Die Biographie zu kennen, heißt verstehen

Gerontopsychiatrie - Pflegemodell nach Böhm

Berta K. kratzt und beißt, schreit und spuckt. Die 87-Jährige leidet an Demenz, und das Krankenhaus macht ihr Angst. Doch es hilft nichts: Ihr droht die Austrocknung, wenn sie nicht sofort behandelt wird. Doch in der Notaufnahme reißt sie sich die rettende Flüssigkeitsinfusion sofort wieder vom Leib. Was nun?

Jessica Meyer sieht Patienten wie diesen gelassen entgegen. „Verhaltenseigenarten im Alter sind keine Seltenheit“, sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin und Pflegerische Stationsleitung der gerontopsychiatrischen Stationen im Klinikum Nürnberg Nord. Hier lassen sich die Pflegekräfte durch ungewöhnliches Verhalten ihrer Patienten nicht aus der Ruhe bringen. „Wir versuchen, dem Patienten unvoreingenommen zu begegnen, wenn er zu uns auf die Station kommt“, erklärt Meyer.

Zuerst einmal geht es darum, dass die Patienten in Ruhe ankommen können. Sie sollen sich sicher fühlen und Vertrauen fassen, so lautet das oberste Gebot auf der Station. Gutes Zureden oder Anweisungen helfen nicht weiter. Angst und Misstrauen lähmen die Menschen, und viele verstehen nicht, was um sie herum vorgeht.

Doch es gibt einen Schlüssel zu jedem Menschen: seine Biographie. Auf dieser Grundlage hat der Wiener Pflegewissenschaftler Prof. Erwin Böhm sein psychobiographisches Pflegemodell entwickelt, das ursprünglich für die Psychiatrie gedacht war und heute europaweit vor allem in Alten- und Pflegeheimen zum Einsatz kommt. Die Klinik für Psychiatrie des Klinikums ist bisher die einzige Akutklinik in Deutschland, die mit diesem Modell arbeitet und gute Erfahrungen damit macht.

Frühe Lebenserfahrungen prägen den Menschen

Böhm geht davon aus, dass psychisch kranke Menschen in Krisenzeiten auf Normen und Handlungsweisen aus früheren Lebensphasen zurückgreifen. Besonders prägend sind die Jahre bis zum 25. Lebensjahr.

„Um unsere Patienten verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, was sie geprägt hat“, betont Silke Mages, die als stellvertretende Stationsleiterin zusammen mit ihrer Kollegin Meyer die Einführung des Pflegemodells nach Böhm im Klinikum initiiert hat. So kann schon der kleinste Hinweis auf biographische Erfahrungen zum Schlüssel werden, der den Kontakt zu den Menschen ermöglicht: Sie öffnen sich und beginnen, über sich zu sprechen. Auf diese Weise kann ein intensiver Kontakt zu den Patienten aufgebaut werden.

Vertrautes Ambiente aus den 50er Jahren Jessica Meyer in Aktion Silke Mages im Gespräch
 

Aus diesem Kontakt heraus erstellt das Pflegeteam die individuelle Pflegeplanung und benennt die Impulse, die der Patient braucht. Dieser Pflegeplan wird vom gesamten Behandlungsteam umgesetzt. „Wir ziehen alle an einem Strang, was nachweislich zum Behandlungserfolg beiträgt“, betont Meyer. Sie und ihre Kollegin wissen von unzähligen Lebensgeschichten zu berichten, die zeigen, wie hilfreich und unterstützend der richtige Impuls zur rechten Zeit sein kann.

Da war zum Beispiel Uwe H. (67), der wegen plötzlich auftretender Gedächtnis- und Sprachstörungen zur Behandlung auf die Station kam. Er verließ sein Zimmer nicht, sprach mit niemandem und mauerte bei jedem Kontaktversuch. Nur zögerlich gab er preis, dass er Ingenieur und alleinstehend war und sein Leben lang auf eigenen Füßen gestanden hat. Kein Wunder, dass ihm die Ausfallerscheinungen große Angst machten, er sich aber auch nichts vorschreiben lassen wollte. „Dieses tiefe Bedürfnis nach Autonomie mussten wir respektieren, um ihn dann umso intensiver unterstützen und begleiten zu können“, erzählt Mages.

Wer spricht und wie alt ist er?

Schon im ersten Kontakt schätzen die Pflegekräfte ab, auf welches Verhaltensmuster der Patient zurückgreift und aus welcher Lebensphase es stammt. Es macht keinen Sinn, einem Menschen, der auf der emotionalen Ebene eines siebenjährigen Kindes handelt, sachlich zu begegnen und seine Vernunft anzusprechen. „Hier“, betont Mages, „kommt es darauf an, direkt auf die emotionalen Bedürfnisse zu reagieren“.

„Seit die Pflegekräfte mit dem psycho-biographischen Pflegemodell arbeiten, ist es auf den beiden gerontopsychiatrischen Stationen sehr viel ruhiger geworden. Das schafft die richtige Atmosphäre für eine gute Therapie“, beobachtet Dr. Reinhold Waimer, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und ärztlicher Leiter der Gerontopsychiatrie. Sowohl die Medikamentengaben als auch freiheitsentziehende Maßnahmen konnten deutlich reduziert werden. So werden beruhigende Medikamente häufig als Bedarfsmedikation verschrieben. Wenn es nicht gebraucht wird, wird es auch nicht verabreicht.

Es kommen immer wieder auch „alte Bekannte“ auf die Station, Menschen, die seit vielen Jahrzehnten an einer psychischen Krankheit leiden. Wie Viola K.: Seit ihrem 22. Lebensjahr hört sie Stimmen, die sie als unfähig und hässlich beschimpfen. Sie ist an diese Stimmen gewöhnt und kommt gut mit ihnen zurecht. Doch jetzt, im Alter, lässt ihre Widerstandskraft manchmal nach, die Angst vor einem möglichen Selbstmord wächst. Ihr hilft, dass die Mitarbeiter der Station mit ihrer Lebens- und Leidensgeschichte vertraut sind. Das gesamte gerontopsychiatrische Team setzt während der stationären Krisenintervention alles daran, sie zu stärken und an ihre Ressourcen zu erinnern: ihre Liebe zu Kindern und ihre unglaubliche Fähigkeit, trotz Krankheit der emotionale Mittelpunkt ihrer Familie zu sein.

Die Altersseele wiederbeleben

Meyer und ihr Team wollen mit ihrer Arbeit wie von Böhm gefordert die „Altersseele wiederbeleben“, so dass die Menschen wieder die Kraft und den Mut haben, ihr Leben aktiv zu gestalten. Wie Klara M., die ihr halbes Leben in Afrika verbrachte und wegen einer chronischen Krankheit zurück nach Deutschland kam. Hier konnte sie nicht recht Fuß fassen und versank in einer tiefen Depression. Doch der Klinikaufenthalt entfachte ihren Lebensmut wieder. Sie fand ihren Alterswohnsitz schließlich in Sri Lanka, mit einem deutschen Krankenhaus ganz in der Nähe.

Damit Geschichten wie diese gelingen können, braucht es eine Umgebung, in der sich die Menschen sicher fühlen. Dazu gehört neben einem respektvollen und gelassenen Umgang auch eine Einrichtung, die der vertrauten Umgebung aus den prägenden Jahren entspricht. Die Ausstattung der beiden Stationen ist daher liebevoll um Gegenstände aus den 50er oder 60er Jahren ergänzt. Auch die populäre Musik aus dieser Zeit öffnet immer wieder das Herz der Menschen, unabhängig von ihren kognitiven Fähigkeiten.

„Zuhause fühlen und eingewöhnen sollen sich die Menschen bei uns auf der Station aber nicht“, betont Meyer. Denn das Krankenhaus ist immer nur eine Zwischenstation. Erklärtes Ziel ist es, dass der Patient nach der Entlassung wieder in seine vertraute Umgebung zurückkehrt.          ds

 

 

Gerontopsychiatrische Station

Als erste und bisher einzige Klinik in Deutschland hat die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie das psychobiographische Pflegemodell nach Böhm eingeführt. Die beiden gerontopsychiatrischen Stationen im Klinikum Nürnberg Nord sind von der ENPP-Böhm Bildung- und Forschungsgesellschaft zertifiziert. In Deutschland kommt das erfolgreiche Modell sonst nur in Alten- und Pflegeheimen zum Einsatz.

Auf den beiden gerontopsychiatrischen Stationen werden Menschen über 60 Jahre behandelt, die an Depressionen, Angststörungen, Demenz oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Um die Behandlung kümmert sich ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegekräften, Ergo- und Kreativtherapeuten und Sozialpädagogen der gerontopsychiatrischen Abteilung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Ziel ist es, den Menschen wieder in sein vertrautes Lebensumfeld zurückzuführen.

Entwickelt wurde das Pflegemodell, das in beiden Stationen angewendet wird, vom Wiener Pflegewissenschaftler Prof. Erwin Böhm. Ihm geht es darum, mit betagten Menschen professionell umzugehen, sie kompetent zu begleiten und wieder zu aktivieren. „Verhaltenseigenarten bei älteren Menschen lassen sich fast immer biografisch erklären“, lautet seine Kernbotschaft.

Die Betreuung solle sich in erster Linie nach dem Menschen und seinen augenblicklichen Bedürfnissen richten, und nicht ausschließlich nach medizinischen oder pflegerischen Standards, so lautet eine seiner Kernforderungen. Ziel ist die Symptomlinderung mit möglichst geringem Einsatz von Psychopharmaka, eine Steigerung des Selbstwertgefühls und eine Wiederbelebung der „Altersseele“.

Psychiatrische Ambulanz: Tel. 398-2493, Gedächtnissprechstunde, Tel. 398-3943, www.enpp-boehm.com

 

 

 

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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