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  • Schöller-Preis für Altersmedizin geht an Forschende aus Halle

    Wie sicher sind Alzheimer-Bluttests zur Früherkennung? Der Schöller-Preis für Altersmedizin 2026 prämiert eine hilfreiche Forschungsarbeit.

27.10.2026

Der Neurologe Univ.-Prof. Dr. Markus Otto von der Universitätsmedizin Halle erhält den Theo und Friedl Schöller-Preis 2026 für seine Forschung zur begrenzten Aussagekraft von Bluttests in der Alzheimer-Diagnostik. Das Klinikum Nürnberg und die Theo und Friedl Schöller-Stiftung zeichnen damit innovative Altersforschung aus.

Bluttests zur Diagnostik der Alzheimer-Demenz stehen kurz vor dem breiten Einsatz in der klinischen Praxis. Sie könnten die Früherkennung und einen frühen Behandlungsbeginn erleichtern, doch ihre Zuverlässigkeit hängt davon ab, was die Messwerte tatsächlich anzeigen. Eine internationale Studie, an der die Universitätsmedizin Halle mit den neuro­logischen Zentren der Universitäten Mailand, Mannheim und Ulm arbeitete, liefert hier entscheidende Hinweise.

Die 2025 veröffentlichte Studie zeigt: Bestimmte sogenannte phosphorylierte Tau-Proteine (p-Tau), die als Alzheimer-Indikatoren gelten, sind im Blut genauso auch bei Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erhöht. Erhöhte Werte von p-Tau 181 und p-Tau 217 bedeuten also nicht automatisch Alzheimer, da diese Biomarker auch bei ALS, einer neuromuskulären Erkrankung, auffällig sind. Bei ALS-Patienten scheint demnach die Skelettmuskulatur eine bislang unterschätzte Quelle dieser Tau-Proteine im Blut zu sein – was ihre Aussagekraft als spezifische Alzheimer-Biomarker einschränkt. Für die neuen Alzheimer-Tests heißt das: Sie haben Grenzen und eignen sich noch nicht für ein routinemäßiges Screening.

Unkritischer Einsatz kann zu Fehldiagnosen führen

Für das Projekt erhält Univ.-Prof. Dr. Markus Otto, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, den Theo und Friedl Schöller-Preis 2026. Stellvertretend für das 24-köpfige Forschungsteam nahm er den Preis beim Schöller-Symposium des Zentrums für Altersmedizin in Nürnberg entgegen.

„An der Preisträger-Arbeit überzeugte uns neben der ausgezeichneten wissenschaftlichen Qualität ihre hohe praktische Bedeutung für die Altersmedizin“, sagt Univ.-Prof. Dr. Thomas Hillemacher, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats für den Schöller-Preis und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psycho­therapie am Klinikum Nürnberg. „Die ersten Bluttests sind auf dem Markt verfügbar. Sie dürften künftig in der Frühdiagnostik demenzieller Erkrankungen eine große Rolle spielen. Es ist entscheidend, Testergebnisse medizinisch korrekt zu interpretieren, um im Sinne der Patientinnen und Patienten Fehldiagnosen zu vermeiden – das arbeitet diese Studie eindrucksvoll heraus.“

Seit 2013 schreibt das Zentrum für Altersmedizin am Klinikum Nürnberg den Schöller-Preis jährlich im deutschsprachigen Raum aus, um Forschungsarbeiten zu prämieren, die die Gesundheitsversorgung älterer Menschen verbessern. Mit 20.000 Euro ist er die höchstdotierte Auszeichnung in der Altersmedizin in Deutschland. 21 Bewerbungen gingen in diesem Jahr ein.

Rainer Hattenberger vom Stiftungsvorstand der Schöller-Stiftungen betont die hohe Relevanz der Studie: „Wir gratulieren der Universitätsmedizin Halle zu diesem Forschungserfolg. Demenz ist eine Volkskrankheit, und mit steigender Lebenserwartung wächst die Zahl der Betroffenen weiter. Die Erforschung und Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten im Frühstadium wecken aktuell viele Hoffnungen. Voraussetzung ist eine verlässliche, sichere Frühdiagnostik – die Daten aus Halle mahnen hier zur Vorsicht.“

Spannende Folgefragen zu Muskelerkrankungen und Alterungsprozessen

„Der Preis ist eine große Freude und eine schöne Anerkennung unserer Arbeit“, sagt Prof. Otto, der seit langem zu neurodegenerativen Erkrankungen forscht. „Noch wichtiger ist aber, dass unsere Ergebnisse dadurch nun breiter wahrgenommen werden, um kritischer mit Alzheimer-Bluttests umzugehen.“ Die Tests seien „gut, aber noch nicht gut genug, um Alzheimer zweifelsfrei frühzeitig festzustellen. Mögliche Begleit­erkrankungen und Fehlbefunde müssen präzise abgegrenzt werden. Bis sich die Testverfahren verfeinern, sollte man ergänzend auf Verlaufsmessungen und bewährte Verfahren wie die Liquordiagnostik vertrauen“. Bislang lassen sich Alzheimer-typische Veränderungen unter anderem zuverlässig anhand von Biomarkern im Nervenwasser (Liquor) nachweisen, das – deutlich aufwändiger als ein Bluttest – über eine Lumbalpunktion gewonnen wird.

Die von Halle geleitete Studie, basierend auf Daten, Blutwerten und Muskelbiopsien von 385 Teil­nehmenden (111 Alzheimer-Patienten, 152 ALS-Patienten, 122 Kontrollpersonen), liefert auch neue Erkenntnisse über ALS und andere Muskelerkrankungen. Die Forschungsgruppe untersuchte die Quelle der p-Tau-Proteine im Blut und fand zu ihrer Überraschung heraus, dass bei ALS-Erkrankten die Muskulatur selbst das Protein produziert, wenn der Muskel durch die Erkrankung seine Nervenversorgung verloren hat. Ob derselbe Mechanismus die Tau-Proteine freisetzt wie im Gehirn bei Alzheimer-Patienten, bleibt vorerst offen. „Wir müssen verstehen, warum der Muskel p-Tau bildet und was das mit dem Alterungsprozess zu tun hat. Ist es ein Abwehr- oder Reparaturmechanismus? Das ist eine der spannendsten Fragen für uns“, erläutert Prof. Otto.

Das Team der Universitätsmedizin Halle verfolgt das Thema weiter. „Wir fragen uns, ob die erhöhten p-Tau-Werte spezifisch für ALS sind oder auch bei anderen Muskelerkrankungen, intensivem Sport oder ab einem bestimmten Alter auftreten“, sagt Prof. Otto. Bei der Verbesserung der Alzheimer-Bluttests ist die Forschungsgruppe inzwischen einen entscheidenden Schritt weiter: In einer im Oktober 2026 veröffentlichten Folgestudie mit 315 Teilnehmenden konnte sie zeigen, dass sich bestimmte Tau-Formen aus dem Gehirn gezielt von solchen aus anderen Geweben unterscheiden lassen. Ein neu entwickeltes zweistufiges Messverfahren erkannte dadurch Alzheimer-typische Veränderungen zuverlässiger und vermied in der untersuchten Gruppe falsch-positive Ergebnisse bei ALS-Patienten. Bevor das Verfahren in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, muss es allerdings noch in größeren Studien überprüft werden.

Originaltitel der Studie: Abu-Rumeileh, S., Scholle, L., Mensch, A. et al. Phosphorylated tau 181 and 217 are elevated in serum and muscle of patients with amyotrophic lateral sclerosis. Nat Commun 16, 2019 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-57144-7

Bild oben: Univ.-Prof. Dr. Markus Otto (re.) nimmt den Theo und Friedl Schöller-Preis für Altersmedizin am 23. Oktober 2026 im Marmorsaal der Nürnberger Akademie entgegen. Rainer Hattenberger (Vorstand Schöller-Stiftungen, li.) und Univ.-Prof. Dr. Jan Liman (Klinikum Nürnberg) gratulieren.

Fotos: Rudi Ott, Klinikum Nürnberg

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