Notfallservice
  • „Komplexe Entscheidungen werden beim Menschen bleiben“

    Chefarzt Prof. Markus Diener spricht über Vorteile und Grenzen der Robotik-Unterstützung und erklärt, was der Maschine leider (noch) fehlt.

13.04.2026

Die Chirurgie im Klinikum Nürnberg deckt mit ihrer großen Expertise nicht nur einzelne Organe, sondern alle chirurgischen Fachbereiche ab. Allein in der Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie haben wir eine große Gruppe von Chirurginnen und Chirurgen, die seit vielen Jahren mit Unterstützung durch Robotik im Hochkomplexbereich operieren. Dazu kommt eine hohe Zahl robotisch erfahrener Chirurginnen und Chirurgen in der Urologie und Gynäkologie. Das Klinikum verfügt über zwei Da Vinci-OP-Systeme zu diesem Zweck und behandelt als sogenanntes Hochvolumenzentrum zahlreiche komplexe Fälle. Unsere Expertise wächst also kontinuierlich weiter. 

Interview mit Chefarzt Univ.-Prof. Dr. Markus Diener

 

Was sind die Vorteile des Patienten, wenn er an einem Robotik-Zentrum wie am Klinikum Nürnberg operiert wird?

Robotisch unterstützte Eingriffe zeigen vergleichbare und teilweise bereits bessere Ergebnisse im Vergleich zur offenen oder klassischen minimalinvasiven Chirurgie im Brust- und Bauchraum ohne Einsatz eines Robotik-Systems. Wird der Eingriff an Zentren mit sehr hohen Fallzahlen wie dem Klinikum Nürnberg durchgeführt, bedeutet das weniger Komplikationen und Folgeerkrankungen. Die Aufenthalte auf der Intensivstation fallen nach robotisch-unterstützten Eingriffen kürzer aus, und die Patienten erholen sich schneller nach der Operation. Robotisch-unterstützte Operationsverfahren sind durch minimalinvasive Technik besonders schonend für den Patienten und führen zu einer schnelleren Genesung.

 

Und wie sehen Sie als Chirurg die Vorteile eines Eingriffs mit einem der beiden Da Vinci-Operationssysteme am Klinikum Nürnberg?

Das Entscheidende ist die deutlich verbesserte Beweglichkeit der Roboter-Arme im Vergleich zu herkömmlichen minimalinvasiven Verfahren. Gerade in engen Körperregionen oder in enger Nachbarschaft zu wichtigen Blutgefäßen oder Nervenstrukturen können wir sicherer operieren. In der Viszeralchirurgie ermöglicht uns dies beispielsweise bei Operationen im kleinen Becken (dort liegen Organe wie Gebärmutter, Prostata, Blase und Enddarm) oder bei komplexen Leberresektionen ein präziseres Arbeiten entlang wichtiger Gefäß- und Nervenstrukturen. Damit schonen wir angrenzendes Gewebe und Gefäße. Gleichzeitig liefert uns das robotische System gestochen scharfe 3D-Bilder in bis zu zehnfacher Vergrößerung. Dies wiederum hilft dem Chirurgen bei der räumlichen Orientierung.

 

Ist es anstrengender herkömmlich oder mit Hilfe des OP-Roboters zu operieren?

Der Chirurg steht nicht mehr am Operationstisch, sondern sitzt an einer Konsole. Das schützt bei Operationen, die viele Stunden dauern, besser vor Übermüdung. Die ergonomische Position reduziert unsere körperliche Belastung.

Wo sollten sich die robotischen Unterstützungssysteme noch weiterentwickeln?

Chirurgen sind Haptiker, sie haben durch das jahrelange Training einen besonderen Tastsinn. Sie spüren wie fest oder weich Gewebe ist und wissen dann, wie sie ihre Kraft dosieren müssen. Hier ist die Robotik noch im Nachteil, weil die Roboterarme dieses haptische Feedback bisher nicht weitergeben können. Dafür sehen wir aber mehr als ohne robotische Unterstützung.

 

Was wünschen Sie sich hier für die Zukunft?

Eine Integration von haptischem Feedback in den OP-Roboter wäre wünschenswert. Hieran arbeiten die Hersteller bereits, und die neuen Systeme mit dieser Technik stehen kurz vor der Markteinführung. Zudem ist es nach wie vor erstrebenswert, die Vorteile der robotischen Chirurgie auch in qualitativ hochwertigen Studien zu beweisen. Dies würde auch die nötigen Argumente liefern, um die robotische Chirurgie langfristig noch mehr in die Breite der chirurgischen Behandlung zu bringen.

 

Welche Rolle wird künstliche Intelligenz (KI) künftig bei roboter-assistierter Chirurgie spielen?

KI wird die roboter-assistierte Chirurgie revolutionieren, da sich aus meiner Sicht KI und Robotik besonders gut kombinieren lassen und hierdurch ein enormen Innovationsgrad entsteht. Stellen Sie sich vor, dass durch diese Kombination künftig krankhaftes Gewebe automatisiert erkannt wird, in Echtzeit dem operierenden Chirurgen auf dem Bildschirm angezeigt wird und durch intelligente digitale Assistenz gesunde Strukturen effektiv geschont werden können. Das ist keine Träumerei, sondern bald möglich. Ich halte es aber für entscheidend wichtig, dass der Chirurg selbst an dieser Entwicklung aktiv teilnimmt, genau das würde ich gerne hier in Nürnberg ermöglichen.

Könnte die KI auch helfen, künftig besser den Rand eines Tumors während der Operation zu erkennen?

Absolut. KI-Systeme können bereits heute Operationsvideos in Echtzeit analysieren und dabei helfen, Tumorränder präziser zu identifizieren. Dies ist besonders wertvoll für die onkologische Chirurgie, da eine vollständige Tumorentfernung bei gleichzeitiger Schonung gesunden Gewebes entscheidend für den Behandlungserfolg ist.

 

Wo wird am Klinikum Nürnberg an der Entwicklung der Robotik geforscht?

Wir begleiten die Robotik in unserer Klinik stetig wissenschaftlich und führen vergleichende Studien zu anderen Operationsverfahren (z.B. offene oder konventionell laparoskopische Chirurgie) durch. Zudem stehen wir in regelmäßigem Austausch mit der urologischen und gynäkologischen Klinik in unserem Hause und entwickeln aktuell gemeinsame, interdisziplinäre Forschungsansätze. Hierzu wollen wir auch eng mit den Kolleginnen und Kollegen der TH Nürnberg zusammenarbeiten, um technisch-wissenschaftliche Projekte zur Robotik und KI in Nürnberg möglich zu machen.

In welchen Bereichen erwarten Sie besondere Fortschritte der robotisch-assistierten Eingriffe?

Ich denke, dass die Vorteile und Fortschritte derzeit insbesondere in der technisch hochkomplexen Tumorchirurgie (z.B. der Speiseröhre, Leber, Bauchspeicheldrüse oder Enddarm) zu erwarten sind. Die technologische Fortentwicklung im Bereich der bereits angesprochenen Integration der augmentierten Realität verläuft rasant. Damit ist die Einblendung von zusätzlichen digitalen Informationen wie 3D-Bilder oder wichtiger Daten im Sichtfeld des Chirurgen ähnlich wie auf der Windschutzscheibe in modernen Autos gemeint. Das Gleiche gilt auch für die automatisierte Assistenz und Fehlererkennung. All das spricht für mich dafür, dass sich dieser Bereich der Chirurgie in naher Zukunft besonders intensiv weiterentwickelt.

 

Gibt es dafür eine Begründung?

Während einfachere Eingriffe wie z.B. die Entfernung der Gallenblase schon seit Jahren zu einem überwiegenden Anteil minimalinvasiv durchgeführt werden, hat sich die minimalinvasive Chirurgie in den erwähnten hochkomplexen Bereichen bislang noch weniger etabliert, da dies mit den konventionell minimalinvasiven Methoden einfach technisch teilweise nur schwer oder kaum machbar war. Dies wird nun durch die robotische Chirurgie und auch die zunehmende Erfahrung mit dem System möglich. Die Entwicklung in dieser Richtung ist derzeit wirklich enorm schnell.

 

Bisher sind Systeme wie der Da Vinci reine Assistenzsysteme für den Chirurgen. Wird sich das ändern, indem das System bestimmte Aufgaben eigenständig übernimmt? Welche könnten das sein?

Ja, die Entwicklung geht in Richtung teilautonomer Systeme. Im Labor bzw. experimentellen Versuchen können bereits standardisierte Nähte, Kameraführung oder einfache Präparationsschritte autonom durchgeführt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese standardisierten Schritte einer Operation auch in der klinischen Praxis autonom durchgeführt werden. Dies wird aber sicher keine kompletten Operationen betreffen, da hier auch immer wieder individuelle Gegebenheiten der Patientinnen und Patienten oder der Erkrankung berücksichtigt werden müssen. Wichtig ist dabei, dass der Chirurg immer die Kontrolle behält und jederzeit eingreifen kann. Komplexe Entscheidungen werden weiterhin beim Menschen bleiben, da bin ich mir sicher.

 

 

Bild 1: Die Roboterarme des Da-Vinci-Systems (Mitte) haben größere und präzisere Bewegungsmöglichkeiten als ein menschlicher Chirurg. Neben dem operierenden Chirurgen begleiten und unterstützen weitere Ärtzinnen und Ärzte sowie OP-Pflegekräfte den anspruchsvollen Eingriff. /Foto: Klinikum Nürnberg

Bild 2: Mit seinen Händen an den Griffen kann der Chirurg die Roboterarme millimetergenau bewegen. /Foto: Klinikum Nürnberg

Bild 3: Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie Univ.-Prof. Dr. Markus Diener. /Foto: Jasmin Szabo