
Eckart Schäff spürte auch, wie sein Körper sich veränderte und ihm nun vieles leichter fällt. „Ich kann längere Strecken gehen, im Garten arbeiten und mein Jagdauto reparieren. Das wäre im April noch unmöglich gewesen“, sagt er. Seine Familie beobachte bei ihm viel mehr Antrieb, etwas zu unternehmen. „Ich hab neue Lebenslust, der Schlendrian ist weg.“
Eckart Schäff braucht nur noch ein Drittel seiner Medikamente, macht weiterhin Gymnastik, Physio- und Ergotherapie und hat Freude am Leben. „Der Schmerz hat früher alles andere ausradiert. Ich war resigniert“, sagt der 70-Jährige, der mit seinem Dackel und seinem Pudelpointer wieder zur Jagd geht. „Heute sehe ich bewusst die Sonne am Himmel und freue mich über duftende Blumen. Auch diese kleinen Dinge haben mich herausgeholt aus dem Loch der Schmerzen.“
Das Schmerzzentrum des Nürnberger Klinikums bietet Patienten sowohl teilstationäre als auch ambulante Therapien. So gibt es unter anderem Sprechstunden für Menschen mit chronischen Schmerzen, Nerven- oder auch Tumorschmerzen, die in der ambulanten Versorgung nicht zurechtkommen. Das Süd-Klinikum bietet auch ambulante Schmerzsprechstunden für Kinder an. In der teilstationären Schmerztagesklinik nehmen erwachsene Patienten in jeweils zwei Gruppen an einem fünfwöchigen multimodalen Therapieprogramm teil. Hier werden sie von Fachärzten aus den beteiligten Kliniken, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten sowie Pflegekräften angeleitet. Die Patienten müssen zuvor einen Schmerzfragebogen ausfüllen, ärztliche Befunde mitbringen und an einer Voruntersuchung teilnehmen.
Kontakt unter: +49 (0)911 398-2700 oder per E-Mail an schmerztagesklinik@klinikum-nuernberg.de
Quelle: Nürnberger Nachrichten / Nürnberger Zeitung, 20.08.2025
Autorin: Birgit Heinrich
Fotos: Günter Distler, Verlag Nürnberger Presse
Bild oben: Fünf Wochen, tolle Ergebnisse: Sandra Venkat, Leitende Psychologin der Schmerztagesklinik am Nürnberger Klinikum (links), und Dr. Susanne Eder, Oberärztin der Anästhesiologie, freuen sich mit ihrem Patienten Eckart Schäff.