Notfallservice
  • Foto-Portrait von Dr. Chantal Degen

    Forschung am Klinikum: Dr. med. Chantal Degen

    Sie hat ihr Humanmedizin-Studium an der PMU in Salzburg absolviert und ist nun als Oberärztin am Klinikum Nürnberg
    tätig.

 

30.09.2024

Seit März 2024 bereichert Frau Dr. med. Degen die Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und engagiert sich neben ihrem klinischen Alltag auch für Forschung und Lehre. Im nachfolgenden Interview beantwortet sie Fragen rund um ihren Werdegang und ihre beruflichen Interessen und teilt am Ende noch ein paar hilfreiche Erkenntnisse mit jungen Kolleginnen und Kollegen.

 

Frau Dr. med. Degen, bitte beschreiben Sie Ihren bisherigen beruflichen Werdegang.

Nach dem Studium bin ich meinem Interesse an der Otologie (Ohrenheilkunde) nach Hannover gefolgt und habe meine Weiterbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover begonnen. An der MHH dreht sich klinisch und wissenschaftlich alles um Ohren, insbesondere um Hörimplantate. Nach mehr als sechs Jahren an der MHH habe ich mich bei meinem Wechsel nach Berlin bewusst für den Charité-Campus entschieden, an dem keine Implantatversorgung stattfindet, um in den Bereichen Kopf-Hals-Chirurgie und Nasennebenhöhlenchirurgie etwas mehr Sicherheit zu gewinnen. In Berlin konnte ich klinisch vor allem in der chirurgischen Notfallversorgung die notwendige Erfahrung sammeln, um jetzt im Hintergrunddienst eingesetzt werden zu können. Seit meinem Wechsel nach Nürnberg im März 2024 kann ich mich allerdings wieder vornehmlich der Ohrenheilkunde zuwenden.

Sie kennen die PMU bereits von Ihrem Medizinstudium und waren seitdem an zwei weiteren Einrichtungen beschäftigt. Was hat Sie am Ende dazu bewegt wieder an Ihre Alma Mater zurückzukehren?

Ich hatte an der PMU sehr positive Erfahrungen, daher hat mir der Gedanke gefallen, als klinische Lehrperson zurückzukehren. Richtig vom Wechsel nach Nürnberg überzeugt war ich allerdings erst nach dem Vorstellungsgespräch bei Prof. Traxdorf. Er hat mir eine Position mit viel Entwicklungs- und Gestaltungsspielraum in Aussicht gestellt. Bislang hat sich das absolut bewahrheitet und ich bin sehr glücklich mit der Entscheidung das Team hier zu unterstützen.

Im Anschluss an Ihr Medizinstudium und Ihre Promotion haben Sie noch ein Masterstudium in Oxford („Surgical Science and Practice“) durchgeführt. Was hat Sie dazu bewegt und wie hilft Ihnen diese Erfahrung heute im klinischen Alltag?

Als junge Assistenzärztin wurde mir beim Blick nach „oben“ auf die Oberärztinnen und Oberärzte schnell klar, dass es für den klinischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg einer Klinik mehr braucht, als nur fachliche Fähigkeiten. Das Programm an der Universität Oxford wurde von Chirurgen für Chirurgen gegründet, um diese auf die Aufgaben vorzubereiten, die außerhalb der fachlichen Kernkompetenz liegen: Themen wie Qualitätsmanagement, Innovationstransfer, Patientinnensicherheit und Patientensicherheit, die chirurgische Weiterbildung oder Evidenz in der Chirurgie. Für meinen Funktionsbereich mache ich mir viele Gedanken dazu, wie ich die gelernten Konzepte so gut wie möglich zum Wohle der Patientinnen und Patienten und zur Verbesserung der Aus- und Weiterbildung anwenden kann. Aktuell arbeite ich beispielsweise an einem Otologie-Curriculum, um die Weiterbildung in diesem Bereich besser zu strukturieren.

Neben Ihrer klinischen Tätigkeit sind Sie auch in der Forschung tätig. Wo liegen Ihre wissenschaftlichen Interessen?

Während der Weiterbildung wurde ich mehrere Monate für die Forschung mit Cochlea-Implantat-Patientinnen und -Patienten freigestellt. Seit einigen Jahren bin ich zudem im Bereich der Lehr- und Lernforschung in einer Arbeitsgruppe von Prof.‘in Steffens an der MHH angestellt. Hier geht es darum die klinische Lehre, insbesondere den Unterricht am Krankenbett zu verbessern, aber auch darum, didaktisch hochwertige Lehr- und Lernmaterialien öffentlich verfügbar zu machen. Mein erstes Drittmittelprojekt hatte den Namen „Open Educational Resources für die HNO“ und hat zur hochschulübergreifenden Nutzung gewisser von HNO-Lehrmaterialien beigetragen. Ich bin überzeugt, dass es nur durch Kollaboration langfristig möglich ist, die Aus- und Weiterbildung bedeutend zu verbessern, daher engagiere ich mich sehr aktiv für den Austausch unter Lehrenden über die Arbeitsgruppe Lehren und Prüfen der deutschen HNO-Gesellschaft (DGHNO-KHC).

Aktuell haben Sie sich auf eine Förderung beworben, um ein Projekt zum Thema Schwerhörigkeit bei Kindern zu finanzieren. Worum geht es darin?

Jedes Jahr werden im Klinikum Nürnberg ca. 3000 Kinder geboren, mindestens fünf davon taub. Allerdings verfügt das Klinikum Nürnberg aktuell nicht über die State-of-the-art Diagnostikmöglichkeiten, um in solchen Fällen die komplette Diagnostik und Therapie anzubieten. Mit der Projektförderung könnten Investitionen in neuste Diagnostikapparaturen getätigt werden. Sobald die Ausstattung stimmt, können vor allem bei schwerhörigen Kindern diverse spannende Fragestellungen erforscht werden. Ich interessiere mich sehr für genetische Formen der kindlichen Schwerhörigkeit. Hier bedarf es einer sehr genauen Phänotypisierung, um genetische Varianten effektiv Phänotypen zuzuordnen. Im letzten Jahr wurde erstmalig eine angeborene Taubheit durch Gentherapie geheilt, das Thema hat also nicht nur akademische, sondern auch zunehmend therapeutische Relevanz.

An der Berliner Charité haben Sie außerdem ein Projekt zum Thema Lern- und Lehrforschung begleitet. Können Sie sich vorstellen, auch selbst in der Lehre tätig zu sein und was begeistert Sie daran?

Ich habe im Studium an der PMU in Salzburg selbst eine gute Ausbildung genossen und freue mich jetzt auch Vorlesungen zu halten und Studierende in der Klinik durch die HNO zu begleiten. Mir macht es Spaß, wenn ich bei Studierenden Aha-Momente generiere und die klinische Relevanz von Inhalten herausarbeiten kann, die von Studierenden initial als unbedeutend, langweilig oder sehr komplex wahrgenommen werden. Mir ist bewusst, dass die meisten Studierenden keine Karriere in der HNO-Heilkunde einschlagen. Trotzdem möchte ich denen, die sich dafür eignen und interessieren könnten einen guten Eindruck vom Fach vermitteln und denen, die andere Richtungen einschlagen die wichtigsten Kenntnisse und Fertigkeiten mit auf den Weg geben.

Haben sie einen Tipp für junge Ärztinnen und Ärzte, die ebenfalls Interesse haben zu forschen? Wie lassen sich z.B. beide Bereiche – Wissenschaft und klinischer Alltag – unter einen Hut bekommen?

In der Wissenschaft hat man wie überall eine Lernkurve, sprich am Anfang läuft nicht alles glatt – Daten fehlen, man macht Fehler in der Statistik, die ersten Drafts von Manuskripten kommen komplett umgeschrieben zurück und die ersten Anträge werden abgelehnt. Das ist normal! Es lohnt sich aber am Anfang jemand Erfahrenes im Boot zu haben, der/die einem hilft das Projekt gut abzustecken und machbare Deadlines für kleine Abschnitte zu setzen, damit Probleme frühzeitig auffallen und adressiert werden können. Dabei ist meiner Erfahrung nach zweitrangig aus welchem Fach die Mentoren und Mitstreiter kommen, Hauptsache man hat einen guten Draht zueinander.

 

Ausgewählte Publikationen

  • Degen, CV et al. “Open Educational Resources für die HNO-Heilkunde: Ein Pilotprojekt zur Bedarfsanalyse und Implementierung” [Open educational resources for otorhinolaryngology: A pilot study on needs assessment and implementation]. HNO vol. 72,5 (2024): 310-316. doi:10.1007/s00106-024-01465-4
  • Degen, CV et al. “Audiological profile of adult Long COVID patients.” American journal of otolaryngology vol. 43,5 (2022): 103579. doi:10.1016/j.amjoto.2022.103579
  • Degen, CV et al. “Self-reported Tinnitus and Vertigo or Dizziness in a Cohort of Adult Long COVID Patients.” Frontiers in neurology vol. 13 884002. 25 Apr. 2022, doi:10.3389/ fneur.2022.884002
  • Degen, CV et al. “Effect of Electrode to Modiolus Distance on Electrophysiological and Psychophysical Parameters in CI Patients With Perimodiolar and Lateral Electrode Arrays.” Otology & neurotology: official publication of the American Otological Society, American Neurotology Society [and] European Academy of Otology and Neurotology vol. 41,9 (2020): e1091- e1097. doi:10.1097/MAO.0000000000002751
  • Degen, CV et al. “The emperor‘s new clothes: PDE5 and the heart.” PloS one vol. 10,3 e0118664. 6 Mar. 2015, doi:10.1371/ journal.pone.0118664