Das zweite Leben als Geschenk

Stammzellspenden

Als Emanuel Häuser zu sich kam, spürte er das kalte Metall an seiner Wange. Der junge Mann brauchte einen Moment, um den Gitterrostboden und die weißen Fliesen wiederzuerkennen, die ihn umgaben. Verwirrt verließ er den gekachelten Raum, setzte sich draußen auf eine Holzbank und begann allmählich zu begreifen, was gerade passiert war: Ein Ohnmachtsanfall auf einer Rasthof-Toilette.

Im Rückblick war das der deutlichste Hinweis seines Körpers, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Bereits zwei Wochen zuvor hatte Häuser eine schwere Mandelentzündung, die ihm selbst das Trinken fast unmöglich machte. Der damals 29-Jährige schob die Symptome auf den beruflichen Stress der letzten Monate und linderte die Beschwerden mit einem verordneten Antibiotikum.

Doch bald kamen heftige Fieberschübe hinzu, die vermutete Grippe besserte sich über Tage nicht – bis sich Häuser schließlich auf dem Gitterrost wiederfand. Es folgte eine Odyssee von Arztbesuchen und einer Handvoll Diagnosen. Der eigentlich sportliche Mann fühlte sich immer schlapper, musste sich auf einem Weg von 500 Metern zweimal auf den Boden der Fußgängerzone setzen. „Ich dachte damals an eine Anämie, die Symptome passten auch darauf“, erzählt er heute. Schließlich verlor seine Freundin die Geduld.

In der Notaufnahme im Klinikum Nürnberg gruben sich beim Blick auf die Blutwerte tiefe Sorgenfalten in die Stirn des Krankenpflegers. Zur weiteren Untersuchung sollte Häuser über Nacht im Krankenhaus bleiben. Am nächsten Morgen stand die Diagnose fest, die das Leben der jungen Familie veränderte: akute Leukämie.

Für Häuser war es der „realste Albtraum, den ich je hatte. Man kann es nicht begreifen und weiß zugleich, dass es die Wirklichkeit ist.“

Neun von zehn Merkmalen müssen passen

Jedes Jahr erkranken rund 5.500 Menschen an dieser sich rasch entwickelnden Form des Blutkrebses. „Bei Leukämie funktionieren die weißen Blutzellen (Leukozyten) nicht mehr richtig, die im Knochenmark gebildet werden und wichtig für die Immunabwehr sind“, erklärt Dr. Kerstin Schäfer-Eckart, Leitende Oberärztin der Knochenmarktransplantation, Klinik für Innere Medizin 5, Schwerpunkt Onkologie / Hämatologie, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, im Klinikum Nürnberg. „Aufgrund eines defekten Gens ist der natürliche Reifungsprozess der weißen Blutzellen gestört.“

 

Statt vollentwickelter Zellen sammeln sich unreife, funktionslose Leukozyten im Blut an. Zusätzlich haben diese Zellen die Eigenschaft, sich schnell und unkontrolliert zu teilen. In der Folge kommt es zu Infekten, Entzündungen und Fieber. Oft ist die einzige Behandlungsmöglichkeit die Stammzelltransplantation.

Hierbei gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Die autologe und die allogene Transplantation. Autologe Blutstammzellen werden den Patienten selbst während der Behandlung entnommen und später wieder übertragen. Diese Methode kommt bei akuter Leukämie aber nur noch selten zum Einsatz. Häufiger ist die allogene Spende, also Stammzellen von einem anderen Menschen. Hierzu müssen mindestens neun von zehn Merkmalen der Zelloberflächen von Spender und Patient übereinstimmen. Es gibt mehrere Millionen Kombinationsmöglichkeiten dieser HLA-Merkmale.

33 Millionen registrierte Spender weltweit

Emanuel Häuser beobachtet jeden Tropfen, der aus dem Infusionsbeutel langsam in seinen Arm läuft. Die Ärzte im Klinikum Nürnberg haben sofort mit der Chemotherapie begonnen, weil die Krankheit bei ihm bereits weit fortgeschritten ist. Die starken Medikamente sind nötig, um die kranken Zellen in seinem Körper abzutöten und so den Weg für einen Neuaufbau zu ebnen. Mit den Blutstammzellen eines völlig Fremden.

„Wir haben einen Spender für Sie gefunden.“ Die erlösende Nachricht erhielt Häuser nach dem zweiten Chemotherapie-Block, als er für eine Knochenmarkpunktion in der Ambulanz war. Ein Feuerwehrmann, nur unweit entfernt aus der Oberpfalz, konnte als übereinstimmender Blutstammzellspender identifiziert werden. Er war in der Knochenmarkspendedatei registriert – wie weltweit rund 33 Millionen Menschen.

Einer davon ist Tanja Bratner. Die fröhliche Krankenpflegerin war 2009 die Lebensretterin für einen Belgier. Sie hatte sich 14 Jahre zuvor bei einer Typisierungsaktion in Fürth registiert. „Das hatte ich gar nicht mehr richtig auf dem Schirm“, erzählt sie in der Rückschau. „Als ich dann den Brief der DKMS erhielt, war ich glücklich, jemandem helfen zu können.“ Bratner weiß, wovon sie spricht. Auf der Intensivstation im Klinikum Nürnberg, wo sie seit 23 Jahren arbeitet, versorgt sie regelmäßig Leukämie-Patienten. „Die Menschen und ihre Familien müssen Unglaubliches durchmachen. Dagegen verblasst der eigene Spenden-Beitrag.“

Bei Bratner wurde die sogenannte periphere Entnahme durchgeführt. „Dabei werden die Stammzellen ins Blut gelockt und anschließend herausgefiltert. Die zweite Möglichkeit ist eine kleine Operation, wo wir uns im Knochenmark direkt an der Quelle bedienen“, erklärt Schäfer-Eckart die beiden Spende-Varianten. Rund 80 Prozent der Entnahmen erfolgen peripher.

Zur Vorbereitung spritzte Bratner sich drei Tage lang Filgastrim. Der Wirkstoff regt die Ausschüttung von Blutstammzellen ins Blut und die Bildung von Leukozyten an. Dabei können als Nebenwirkungen Muskel- und Gliederschmerzen auftreten. „Ich fühlte mich wie bei einer Grippe und war froh, dass ich Urlaub hatte“, berichtet Bratner. Nach fünf Stunden an einer Art Dialyse-Maschine war damals ihr entscheidender Beitrag geleistet.

„Für mich eine Heldentat“

Sobald ein Spender gefunden ist, beginnt die eigentliche Therapie. „Bis zum Tag Null war es noch ein weiter Weg“, erinnert sich Häuser. So nennen Ärzte und Patienten den Tag der Transplantation. Insgesamt drei Chemo-Blöcke und Bestrahlungen musste der Körper des jungen Mannes durchstehen, bis die letzten Reste der Krankheit – und seines gestörten Immunsystems – beseitigt waren.

Peripheres Blutstammzellenkonzentrat (Apherese) stand in schmalen Buchstaben auf dem dunkelroten Beutel, den Schäfer-Eckart am 7. Oktober 2016 ins Behandlungszimmer trug. Vom Infusionsständer lief das zweite Leben in Emanuel Häusers Arm. Seine Lieblingskrankenschwester Ingrid Lewis blieb währenddessen bei ihm. „Dieser Moment war eine unglaublich intensive Erfahrung. Mir wurde da bewusst, was für ein selbstloses Geschenk mir dieser fremde Mensch gemacht hat“, erzählt er heute. „Für mich war es eine Heldentat.“

Ab Tag Null hält die DKMS aus Sicherheitsgründen die persönlichen Daten von Spender und Empfänger für zwei Jahre geheim. In dieser Zeit ist nur ein anonymisierter Kontakt möglich. Emanuel Häuser schreibt seinem Lebensretter immer eine Weihnachts-karte und berichtet, was er in diesem Jahr für schöne Momente erleben durfte: „Ohne ihn wäre ich ja nicht mehr hier.“

Die folgenden sechs Wochen nach der Transplantation musste Häuser in einem Quarantänezimmer im Klinikum Nürnberg verbringen. Zu schwach war seine Immunabwehr, selbst persönliche Gegenstände mussten gründlich desinfiziert werden. „Ein Problem in den ersten Wochen ist es, zu verhindern, dass sich das Immunsystem des Spenders gegen den Patienten richtet“, erklärt Oberärztin Schäfer-Eckart. Häuser bekam täglich Medikamente, die seinen Körper und die neuen Stammzellen langsam miteinander bekannt machten und Infekte verhindern sollten. Dieser Prozess dauert insgesamt bis zu einem halben Jahr.

Trotz Isolation niemals allein

„Die Isolation war die härteste Zeit. Man weiß nichts mit sich anzufangen und liegt viel im Bett“, sagt Häuser. Innerhalb kurzer Zeit verlor er 20 Kilogramm Muskelmasse. Trotz des fehlenden direkten Kontakts war Häuser aber nie allein. Jeden Tag besuchte ihn sein Vater, die ganze Familie, seine Freundin und enge Freunde kamen so oft es ging ins Klinikum: „Bei allem Leid hat uns diese Zeit noch enger zusammengebracht. Wir gehen offener miteinander um und genießen jede gemeinsame Sekunde.“ Auch zu den Ärzten und Pflegenden baute sich eine freundschaftliche Beziehung auf: „Ich hatte vom ersten Tag an totales Vertrauen in das Personal des Klinikums. Alle waren unglaublich mitfühlend und liebevoll.“ Als Emanuel Häuser Ende November entlassen wurde, hatte er vier Monate im Klinikum Nürnberg verbracht.

Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen lebt der 31-Jährige wieder ein fast normales Leben. Nur hin und wieder spürt er die Nachwirkungen der intensiven Therapie, wie Hautreizung oder eine leichte Ermüdung. „Bisher läuft es gut“, sagt er mit einem schüchternen Lächeln. Die Angst vor einem Rückfall sei längst nicht so präsent wie damals gedacht. Stattdessen genießt er sein zweites Leben: „Früher ließ ich die Dinge nicht so an mich heran. Nun lebe ich viel intensiver und freue mich über jeden schönen Moment mit den Menschen um mich herum.“ Hat ihn die Krankheit sentimental gemacht? „Vielleicht. Ich habe so viel Positives von meinen Mitmenschen bekommen, dass ich das Leben neu zu schätzen weiß. Ich freue mich sehr auf die Zukunft.“

Die Registrierung als potenzieller Stammzellspender kann mit kurzer Voranmeldung in der KMT-Ambulanz im Klinikum Nürnberg Standort Süd (Haus 12) erfolgen, Tel. 0911 398-3650. Weitere Informationen zur Spender-Typisierung sind unter www.dkms.de abrufbar. Hier kann auch ein Typisierungsset für zu Hause angefordert werden.

Fakten auf einen Blick
Jedes Jahr werden im Klinikum Nürnberg rund 40 -allogene – also von einem anderen Menschen stammende – Stammzelltransplantationen vorgenommen, rund 3.000 Fälle sind es deutschlandweit. Hauptsächlich wird mit der Transplantation akute Leukämie therapiert. Sie findet aber auch bei anderen Blutstammzellen-Krankheiten Anwendung.
Unerlässlich ist dabei die DKMS. In der deutschen Spenderdatei sind insgesamt 8 Millionen Menschen typisiert, weltweit sind es 33 Millionen. Dabei ist die Verteilung auf die Länder sehr unterschiedlich, europäisch-stämmige Menschen sind beispielsweise überrepräsentiert. Dies ist von Bedeutung, weil sich die Häufigkeit von Stammzellmustern über die Ethnie unterschiedlich verteilt. Jeder siebte Patient findet keinen Fremdspender.
Je mehr Menschen registriert sind, desto wahrscheinlicher kann ein Spender gefunden werden. Typisieren lassen kann sich jeder Mensch zwischen 18 und 55 Jahren, der nicht chronisch krank ist. Die Registrierung erfolgt schmerzfrei über einen Abstrich der Mundschleimhaut.

Autorin/Autor: Daniel Voigt | Unternehmenskommunikation

 
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