Drei Schritte können die Welt verändern

Bettlägerigkeit

Ein Sturz oder der Umzug ins Pflegeheim leitet im Alter schnell das Ende der Selbstständigkeit ein. Die alten Menschen bewegen sich immer weniger, und irgendwann sind sie beim Aufstehen auf Hilfe angewiesen. Im schlimmsten Fall endet dieser Prozess der zunehmenden Immobilität in der Bettlägerigkeit.

Dass diese "Karriere" nicht zwangsläufig so ablaufen muss, dafür setzt sich Prof. Dr. Angelika Zegelin schon seit vielen Jahren ein. In ihrer Promotionsarbeit "Festgenagelt sein - Der Prozess des Bettlägerigwerdens", die 2005 als Buch erschien, hat die renommierte Pflegewissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Universität Witten/Herdecke den Prozess von einer Instabilität beim Gehen hin zur Bettlägerigkeit als eine der ersten Pflegewissenschaftlerinnen Deutschlands beschrieben. Im November letzten Jahres war sie im Forum des Weiterbildungsinstituts cekib des Klinikums Nürnberg zu Gast.

Sie haben sich als Pflegewissenschaftlerin intensiv mit Bettlägerigkeit und dem Prozess des Bettlägerigwerdens beschäftigt. Was verstehen Sie unter dem Begriff "Bettlägerigkeit"?
Zegelin: Bettlägerigkeit bedeutet, dass Menschen dauerhaft die meiste Zeit des Tages im Bett liegen. Sie können gar nicht mehr aufstehen, selbst wenn sie es wollten. Im Gegensatz dazu beschreibt die Bettruhe einen befristeten Zustand, der Mensch steht nach ein paar Tagen oder Wochen wieder auf.

Wie wird ein Mensch bettlägerig?
Eine Bettlägerigkeit entsteht nicht von heute auf morgen, sondern sie ist der Endzustand eines längeren Prozesses. Meistens beginnt dieser Prozess schon viele Jahre vorher. Die erste Phase ist geprägt von Instabilität. Die Menschen merken Einbußen beim Gehen. Sie fühlen sich unsicher und wackelig, vielleicht sind sie auch schon einmal gestürzt. Um sich sicherer zu fühlen, behelfen sie sich mit einem Stock oder einem Rollator. Im Winter trauen sie sich nicht mehr auf die Straße. Ansonsten sind sie noch aktiv: Sie gehen einkaufen, kochen selbst und besuchen Angehörige.
Dieser Zustand kann mehrere Jahre andauern. Doch dann tritt ein Ereignis ein, das eine Abwärtsspirale auslöst. Oft ist es ein Sturz, ein Krankenhausaufenthalt oder der Umzug ins Heim.

 

Das Ereignis lässt die Menschen noch unsicherer werden. Sie bewegen sich immer weniger und sitzen stattdessen mehr und mehr herum. Ihre Aktivität lässt nach. Damit beginnt die Phase zunehmender Immobilität. Irgendwann können sie dann nicht mehr alleine aufstehen, weil sie zu schwach sind. Ein selbstständiger Ortswechsel ist in dieser Phase der Ortsfixierung nicht mehr möglich. Am Ende dieses Prozesses steht dann die Bettlägerigkeit. Manche bettlägerige Menschen verbringen zumindest vier bis fünf Stunden am Tag außerhalb des Bettes, wenn man ihnen dabei hilft, das Bett zu verlassen. Andere dagegen stehen überhaupt nicht mehr auf.

Woher rührt diese körperliche Schwäche?
Wenn alte Menschen sich nicht mehr oder nur noch sehr wenig bewegen, kommt es schnell zu einem massiven Muskelabbau. Ihnen fehlt dann die körperliche Kraft, um selbstständig aufstehen zu können. Aber das Liegen wirkt sich auch auf andere Körperfunktionen aus. Durch eine vermehrte Urinausscheidung gehen zum Beispiel wichtige Elektrolyte verloren, die Knochendichte nimmt ab und der Stoffwechsel wird gebremst, was zu Appetitmangel und Verstopfung führt. Die Lunge wird im Liegen nicht mehr richtig belüftet, was zu Entzündungen führen kann. Und auch die Herzleistung nimmt ab. Das alles schwächt den Menschen.

Wirken sich Immobilität und Bettlägerigkeit auch auf die Psyche aus?
Ja, natürlich. In der Abwärtsspirale der Immobilität verlieren die Menschen zunehmend an Selbstvertrauen. Sie können vieles nicht mehr alleine machen, sondern sind auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen. Und auf diese Hilfe müssen sie immer wieder warten. Das führt dazu, dass sie sich nicht mehr vollwertig fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass Selbstvertrauen eng mit der Bewegungsfähigkeit zusammenhängt.

Lässt sich der Prozess des Bettlägerigwerdens verhindern oder zumindest aufhalten?
Bettlägerigkeit muss überhaupt nicht sein, von ein paar Ausnahmen einmal abgesehen. Es genügt, sich einfach mehr zu bewegen. Doch immer wieder wird der Weg in die Bettlägerigkeit als geradezu schicksalshaft angenommen, sowohl von den Betroffenen selbst als auch von ihrer Umgebung.
Der Prozess des Bettlägerigwerdens lässt sich sogar wieder umkehren, und zwar in jeder Phase. Ich habe selbst erlebt, wie Bettlägerige wieder zum Gehen gebracht werden konnten. Allerdings ist das ein unglaublich hoher Aufwand. Oft müssen die Menschen erst einmal davon überzeugt werden, dass es sich lohnt. Sie glauben einfach nicht mehr, dass sich an ihrer Situation noch etwas ändern lässt. Da braucht man schon einen langen Atem und viel Überzeugungskraft.
Allerdings darf man die Menschen nicht einfach aus dem Bett holen, ohne zu wissen, was sie wirklich beschäftigt. Manchmal stecken hinter der Bettlägerigkeit ganz andere Dinge, zum Beispiel der Wunsch, sich nach einem Schicksalsschlag ausruhen zu wollen. Deshalb muss man zuallererst mit den Menschen sprechen.

Sie haben ein Drei-Schritte-Programm entwickelt, um den Prozess des Bettlägerigwerdens zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern.
Dabei geht es mir vor allem um die Bewegung im Nahradius. Es ist sehr wichtig, dass Menschen ihr Zimmer alleine verlassen oder zur Toilette gehen können. Das gibt ihnen unglaublich viel von ihrer Autonomie zurück. Doch man kümmert sich zu wenig darum, dass diese Fähigkeit erhalten bleibt. Genau hier setzt das Drei-Schritte-Programm an. Pflegende sollen den alten Menschen bei jedem Transfer dazu auffordern, drei Schritte aus eigener Kraft zu tun. Das gibt den Menschen Kraft und Mut zurück. In vielen Fällen werden dann fünf, sechs oder zehn Schritte daraus. Es ist kaum zu glauben, aber drei Schritte können die Welt verändern.

Warum ist ein Krankenhausaufenthalt oder der Umzug ins Heim so gefährlich?
Im Krankenhaus oder im Heim bewegen sich die Menschen meistens sehr viel weniger als in der eigenen Wohnung und verlieren dadurch schnell an Kraft und Muskelmasse. In den eigenen vier Wänden gibt es meistens eine Kommode oder einen Stuhl, an denen sich die alten Menschen abstützen können. Aber schauen Sie sich dagegen einmal die langen Flure in Heimen oder Krankenhäusern an. Dort gibt es zwar Griffleisten an den Wänden, aber wenn die Leute auf die andere Seite des Flurs wechseln wollen, dann schaffen sie das nicht. Es gibt alte Menschen, die können eine Gehstrecke von 50 Metern nur in drei Etappen bewältigen. Aber wo sollen sie sich unterwegs hinsetzen? Die Leute sehen nur die langen Flure und werden gleich mutlos. Damit geht der Prozess des Bettlägerigwerdens oft los.

Wie kann ein Krankenhaus seine Patienten zur Bewegung anregen?
In unseren Köpfen sind Krankenhaus und Krankenbett untrennbar miteinander verknüpft. Die Menschen glauben, dass sie im Krankenhaus die ganze Zeit im Bett liegen müssen. Aber das stimmt ja nicht. Die Bewegung wird immer mehr zum integralen Bestandteil der Therapie, darauf haben Medizin und Pflege ja bereits reagiert, aber das reicht längst nicht aus. Diese Entwicklung muss sich im ganzen Krankenhausalltag widerspiegeln. Es genügt nicht, wenn Einzelne sich engagieren, sondern man braucht ein schlüssiges Konzept dafür. Ärzte und Pflegende sollten von Anfang an darauf achten, wer von ihren Patienten gefährdet ist. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen sich die Patienten außerhalb ihres Krankenzimmers aufhalten können. Es sollte Anreize geben, weitere Strecken zurückzulegen, zum Beispiel durch einen Klinikspaziergang. Das ganze Krankenhaus muss ausstrahlen, dass die Patienten sich bewegen sollen.

Autorin/Autor: Unternehmenskommunikation

 
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