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  • Forschung am Klinikum: Dr. Susanne Simen

    Dr. Susanne Simen, bereichsleitende Oberärztin der Psychiatrie, zu Ihrem Großprojekt UPlusE, eines der derzeit größten Förderprojekte am Klinikum.

 

30.09.2023

Bereits seit 26 Jahren ist Dr. med. Susanne Simen, am Klinikum Nürnberg tätig und ist heute die bereichsleitende Oberärztin der Psychiatrie am Standort Süd des Klinikums Nürnberg. Im nachfolgenden Interview beantwortet sie Fragen zu ihrem Werdegang, ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten und ihrem Großprojekt UPlusE, eines der derzeit größten Förderprojekte am Klinikum.

 

Frau Dr. Simen, bitte beschreiben Sie Ihren bisherigen beruflichen Werdegang.

Von 1984 – 1991 habe ich Humanmedizin an der Universität Göttingen studiert und promoviert. Anschließend von 1991 – 1996 Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und wissenschaftliche Arbeit in der Schlafmedizin an der Uniklinik Göttingen und der Uniklinik Erlangen. Aufbau eines Schlaflabors und- Ambulanz an der Kopfklinik Erlangen. Seit Februar 1997 bin ich als Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg tätig und habe hier eigeninitiativ neben anderen Projekten die psychiatrischen Schlafambulanz, eine Spezialstation für Psychosen, sowie die Mutter-Kind-Ambulanz und der Tagesklinik mit interdisziplinären Netzwerken zusammen mit den verschiedenen Stationsteams aufgebaut. Darüber hinaus haben wir Familiensprechstunden an der psychiatrischen Klinik und eine enge Zusammenarbeit mit der KJP etabliert.

Wo liegen Ihre wissenschaftlichen Interessen?

In der Verbesserung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Müttern und Vätern in der Peripartalzeit und ihrer Beziehung zu ihren Kindern. Außerdem ist mir die Verbesserung der Situation der Kinder psychisch erkrankter Eltern ein großes Anliegen.

Ihr Projekt UPlusE ist derzeit eines der größten Förderprojekte am Klinikum Nürnberg. Worum geht es in der Studie genau?

UPlusE steht für „U-Untersuchung für Kinder PLUS Eltern beim Pädiater zur Förderung der kindlichen Entwicklung mit Impuls aus frauenärztlicher Schwangerenvorsorge“ und ist eine deutschlandweite prospektive, clusterrandomisierte, kontrollierte Studie mit Multilevel-Analysen, Prozessanalysen und der Auswertung von Sekundärdaten. Geplante Fallzahl: 10.000.

In der Peripartalzeit erkranken bis zu 15 Prozent der Mütter und 5 Prozent der Väter an Depressionen. Unbehandelt neigen diese zur Chronifizierung, können zum Suizid führen und zu Schwierigkeiten im Umgang mit dem Kind, Bindungsstörungen oder sogar zu Vernachlässigung und emotionalem/physischen Missbrauch führen. Umgekehrt kann in dieser besonderen Lebensphase eine Behandlung besonders viel erreichen.

Trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit werden zu viele Betroffene aufgrund von Unwissen und Stigmatisierung nicht erkannt und erhalten viel zu wenige Betroffene (nur ca. 12% der Betroffenen) eine Behandlung.

Mit UPlusE haben wir uns zum Ziel gesetzt, durch ein standardisiertes Screening bei Frauenärzten und bei Pädiatern mehr Betroffene in die Beratung und Behandlung zu bringen. Bei erfolgreichem Abschluss der Studie hoffen wir auf eine Übernahme dieser Versorgung in die Regelversorgung.

Über bereits etablierte Praxis-Apps der Berufsverbände, die der Kommunikation zwischen Praxis und Patienten dienen, erhalten teilnehmende Schwangere (30.-34. SSW) und Eltern von Säuglingen (im 1. Lj, das heißt U3-U6) wenige Tage vor der nächsten Vorsorgeuntersuchung validierte kurze Fragebögen zum Screening nach depressiven Symptomen, psychosozialen Belastungen und Schwierigkeiten in der Beziehung zum Kind.

In der Interventionsgruppe besprechen die Ärzte die Ergebnisse mit den Schwangeren/Eltern. Bei positivem Screening werden die Betroffenen motiviert, nach klaren Behandlungspfaden eine Beratung oder Behandlung aufzusuchen. Die wohnortnahen „Psych-Behandler“ (Psychiater, Psychosomatiker und Psycho-Therapeuten) und psycho-sozialen Hilfen werden in der App angezeigt.

In der Vorbereitung des Screenings bauen wir ein deutschlandweites „Psych-Behandler“-Netzwerk für die ambulante Behandlung peripartaler psychischer Störungen auf. Hierfür wurde im Vorfeld eine cme-zertifizierte online-Schulung „peripartale psychische Störungen“ erstellt, die vom Bayerischen Ministerium für Arbeit, Familie und Soziales im Rahmen des Kinderschutzkonzeptes gefördert wurde.

Auch die Pädiater und Frauenärzte werden online und cme-zertifiziert für UPlusE vorbereitet.

Wer kann an der Studie teilnehmen?

Alle bei einer BKK-versicherten Schwangeren und Eltern von Säuglingen in ganz Deutschland.

Die Entwicklung und Durchführung von UplusE erfolgt gemeinsam mit mehreren Kliniken und Zentren aus ganz Deutschland, wobei das Klinikum Nürnberg unter Ihrer Leitung und der Ko-Konsortialleitung von Herrn Prof Fusch Konsortialführer ist. Welche Herausforderungen aber auch Chancen ergeben sich durch diese Kooperationen?

Eine Besonderheit von UPlusE ist, dass es aus der klinischen Praxis heraus zusammen mit Pädiatern und Frauenärzten aus Nürnberg und Umgebung für die Praxis konzipiert und erprobt wurde.

Und es funktioniert nur, weil die Konzeptentwicklung von Anfang an zusammen mit der Pädiatrie - dem Bundesverband der Kinder-und Jugendärzte (BVKJ) und dessen Service-Gesellschaft (BVKJ-S) – erfolgte.  So ist die Pädiatrie mit Herrn Prof Fusch als Ko-Konsortialleitung auch in der Konsortialführung vertreten.

Eine weitere Besonderheit ist die digitale Umsetzung des Projekts. Der telemedizinische Dienstleister „Monks – Ärzte im Netz GmbH“ der Berufsverbände (Pädiater, Frauenärzte, Psychiater und Hausärzte) ermöglicht mit seinen Praxis-Apps überhaupt erst eine deutschlandweite Umsetzung und Vernetzung.

Ein weiterer wichtiger Konsortialpartner ist der BKK-Landesverband und BKK-VAG, die im Projekt alle Betriebskrankenkassen (BKKs) vertreten. Die große Chance ist hier, dass die BKK einen großen, bereits etablierten Selektivvertrag „BKK Starke Kids“ mit den Pädiatern hat. Hier wird UPlusE angegliedert.

Das Zentrum für Psychische Gesundheit, Universität Würzburg, war bereits  in der Antragsphase ein wichtiger Partner mit viel Expertise und unterstützt UPlusE in der Erstellung der online-Fortbildungen, dem Aufbau und der Pflege des „Psych-Behandler“-Netzwerks und bei Bedarf in der Behandlung der Betroffenen.

Als Experten für die Evaluation konnten wir Dank Herrn Prof Fusch das Institut für Versorgungsforschung der Univ. Greifswald gewinnen. Die Sozialpädiatrie der TUM ist ein wichtiger Partner für die Evaluation der psychischen Gesundheit der Kinder.

All diese Konsortialpartner machen das Projekt erst möglich, indem auch sie für UPlusE brennen, wir als Team das Projekt gemeinsam entwickelt haben und wir die etablierten Strukturen nutzen können. Auch der Verband der Betroffenen „Schatten&Licht“ unterstützt UPlusE in voller Überzeugung.

Eine Herausforderung ist die Rekrutieung von Frauenärzten, da hier die App noch nicht so verbreitet ist. Als Partner unterstützt uns hier der Bundesverband der Frauenärzte und dessen Service-Gesellschaft (ÄVGD/Sanakey).

Das Projekt findet deutschlandweit statt. Die Herausforderung dabei ist es, ein deutschlandweites ambulantes „Psych-Behandler“-Netzwerk aufzubauen und zu pflegen. Hier konnten wir viele wichtige Fachgesellschaften auf Bundesebene als Kooperationspartner gewinnen. Die große Chance ist es, am Ende solch ein deutschlandweites Netzwerk für die Versorgung etabliert zu haben und weiter ausbauen zu können – und schon damit die Versorgung der Betroffenen erheblich verbessert zu haben.

Was erhoffen Sie sich von der Studie auch im Hinblick auf unsere Gesellschaft?

Ich wünsche mir vor allem eine Verbesserung der psychischen Gesundheit von Familien sowie eine Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen in der Peripartalzeit – weil die Fragen durch UPlusE ganz normal zur Vorsorgeuntersuchung gehören.

 

Ausgewählte Publikationen und Preise

Preise

  • Frauenförderpreis der Stadt Nürnberg für den Aufbau der Mutter-Kind-Tagesklinik 2010

Publikationen

  • Simen S, Hajak G, Schlaf G, Westenhöfer J, Rodenbeck A, Bandelow B, Pudel V, Rüther E. Chronifizierung von Schlafbeschwerden. Ergebnisse einer Repräsentativumfrage in Westdeutschland [Chronification of sleep disorders. Results of a representative survey in West Germany]. Nervenarzt. 1995 Sep;66(9):686-95. German. PMID: 7477606.
  • Simen, S; Kastner, B; Hillemacher, T. Die psychiatrische Mutter-Kind-Tagesklinik; eine flächendeckend notwendige Einrichtung psychiatrischer / psychosomatischer Tageskliniken. psychopraxis. neuropraxis. 2018.
  • Simen, S; Rauber, S; Schwab, S; Kainer, F. Screening für Peripartale Depression – Sinnvoll – Machbar – Auch in der Geburtshilfe? Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2019; 223: -29. Deutscher Kongress für Perinatale Medizin. Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM); 28.30.11.2019; Berlin. DOI: 10.1055/s-0039-3401092.
  • Heinisch, C; Galeris, MG; Gabler, S; Simen, S; Junge-Hoffmeister, J; Fößel, J; Spangler, G; Mothers With Postpartum Psychiatric Disorders: Proposal for an Adapted Method to Assess Maternal Sensitivity in Interaction With the Child. Front Psychiatry. 2019; 10: 471 IF: 2,849 (2019)
  • Simen S, Kuscher K, Schröder L, Yilmaz-Terzioglu N, Schröder T, Jung R, Köhler W, Dammer U, Kastner B, Hillemacher T, Berg NVD, Rauber S. Routine Screening for Peripartum Depression in the Gynecologic and Pediatric Setting - Evaluation of an Adapted EPDS Version. Z Geburtshilfe Neonatol. 2023 Jun;227(3):213-218. English. doi: 10.1055/a-2016-9737. Epub 2023 Feb 16. PMID: 36796423.