Standortbestimmung zur "Gendermedizin"

Männer und Frauen unterscheiden sich bei Risikofaktoren und beim Umgang mit der Krankheit

„Frauen ticken anders – Männer erst recht!“ Und sie sterben im Durchschnitt sechs Jahre später als Männer – mit 84 Jahren. Was bedeuten diese Unterschiede für die moderne Medizin? Brauchen wir eine eigene „Gendermedizin“?

Eine Veranstaltung des Klinikums Nürnberg und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg am 28.11.2015 versucht eine Standortbestimmung. Ein Fazit: Es gibt wissenschaftlich belegte Unterschiede für Krankheitsbilder wie koronare Herzkrankheit, die eine differenzierte Betrachtung der Ursachen, Diagnostik und Therapie erfordern. Hintergrund dafür ist nicht nur die unterschiedliche körperliche und genetische Konstitution von Männern und Frauen, sondern auch die Unterschiede bei Risikofaktoren, etwa der Lebensstil sowie der Umgang mit der Erkrankung.

Frauen wollen reden, Männer wollen handeln

Krebserkrankungen werden oft unterschiedlich bewältigt: Während Frauen häufiger (rund 30 Prozent) mit schweren Ängsten, Depression und chronischer Müdigkeit reagieren, steht für Männer der Wunsch nach Autonomie und Kontrolle im Vordergrund. Es gilt das Muster: Frauen wollen reden, Männer wollen handeln.

„Die Unterschiede bei dem Umgang mit Krebserkrankungen sind eindeutig. Männer wollen weniger sprechen und sind vor allem um ihre Autonomie und Erwerbsfähigkeit besorgt, während Frauen ein großes Bedürfnis haben, einen Gesprächspartner für ihre Ängste und Nöte zu haben“, erklärt Professor Dr. Wolfgang Söllner, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg. „Diese Bedürfnisse werden in dem medizinischen Behandlungsangebot, etwa bei der Aufklärung über belastende Behandlungen, und bei der psychoonkologischen Beratung berücksichtigt.“

Männer leben ungesünder und haben häufiger Herzinfarkte

Bekannt ist auch der Geschlechterunterschied beim Herzinfarkt: Während in Europa jedes Jahr rund 250.000 Männer daran sterben, sind es nur 77.000 Frauen vor dem 65. Lebensjahr. Wie ist der große Unterschied zu erklären?

„Frauen sind vor den Wechseljahren durch Hormone geschützt. Die koronare Herzerkrankung nimmt bei ihnen erst etwa ab dem 55. Lebensjahr zu“, erklärt Professor Dr. Roland Veelken, Leitender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin 4, Klinikum Nürnberg. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass es zudem die Unterschiede bei den Risikofaktoren in jüngeren Jahren sind, die die Erkrankungshäufigkeit beeinflussen. „Jüngere Männer haben häufiger einen hohen Blutdruck und schlechtere Blutfettwerte als Frauen“, sagt Professor Veelken. Der Grundstein für die längere Lebenserwartung von Frauen wird also bereits in jungen Jahren gelegt. „Nur bei einem weiteren wichtigen Risikofaktor, dem Rauchen, sind junge Frauen heute aktiver als junge Männer.“

Frauen greifen häufiger zu Schlafmitteln und Stimmungsaufhellern

Ein wichtiger Faktor ist auch die Therapietreue von Patienten. Werden Medikamente nicht genommen und Untersuchungen versäumt, so kann dies schwere Folgen haben. „Es gibt Unterschiede im Einnahmeverhalten von Medikamenten zwischen Männern und Frauen“, berichtet Dr. Annette Sattler, Leiterin der Apotheke am Klinikum Nürnberg. So wurde im Klinikum Nürnberg untersucht, welche verschreibungspflichtigen und nicht verschreibungspflichtigen Medikamente Patienten, die wegen eines Notfalls in die Klinik aufgenommen werden mussten, mitgebracht hatten. „Frauen nehmen prinzipiell mehr Medikamente ein, die sie sich selbst in der Apotheke besorgen“, so Dr. Sattler. „Und sie bekommen häufiger Antidepressiva verordnet (in der eigenen Erhebung: 20 Prozent, Männer rund 12 Prozent) und Schlafmitteln (10 Prozent, Männer rund 7 Prozent), die ein Abhängigkeitspotential bergen.“ 

Zukunftsperspektive ist die „personalisierte“ individuelle Medizin

Die Arzneimitteltherapie ist darüber hinaus ein Bereich, in dem die Gendermedizin längst Einzug gehalten. Der unterschiedlichen Aufnahme und den Verstoffwechslung von Arzneimitteln, den Interaktionen mit Hormonen bei Frauen und Männern muss Rechnung getragen werden. „Entscheidend ist aber nicht nur die Geschlechtszugehörigkeit, sondern die individuelle Betrachtung des Patienten und seiner jeweiligen körperlichen und genetischen Konstitution“, so Dr. Sattler. Insbesondere in der Krebsmedizin ist man bereits zum Teil mit Erfolg dazu übergegangen, das Ansprechen des einzelnen Patienten auf ein Arzneimittel zu testen („personalisierte Medizin“).

Veranstaltung: „Frauen ticken anders – Männer erst recht!“, 28.11.2015 9 bis 14 Uhr, Marmorsaal, Gewerbemuseumsplatz 2, 90403 Nürnberg

Programm im Internet

 

Literatur:

Söllner W., Gender-Aspekte in der Onkologie: Wie erleben und bewältigen Männer eine Krebserkrankung? JATROS, Hämatologie & Onkologie 2 / 2011

Fritz J. et al.: Mediation analysis of the relationship between sex, cardiovascular risk factors and mortality from coronary heart disease: Findings from the population-based VHM&PP cohort, Atherosclerosis 243 (2015) 86 – 92

 

Ansprechpartnerin: Dr. Annette Tuffs

Leiterin Unternehmenskommunikation, Pressesprecherin,

Klinikum Nürnberg , Parcelsus Medizinische Privatuniversität in Nürnberg

Tel:   0151 / 253 309 35
Annette.Tuffs@klinikum-nuernberg.de

 

Autorin/Autor: Dr. Annette Tuffs, Leiterin Unternehmenskommunikation, Pressesprecherin

 
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