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"Wie ein Dampfkochtopf, bei dem irgendwann der Deckel abfliegt"

Nephrologie

Schon allein das Wort lässt ihn bei vielen ansteigen: Blutdruck. Weltweit zählt ein erhöhter Blutdruck – auch Hypertonie genannt – zu den häufigsten Krankheiten überhaupt. Rund ein Viertel der Menschheit leidet daran, in Deutschland sind es 25 Millionen Menschen.

Der Blutdruck wird in Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg) angegeben und lässt sich ganz einfach durch eine Druckmanschette am Oberarm ermitteln. Das Herz pumpt mit jedem Schlag Blut durch unsere Adern. Während eines Herzschlags ist der Druck höher. Dieser sogenannte systolische Blutdruck ist der erste Wert. Der niedrigere Druck zwischen den Schlägen ist der diastolische, zweite Wert.

Obwohl das Messverfahren simpel und bequem zu Hause zu erledigen ist, kennen viele ihre Werte nicht. Da Bluthochdruck keinerlei Beschwerden verursacht, fehlt meist der Anlass zur Untersuchung. Unbehandelt kann er auf Dauer jedoch zur großen Gefahr werden. Darum engagiert sich Prof. Dr. Roland Veelken, Chefarzt der Klinik für Nephrologie im Klinikum Nürnberg, seit Jahren für ein verstärktes Bewusstsein um die Risiken der Hypertonie.

Bluthochdruck ist für die meisten Menschen ein ziemlich abstrakter Begriff. Was verbirgt sich dahinter?

Der Blutdruck-Wert an sich ist nur ein Hinweis, wie gut oder schlecht viele verschiedene Vorgänge im Körper zusammenspielen. Das betrifft beispielsweise die Nierenfunktion, die Herzleistung und die Elastizität der Gefäße. Verändert sich der Blutdruckwert, hat sich in diesem Zusammenspiel etwas verändert. Sobald der Blutdruck-Wert ein bestimmtes Maß übersteigt, wird er zur Gefahr. Seit vielen Jahren liegt er auf Platz Eins der vermeidbaren Risikoerkrankungen.

Was macht die auch Hypertonie genannte Erkrankung so gefährlich?

 

Zwei Aspekte machen sie zur stillen Gefahr: Zum einen merkt man es zunächst nicht. Die Betroffenen haben keine typischen Schmerzen oder Symptome. Wenn sie dann zum Arzt gehen und hören, sie sind plötzlich krank und müssen ein Leben lang Blutdruckmittel nehmen, fällt vielen die Akzeptanz schwer. Die Senkung führt außerdem dazu, dass sich die Patienten zunächst schlapper fühlen. Das widerspricht der Erwartungshaltung an einen Arztbesuch, wo man sich schnelle Hilfe über einen überschaubaren Zeitraum vorstellt.

Zum anderen erfolgt die Schädigung sehr schleichend. In den ersten Jahren mit erhöhten Blutdruck haben die Betroffenen keinerlei Probleme. Besteht aber der Bluthochdruck über lange Zeit, schädigt er die inneren Organe wie Herz, Nieren, das zentrale Nervensystem und die Gefäße. Zwar ist es dann immer noch gut gegenzusteuern, ein gewisser Schaden ist aber schon angerichtet. Die Schwierigkeit liegt darin, den Anfang nicht zu verpassen. Häufig fehlt der Anlass zur Kontrolle.

Wodurch entstehen diese Schäden an den Organen?

Durch den erhöhten Druck. Der Körper ist nicht darauf ausgelegt, mehr als einen bestimmten Mitteldruck auszuhalten, zumindest nicht auf Dauer. Wenn die Gefäße ständig überbeansprucht werden, wird das Gewebe zerstört und es bilden sich Narben. Das ist vergleichbar mit einem Dampfkochtopf, bei dem irgendwann der Deckel abfliegt.

Was sind die bedeutendsten Risikofaktoren?

Mit Sicherheit kontraproduktiv sind mangelnde Bewegung, Übergewicht, Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum. Letzteres wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas widersprüchlich, da Wein augenscheinlich das Gesicht rötet und die Gefäße weitet. Man unterschätzt aber, dass Alkohol ein Nervengift ist, das das autonome Nervensystem beeinträchtigt. Dadurch ziehen sich wiederum die Gefäße unnötig zusammen und treiben den Blutdruck nach oben.

Erhöhte Werte sind auch nicht bei jedem Patienten gleich gefährlich. Wenn weitere Faktoren wie Diabetes, Übergewicht, Rauchen oder höheres Alter hinzukommen, ist das Risiko für einen Schlaganfall bei gleichen Blutdruckwerten weitaus höher.

Welche Rolle spielt das Alter?

Das ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für den Bluthochdruck, und dazu noch einer, den wir nicht beeinflussen können. Ein steigender Blutdruck ist wie Falten oder graue Haare eine natürliche Begleiterscheinung des Alterns. Der Hauptgrund hierfür ist die Versteifung der Hauptschlag-
adern, die altersbedingte Atherosklerose. Viele Menschen mit bewusster Lebensführung meinen bei der Diagnose, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist ein großer Denkfehler, der viel Lebensfreude nehmen kann.

Worauf sollte man bei der Ernährung achten?

Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, insbesondere ein maßvoller Salzkonsum. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Nachsalzen oder den Salzgehalt im Nudelwasser. Das eigentliche Problem ist, dass praktisch in allen Fertiggerichten Salz als Konservierungsstoff zu finden ist. Wer also häufig auf solche Produkte zurückgreift, nimmt automatisch eine große Menge an Salz auf.

Im Durchschnitt nehmen wir pro Tag 10 bis 12 Gramm Salz auf, obwohl unser Bedarf nur bei 6 bis 8 Gramm liegt und es auch mit zwei Gramm ginge. Entsprechend gesalzene Speisen kommen uns sehr fade vor. Andererseits wirkt nach einer Umgewöhnung auf eine salzreduzierte Ernährung jedes Schäufele völlig versalzen, da in unserem Kulturkreis traditionell sehr viel Salz verwendet wird, besonders hier in Franken.

Im vergangenen Jahr wurde in einer US-Leitlinie der Grenzwert für Bluthochdruck von 140/90 mmHg auf 130/80 mmHg herabgesetzt. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

Damit wurden fast alle Amerikaner über Nacht zu Hochdruckpatienten. Die Fachdiskussion setzte vor rund zwei Jahren ein, als eine entsprechende Studie vorgelegt wurde. Schon damals wurde auf die andere Messmethode verwiesen, die hier verwendet wurde: Üblicherweise ermittelt ein Arzt den Wert per Arm-Manschette. Dabei sind die Probanden aufgeregt, was den Blutdruck steigen lässt. Die US-Studie hatte automatische Messgeräte verwendet, die den Blutdruck ohne die Ärzte ermittelten. Folglich fielen die Werte niedriger aus.

Im August wird das Thema sicherlich auf der Tagung der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie in Barcelona diskutiert. Bis dahin bleibt 140/90 mmHg für die meisten Patienten eine vernünftige Höchstgrenze.

Viele Menschen kennen ihre Werte gar nicht. Woran erkennen Betroffene, dass sie einen zu hohen Blutdruck haben?

Wenn man Pech hat, gar nicht. Oft merken die Betroffenen erst im Laufe einer blutdrucksenkenden Therapie, dass sie wieder besser schlafen, weniger aufgeregt und leistungsfähiger sind. Die Veränderungen sind derart schleichend, dass sie viele auf das Alter schieben. Darum ist eine vorsorgliche und anlasslose Messung wichtig, ab dem 40. Lebensjahr sollte man sich regelmäßig messen lassen.

Was muss man bei der Selbstmessung zu Hause beachten?

Bei den Handgelenksmessgeräten ist die Herausforderung, immer die gleiche Höhe zum Herzen einzuhalten. Wir raten unseren Patienten immer, die Hand auf die gegenüberliegende Schulter zu legen. Das garantiert immer die gleiche Position und macht die Messergebnisse vergleichbar. Die Werte sollten außerdem in einem Blutdrucktagebuch festgehalten werden, um eine Entwicklung nachzuvollziehen.

Wie kann Bluthochdruck behandelt werden?

Zu allererst mit nicht-medikamentösen Maßnahmen, die bei jeder Bluthochdruck-Therapie eine Rolle spielen, also nicht Rauchen, wenig Alkohol, wenig Salz, körperliche Bewegung, ausreichend Entspannung und Gewichtsreduktion. Diese Maßnahmen sind sowohl zur Vorbeugung, als auch bei diagnostizierter Hypertonie hilfreich und können Medikamente oft komplett ersetzen.
Ab einem gewissen Alter wird eine gesunde Lebensführung nicht immer reichen, dann muss man zusätzlich Medikamente einnehmen. In der Regel wird eine Kombination aus zwei oder drei Präparaten genutzt. Die Senkung des Blutdrucks braucht etwa ein halbes Jahr, um auf das gewünschte Niveau zu kommen. Entscheidend ist die Disziplin, die Medikamente zu nehmen und sein Leben nachhaltig zu ändern.

Haben Sie Tipps, wie man diese Disziplin gegen den inneren Schweinehund aufbringt?

Das Wichtigste ist, seinen Lebensstil nicht von heute auf morgen umkrempeln zu wollen. Sonst entsteht schnell ein Jo-Jo-Effekt, der nur zu Frustration führt. Lieber sollte man langsam und schrittweise seine Lebensweise umstellen. Beispielsweise können Sportmuffel zunächst einmal pro Woche für eine Stunde Sport treiben und nach ein paar Wochen die Frequenz erhöhen. So fällt es leichter, neue Routinen in sein Leben einzubauen.

Einigen Patienten hilft es bei den Medikamenten, sie nicht als medizinische Präparate, sondern wie Nahrungsergänzungsmittel zu sehen. Kleine Änderungen des Blickwinkels können viel bewirken.
Deutlich seltener als Bluthochdruck ist ein zu niedriger Blutdruck. Was gilt es hier zu beachten?
Auch die sogenannte Hypotonie lässt sich meist durch körperliche Aktivität in den Griff bekommen. In den seltensten Fällen liegt eine organische Ursache zugrunde. In der Regel löst sich das Problem mit zunehmendem Alter von alleine, da dann automatisch der Blutdruck nach oben geht.

Autorin/Autor: Daniel Voigt | Unternehmenskommunikation

 
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