22.12.2023
Als Seelsorger auf der Intensivstation 10/2 ist Anton Baier kein Forscher im klassischen Sinne. Und doch hat er im Laufe der Jahre ein Projekt durchgeführt, das einen Ansatz zur Kommunikation mit Komapatienten beschreibt. Daraus entstand ein Taschenblatt für Ärztinnen, Ärzte und Pflegende, ein Buch, das beim Kohlhammer-Verlag veröffentlicht wird und ein Curriculum, das im kommenden Jahr stattfinden wird. Seine Arbeit ist von hoher Interdisziplinarität geprägt und ein schönes Beispiel für eine enge und tiefgehende Zusammenarbeit am Klinikum.
Herr Baier, können Sie uns etwas über Ihren Werdegang und Ihre aktuelle Tätigkeit am Klinikum erzählen?
Ich habe in Innsbruck Theologie studiert und nach dem Studium eine Ausbildung in meiner Kirche als Gemeindeseelsorger absolviert. Die ersten acht Dienstjahre war ich in zwei Gemeinden tätig. An beiden Orten war es mir wichtig, aus christlicher Perspektive mit Menschen in Kontakt zu kommen und aufmerksam zu sein für das, was ihr Leben trägt. Dabei habe ich versucht zu verstehen, wie Menschen von Hoffnung und Lebenskraft sprechen und ihre Haltung und Sehnsucht im Alltag verkörpern. Darum habe ich weitere acht Jahre parallel zu meinem Dienst eine Ausbildung als Bibliodramatiker und als Psychodramatiker gemacht und letztere mit dem Fokus auf Seelsorge jenseits der Sprache abgeschlossen. Anschließend bin ich in die Klinikseelsorge eingestiegen.
Mein erster Schwerpunkt war Seelsorge bei dementen Menschen auf einer geriatrischen Reha. 2014 habe ich an einem Kurs zur Seelsorge auf der Intensivstation im Krankenhaus Bethel in Bielefeld teilgenommen. Das war mein erster Kontakt mit Komapatientinnen und -patienten. In einer interdisziplinären Gruppe mit Seelsorgern, Psychologen, Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegern haben wir Entdeckungen reflektiert und Axiome für die Besuche entwickelt. Im selben Jahr habe ich meinen Dienst am Klinikum Nürnberg | Campus Nord begonnen und mich entschieden, schwerpunktmäßig auf der Intensivstation 10/2 als Seelsorger zu arbeiten. 2021 bis 2022 habe ich mich weiterqualifiziert in traumasensibler Seelsorge. Ich arbeite nun in regelmäßiger Präsenz als Seelsorger mit dem interdisziplinären Team auf der Intensivstation 10/2 und begleite dort Menschen in unterschiedlichen Krisensituationen.
Wo liegt der Fokus Ihrer Arbeit auf der Intensivstation?
Meine Aufmerksamkeit gilt von Anfang an Menschen, die intubiert sind und im Koma behandelt werden. Mir ist deutlich geworden, dass der Satz „dieser Mensch ist nicht ansprechbar und bekommt nichts mit“ nicht zutreffend ist. Der Satz sagt möglicherweise mehr über mich als über den Patient oder die Patientin. Es liegt an mir, ob ich sie anspreche. Ich habe beobachtet, wie in jedem Kontakt ein solcher Patient oder eine Patientin etwas mitbekommt (weil ihm/ihr irgendetwas bewusst oder unbewusst gegeben wird). Ich habe erkannt, dass in grundsätzlicher Weise etwas Kommunikatives zwischen dem Kontaktierenden und dem Komapatienten stattfindet. Mir wurde auch klar, dass diese Kommunikationshaltung disparat ist. So bin ich bei Komapatientinnen und -patienten schweigsamer und aufmerksamer geworden. Diese stille Suche nach kommunikativen Phänomenen hat auch ein Interesse bei Mitarbeitenden geweckt. Wir sind darüber wiederholt ins Gespräch gekommen. Ab 2018 habe ich mit einer festen Gruppe verschiedener Professionen 20 Komapatientinnen und -patienten mehrfach über einen Zeitraum protokolliert besucht. Daraus haben wir ein Kommunikationsmodell für die Begegnung mit Komapatientinnen und -patienten entwickelt; ein inzwischen vielfach reflektiertes und erprobtes Gerüst. Dadurch können subjekthafte Anteile der im Koma liegenden Person am Geschehen wahrgenommen und ein Umgang damit gestaltet werden.
Sie sprechen von Ihrem Projekt zum Thema „Struktur und Wahrnehmung“, das in diesem Jahr beendet wurde. Was kann man sich darunter vorstellen?
Es war mein Anliegen, eine reflektierte Struktur zu entwerfen, wie man mit einem Menschen im Koma in einen kommunikativen Kontakt kommen kann. Dabei geht es nicht um eine Deutungshoheit. Wir beschreiben vor allem eine Haltung, wie man Komapatientinnen und -patienten so begegnen kann, dass man für feinste Resonanzen aufmerksam ist und ihnen darauf ein Feedback gibt. Eine Tabelle, die als Taschenblatt in den Funktionskittel passt und so im Stationsalltag einfach mitgenommen werden kann, gibt Orientierung für einzelne Schritte, die je nach Möglichkeit einzeln oder in einer Abfolge umgesetzt werden können. Je mehr ein Mensch mit Maschinen umbaut und unterstützt wird, desto größer ist die Gefahr, dass die Resonanzfähigkeit als wesentliche Teilhabe allen Lebens übersehen wird. Mit anderen Worten: eine intensive Medizin ist ein Segen, um einen Menschen beim körperlichen Überleben zu retten oder ihm zumindest ein Angebot zur Rettung zu machen. Wie der Betroffene in dieser Lage, die dann oft einen langen Weg in einer scheinbaren Objekthaftigkeit mit sich bringt, als Mensch interagiert und in Resonanz tritt, ist etwas anderes. Dafür wollte das Projekt Aufmerksamkeit schaffen und eine Handlungsstruktur anbieten.
Wie funktioniert die Kommunikation mit Komapatientinnen und -patienten und welche Reaktionen konnten Sie feststellen?
Der erste Zugang ist die Bereitschaft zum Schweigen. Es braucht eine Haltung der Stille. Das Reden über den Patienten oder die Patientin wird unterlassen und ein Schweigen mit der Person eingeübt. Es braucht die Stille, in der eine Aufmerksamkeit für das, was sich zeigen will, möglich ist. Zuerst spreche ich die Person kurz an; das ist eine Frage der Höflichkeit. Dann nehme ich Platz bei ihr und schweige. Wenn ich so still geworden bin, dass ich zwischen Projektion und Wahrnehmung unterscheiden kann, mache ich mir Notizen von dem, was sichtbar wird. Manchmal lege ich dabei auch eine Skizze von der Körperskulptur an, denn auch wenn der Mensch gebettet und gelegt wird, ist jeder in seiner körperlichen Präsenz einzigartig. Wenn sich mir etwas besonders aufdrängt, spreche ich es aus und fokussiere meine Aufmerksamkeit darauf: Veränderung an Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Hautspannung, Farbe, Geruch, Geräuschen, Mimik. Manchmal gibt ein Patient oder eine Patientin darauf eine Resonanz, die oberflächlich wahrnehmbar ist oder sich in einer Tiefenwahrnehmung ausdrückt. Das kann als Impuls für die nächste Begegnung dienen. Den Angehörigen dieser Menschen schenke ich viel Zeit und aufmerksames Zuhören. Wenn sich eine Schnittstelle zu meinen Wahrnehmungen zeigt, biete ich diese an. In gewisser Weise kann all das als bildgebendes Verfahren in einer anderen Art und Weise verstanden werden.
Im Koma ist der Mensch in einem Tiefenbewusstseinszustand. Dieser ist mit einer Traum- oder Albtraumwelt vergleichbar. In unserem Projekt konnten wir auch Menschen, die wir während des Komas kontaktiert haben, nach dem Erwachen interviewen und somit abgleichen, dass sich in den Erfahrungen von inneren Bildern, die sich in einem wahrnehmenden meditativen Zustand bei uns einstellen, etwas vom Komapatienten abbilden kann. Es wird deutlich, dass es auch dem Menschen im Koma um etwas geht, was jedem Menschen lebensnotwendig ist: wahrgenommen zu werden und sich resonant und am Leben anteilnehmend zu erfahren und zu zeigen. Zur Diagnostik taugen solche Erfahrungen nicht. Aber die Anerkennung, dass solches möglich ist, ist in einem System, in dem durch Apparate Grenzen menschlicher körperlicher Existenz temporär überschritten werden und Lebenserhaltung funktional gesteuert wird, von Bedeutung für die Wahrung der Unverfügbarkeit und Angewiesenheit menschlichen Lebens.
Im nächsten Jahr werden Sie ein Curriculum zum Thema „Tiefenwahrnehmung und Kommunikation mit Komapatientinnen und -patienten“ abhalten. Können Sie uns mehr darüber erzählen? Was wird dort gemacht und an wen richtet sich die Veranstaltung?
Das Curriculum als dreitägiger Kurs richtet sich an Menschen, die in Medizin, Pflege, Therapie und Seelsorge mit Komapatientinnen und -patienten arbeiten. Wir leiten diesen Kurs als dreiköpfiges interdisziplinäres Team: Herr Dr. Arnim Geise (bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation 10/2), Herr Claudio Ettl (stellvertretender Direktor der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg – „cph“) und ich als Seelsorger der Intensivstation. Für uns drei war das Projekt von Anfang an ein Anliegen. Wir haben immer wieder – teilweise kontrovers – Einsichten und Erfahrungen diskutiert. Für das Curriculum werden wir zwei Einheiten anbieten. Zunächst einen Einblick in der Frage nach dem Bewusstsein und dem Ungewissen sowie dem Körper als Kommunikationsangebot. Das „Herzstück“ wird die wiederholende übende Begegnung mit einer Person im Koma sein. Wie in den Jahren der Projektarbeit so können wir davon ausgehen, dass uns Angehörige mit ihrer stellvertretenden Einwilligung unterstützen werden. Das von uns entworfene „Taschenblatt“ wird als Handwerkszeug zur Kommunikation mit Komapatientinnen und -patienten eingeführt. Reflexion und Austausch zur Ertragssicherung runden die Veranstaltung ab. Wir freuen uns, dass uns der Präsident des Lionsclub „Philipp-Melanchthon“ Nürnberg beim Aufbau des Curriculums finanziell unterstützt. Dadurch können wir beim ersten Curriculum über die Kursteilnehmenden hinaus zu einer Konzertlesung von Izabella Effenberg und Lea Schmocker einladen und unser Thema einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Wir bewerben das Curriculum im deutschsprachigen Raum und freuen uns natürlich, wenn wir auf eine interessierte Resonanz stoßen. Die Gruppe wird auf 16 Teilnehmende beschränkt. Wir planen jährlich einen Kurs und möchten darin jeweils für zwei kleine, tieferführende Einheiten weitere Referierende einladen. Im ersten Jahr freuen wir uns über Herrn Oberarzt Dr. Golo-Sung Haarmeyer zum Thema „Vom Bewusstsein ins Ungewisse“ und die Anästhesie- und Intensivfachpflegekraft und Yogalehrerin Frau Regine Hemmeter zum Thema „Körper als Kommunikationsangebot“.
Nicht nur das Curriculum, sondern auch Ihre tagtägliche Arbeit ist von hoher Interdisziplinarität geprägt. Wie wichtig ist Ihnen der Austausch untereinander und in welcher Hinsicht profitieren Sie von den Ansichten der Anderen?
Auf der Intensivstation begegnen wir meistens Menschen in Ausnahmesituationen. Dazu braucht es eine ruhige und um die eigene Kompetenz und Grenzen wissende Haltung. Denn gerade weil dort „alles“ – Angehörige sagen das oft: „bitte machen Sie alles“ – möglich scheint, ist das Mühen um einen komplementären Blick auf den Menschen, um den es geht, wichtig. Das geht nur miteinander. Ich habe als Seelsorger viel gelernt, in dem mich Pflegende, Ärztinnen und Ärzte von Anfang an gut aufgenommen und mir ihre Arbeit und ihre Haltung erklärt haben. Ich habe verstanden, dass jede und jeder versucht, seine Intervention gegenüber den Patientinnen und Patienten letztlich als dialogisches Angebot zu setzen: ich gebe Dir etwas, und dann schauen wir, was Du daraus machst. Ich bin als Seelsorger ein Teil dieses Teams. Ich stelle mich zur Verfügung zum Wahrnehmen, Hinhören und für Beistand und Begleitung. Wir spielen einander zu. Das berührt mich immer wieder. Wir teilen Wahrnehmungen untereinander und können uns aufeinander verlassen. Das hat auch zur Folge, dass viele Angehörige und Patientinnen und Patienten auch in sehr schweren Situationen uns sagen, dass sie sich bei uns geborgen und gut gesehen fühlten. Die Intensivstation ist für mich persönlich ein Ort, an dem sichtbar wird, wie und ob Theologie, Spiritualität und Seelsorge dem Leben gegenüber standhalten. Mit Überzeugung sage ich: ich habe bisher keinen spirituelleren Ort als diese Intensivstation kennengelernt. Das hat mit allen Menschen dort und dem Umgang mit den Grenzen menschlichen Lebens zu tun. Allein geht da nicht viel – nicht in der Arbeit und nicht im Umgang mit den Herausforderungen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Welche Ziele verfolgen Sie?
Ich habe in zehn Jahren auf der Intensivstation 10/2 erleben und einbringen können, wie fruchtbar Dialog und gelebte gemeinsame Praxis von Medizin, Pflege und Seelsorge sein kann. Da möchte ich weitermachen, und ich freue mich, damit nicht allein zu sein. Das Curriculum „Koma und Kommunikation – ein Übungsweg zur Tiefenwahrnehmung“ ist dabei ein guter Weg. Auch freue ich mich, dass ich begleitend dazu nächstes Jahr im Kohlhammer-Verlag ein Buch veröffentlichen kann, das Prof. Dr. Frank Erbguth mit zwei Kapiteln unterstützt. Wenn ich einen großen Wunsch aussprechen darf, dann würde ich gerne einen Standard und ein Ausbildungsmodell für Seelsorge auf Intensivstation entwickeln, die auf jeder größeren Intensivstation umsetzbar sind.