"Neuordnung sinnvoll, Ausführung mangelhaft"

Notfallversorgung

Die Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern sind chronisch überlastet. Jahr für Jahr nehmen die Patientenzahlen zu und die Wartezeiten steigen. In Zukunft müssen Notfallkrankenhäuser medizinische Mindeststandards erfüllen, um ihre stationäre Notfallversorgung entsprechend finanziert zu bekommen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland, hat eine dreigestufte Notfallversorgung beschlossen und Kriterien festgelegt, wie die Basisversorgung, die erweiterte und die umfassende Notfallversorgung der Krankenhäuser finanziert werden sollen. Bei diesen Kriterien geht es um die Zahl der Fachabteilungen und Intensivbetten, um die Qualifikation des Personals und die technische Ausstattung.

Mit seinen beiden Notaufnahmen im Norden und Süden der Stadt zählt das Klinikum Nürnberg zu den größten Notfallversorgern in Deutschland. Dass ausgerechnet das Klinikum Nürnberg mit seinen Standort Nord nach dem derzeitigen Stand der Dinge die Kriterien des G-BA für die höchste Versorgungsstufe und damit auch für die höchste Finanzierungsstufe nicht erfüllt, lässt den Vorstandsvorsitzenden des Klinikums Prof. Dr. Achim Jockwig am Sinn dieser Regelung mehr als nur zweifeln: „Das ist schlichtweg absurd.“

Der G-BA hat jetzt Vorgaben für eine gestufte Notfallversorgung im stationären Bereich beschlossen. Macht eine solche Abstufung im Prinzip Sinn?

 

Prof. Dr. Achim Jockwig: Im Prinzip macht eine solche gestufte Notfallversorgung natürlich Sinn. Große, besonders leistungsfähige Häuser wie wir, die in mehr als 20 Fachabteilungen eine Notfallversorgung 24 Stunden, 7 Tage in der Woche vorhalten, haben deutlich höhere Vorhaltekosten als kleinere Häuser. Genau diese höheren Kosten sollen mit diesem gestuften Konzept finanziert werden, leider nur die Vorhaltekosten, nicht die zusätzlichen Kosten, die eine Notfallversorgung insgesamt verursacht. Dass ich diesen Beschluss aber nicht loben kann, liegt an der mangelhaften Ausführung dieses Beschlusses.

In den Medien wird berichtet, dass ein Drittel der Krankenhäuser aus der Notfallversorgung herausfällt. Welche Folgen hat dies für das Klinikum?

Es ist ja nicht so, dass ein Drittel der bisher an der Notfallversorgung beteiligten Krankenhäuser aus der Notfallversorgung herausfallen würde. Sie fallen lediglich wegen der Nichterfüllung der vorgegebenen Kriterien aus der Finanzierung der Notfallversorgung heraus. Sie sind jedoch weiterhin für Notaufnahmen verantwortlich und werden weiterhin Notfälle behandeln. Diese meist kleineren Häuser versorgen aber nur einen Bruchteil aller Notfälle. Insofern wirkt sich das auf die übrigen zwei Drittel der Kliniken nicht entscheidend aus.

Wenn der Beschluss aber so bleibt, wie er bislang bekannt ist, und wenn er auch ohne weitere Ausnahmeregelungen in Kraft treten sollte, würde das bedeuten, dass das Klinikum Nürnberg mit dem Standort Nord nicht in die höchste Stufe einer umfassenden Notfallversorgung käme, sondern nur unser Standort im Süden. Mit 55 Prozent unserer gesamten stationären Fallzahlen kämen wir dann nur in die zweithöchste Stufe der Finanzierung und würden dann eine geringere Vergütung als für den Standort Süd erhalten. Dabei geht es in der Summe um Millionenbeträge.

Warum würde das Klinikum Nord nicht mehr in der höchsten Stufe sein?

Wir halten an beiden Standorten ein sehr umfangreiches Notfallequipment und entsprechende Personalressourcen mit großen Intensiv- und Notfallkapazitäten vor. Am Standort Nord kommen wir nur deshalb nicht in diese höchste Versorgungsstufe, weil die G-BA-Kriterien entsprechende Fachabteilungen vor Ort zwingend vorschreiben. Die Besonderheit am Klinikum Nürnberg ist aber die, dass wir mit unseren zwei Standorten bewusst keine zwei eigenständigen Krankenhäuser haben, die ein in sich geschlossenes Fachabteilungsspektrum aufweisen. Wir haben die Fachabteilungen sehr gezielt und strukturiert auf unsere beiden Standorte aufgeteilt, so dass keine Doppelvorhaltungen entstehen. Also zum Beispiel Neurologie, Neurochirurgie, Geburtshilfe und Kinderklinik nur im Klinikum Standort Süd.

Das was sich die Gesundheitspolitik immer wünscht, ist in Nürnberg exzellent umgesetzt und wird auch immer lobend erwähnt. Jetzt fallen uns genau diese Kriterien einer exzellenten Strukturierung der Fachabteilungen auf die Füße. Das nenne ich eine absolut mangelhafte Ausführung, wenn man dafür nicht noch gesonderte Regelungen findet, zumal wir den G-BA Vorsitzenden genau auf diese Besonderheit hingewiesen haben. Es wäre doch schlichtweg absurd, wenn der größte Notfallversorger in ganz Nordbayern durch die sinnvolle medizinische Zuordnung seiner Fachabteilungen auf zwei Standorte nicht zur höchsten Stufe gehören würde.

Wenn einer der leistungsfähigsten Notfallversorger in ganz Deutschland mit seiner sehr umfangreichen Notfall- und Intensivkapazität nicht in die höchste Finanzierungsstufe kommt, dann muss man doch das System insgesamt hinterfragen.

Das Problem der Notaufnahmen ist, dass viele Menschen dort aufschlagen, die auch bei einem niedergelassenen Arzt notfallmäßig versorgt werden könnten. Der G-BA will nun Vorgaben für die ambulante Notfallversorgung machen. Was würden Sie sich da wünschen?

Eigentlich sind die niedergelassenen Kollegen rund um die Uhr für die Sicherstellung der ambulanten Notfallversorgung zuständig. Dieser Verantwortung kommt der ambulante Sektor schon lange nicht mehr nach, vielleicht ist dieser ambulante Sicherstellungsauftrag auch nicht von den niedergelassenen Kollegen in allen Fachdisziplinen rund um die Uhr leistbar, auch weil sich die Anspruchshaltung der Bürger deutlich verändert hat. Die ambulante Notfallversorgung im Krankenhaus wird aber vom Bürger immer stärker nachgefragt, weil er hier eine umfassendere Diagnostik und Therapie erwartet, als er sie in einer Arztpraxis bekommt. Die ambulanten Notfälle oder die aus der Patientenperspektive dringlichen werden daher im Schwerpunkt von Krankenhäusern versorgt. Der Bürger entscheidet sich so. In einem System der Wahlfreiheit ist es schwierig, den Bürger umerziehen zu wollen. Wir haben nun einmal keine Staatsmedizin. Die freie Wahl des Arztes und der Klinik ist ein Grundprinzip unseres Systems.

Deshalb müssen wir das akzeptieren. Akzeptieren will ich aber nicht, dass wir für diese ärztliche Versorgung in über 20 Fachdisziplinen nicht ausreichend und auskömmlich finanziert werden und dass den Krankenhäusern immer vorgeworfen wird, sie würden sich die Notfälle unter den Nagel reißen. Wir wissen doch ganz genau, dass wir mit unserer ambulanten Notfallversorgung an beiden Standorten insgesamt einen Verlust von fünf bis sechs Millionen im Jahr einfahren. Das liegt u.a. daran, dass wir im Krankenhaus in der ambulanten Notfallversorgung anderen haftungsrechtlichen Anforderungen ausgesetzt sind als die niedergelassenen Kollegen. Von uns wird eine andere Versorgungsqualität und eine andere Abklärungstiefe erwartet, weil wir die Ausstattung dafür haben.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Patienten, die zu uns mit akutem Kopfschmerz kommen. Im Gegensatz zum niedergelassenen Kollegen erhalten sie bei uns gegebenenfalls. eine umfassende bildgebende Diagnostik, also mit Computer- oder Magnetresonanztomografie. Das wird haftungsrechtlich von uns auch erwartet. Das ist aber sehr teuer, und wird nicht refinanziert. In der Tat bleiben die Krankenhäuser auf ihren Kosten sitzen. Wir bekommen im Schnitt nicht einmal 40 Euro pro Fall erstattet, bei entstandenen Kosten zwischen 100 und 120 Euro.

Autorin/Autor: Bernd Siegler | Unternehmenskommunikation

 
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