Notfallservice
  • Darmkrebs im Frühstadium: Wie die Pathologie hilft

    Was tun, wenn bei der Darmspiegelung Polypen gefunden werden? Pathologie-Direktor Prof. Jens Neumann im Interview.

20.03.2026

Im Kampf gegen den Darmkrebs sind Prävention, Vorsorge und frühzeitige Behandlung wichtig. Darauf machen viele Intitiativen im Darmkrebsmonat März aufmerksam. Am Klinikum Nürnberg befasst sich der Direktor des Universitätsinstituts für Pathologie, Univ.-Prof. Dr. Dr. Jens Neumann, intensiv mit dem kolorektalen Karzinom. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gastroenteropathologie der Deutschen Gesellschaft für Pathologie e. V. (DGP) und hat die 2025 veröffentlichte neue S3-Leitlinie mitverfasst. Die DGP hat ihn für ein Medienbriefing zum Thema Polypen-Management interviewt: zum weiteren Vorgehen, wenn bei der Darmspiegelung in einem entnommenen Polypen Gewebe eines sehr frühen Darmkrebses entdeckt wird. Hier bietet die neue Leitlinie Orientierung bei der Risikoabschätzung.

Herr Professor Neumann, viele Menschen denken: Ein Polyp ist harmlos, wenn er entfernt wurde. Warum stimmt das nicht immer?

Prof. Jens Neumann: Zum einen gibt es unterschiedliche Polypentypen und Risikokonstellationen. Zum anderen kann sich in einem Polypen bereits ein frühes invasives Karzinom – ein sogenanntes pT1-Karzinom – befinden. Auch wenn der Polyp endoskopisch komplett entfernt wurde, stellt sich dann die Frage: Reicht das aus, oder besteht ein relevantes Risiko für Lymphknotenmetastasen? Genau hier kommt die Pathologie ins Spiel. Wir untersuchen sehr differenziert verschiedene Risikofaktoren. Erst auf dieser Grundlage kann klinisch entschieden werden, ob eine engmaschige Nachsorge genügt oder ob eine größere Operation notwendig ist.

 

Bei sehr frühem Darmkrebs haben sich in der neuen S3-Leitlinie zentrale Bewertungen geändert. Was genau ist neu?

Prof. Jens Neumann: Die entscheidende Neuerung betrifft die Tiefeninfiltration. Lange Zeit galt: Wenn ein Karzinom im Polypen mehr als 1.000 Mikrometer in die Submukosa eingedrungen war, wurde das als Hochrisikokriterium gewertet – selbst dann, wenn alle anderen Risikofaktoren unauffällig waren. In der Konsequenz führte das häufig zu einer Teilentfernung eines Dickdarmabschnitts mit Lymphknotenentfernung – eine schwere OP. Allerdings konnten bei mehr als 85 Prozent dieser Fälle bei der histologischen Untersuchung des Operationspräparats letztlich keine Lymphknotenmetastasen nachgewiesen werden. Insofern lag eine chirurgische Übertherapie bei diesen pT1-Karzinomen vor.

Inzwischen zeigen größere Studien und Metaanalysen, dass die Tiefeninfiltration allein kein Prädiktor für ein hohes Risiko ist. Ich muss die Tiefeninfiltration weiterhin messen und im Befund dokumentieren, sie ist aber für sich genommen kein automatischer Operationsgrund mehr. Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten können somit unnötige große Darmoperationen vermieden werden.

 

Basis für das Polypen-Management ist die pathologische Befundung. Sie wird immer präziser, aber auch komplexer.

Prof. Jens Neumann: Das ist richtig. Früher fiel ein pathologischer Bericht oft sehr knapp aus – teilweise bestand er aus nur wenigen Zeilen und umfasste im Wesentlichen die Diagnose und den Resektionsstatus des Polypen. Heute werden zahlreiche zusätzliche Parameter systematisch erhoben. Dazu gehört etwa die Zahl der Tumor-Buds, die ich unter dem Mikroskop auszähle. Tumor-Buds sind sich ablösende Tumorzellnester. Sie erlauben Aussagen über die Aggressivität eines Karzinoms. Darüber hinaus beurteile ich Lymphgefäßeinbrüche und den Resektionsstatus.

Hinzu kommen vermehrt Zusatzuntersuchungen, insbesondere immunhistochemische Analysen. So wird inzwischen beispielsweise der Mikrosatelliten-Status stadienunabhängig bestimmt – also auch bei frühen Karzinomen. Das bedeutet, dass ein Fall häufig nicht mit einem einzigen Befund abgeschlossen ist: Nach der Erstbeurteilung folgen weitere Untersuchungen, der Fall kommt erneut auf meinen Tisch, und es wird ein ergänzender Bericht erstellt. Insgesamt sind die Befunde differenzierter, komplexer und stärker strukturiert. Das erhöht die diagnostische Präzision, führt aber auch zu deutlich längeren Bearbeitungszeiten pro Fall und einem insgesamt höheren Arbeitsaufwand in der Pathologie.

Text: Medienbriefing der Deutschen Gesellschaft für Pathologie

Bild: Univ.-Prof. Dr. Dr. Jens Neumann leitet das Institut für Pathologie am Klinikum Nürnberg.

Foto: Luisa Schuster, Klinikum Nürnberg

 

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