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Wachsende Zahl seelisch kranker Kinder und Jugendlicher

Bundestagung der leitenden Klinikärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrien

?Angesichts stagnierender Finanzmittel und steigender Fallzahlen ist eine nachhaltige und fachgerechte Therapie für seelisch gefährdete Kinder und Jugendliche gefährdet.? Alarmierende Worte aus dem Mund von Prof. Renate Schepker, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft leitender Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrie (BAG), und von Dr. Viktor Herlitz, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Nürnberg, bei der dreitägigen Tagung der BAG in Nürnberg.

Eine zunehmend alltägliche Situation in einer Nürnberger Grundschule: Der achtjährige Sebastian kann im Unterricht nicht stillsitzen, zappelt herum, fängt mitten im Unterricht an zu schreien. Auf dem Schulhof eskaliert ein Konflikt, ein Mitschüler wird verletzt. Und beim Abholen beleidigt der Zweitklässler schließlich noch die Klassenlehrerin. Kinder wie Sebastian zeigen eine sogenannte Störung des Sozialverhaltens. Das Problem: Die Zahl der Kinder mit solch einer Diagnose wächst rasant, doch die finanziellen Mittel für eine therapeutische Betreuung stagnieren.  "Seit 1991", erläutert Prof. Renate Schepker, "blieb die Personalausstattung in den 139 kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken und Tageskliniken in Deutschland nahezu unverändert, dabei haben sich im gleichen Zeitraum die Fallzahlen verdoppelt."

Dr. Viktor Herlitz, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Nürnberg, und Prof. Renate Schepker, Vorsitzende der BAG
 

Schepker ist Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), die vom 6. bis 8.Mai in Nürnberg tagte und nach Lösungen für eine schwierige Situation sucht: "Wir brauchen in jedem Fall eine deutliche Aufstockung der Mittel, sonst ist eine vernünftige Therapie gefährdet."

Fallzahlen steigen

Laut Schepker dürfte derzeit wohl nur noch die Hälfte der jungen Menschen, die eine seelische Erkrankung haben, therapeutisch behandelt werden. Ob Suchtprobleme mit Alkohol oder Cannabis, Depressionen, Angstzustände, ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom) oder ein gestörtes Sozialverhalten ? die typischen Krankheitsbilder bei den Kindern und Jugendlichen führen seit Jahren zu vollen Kliniken und Praxen.

"Wir entwickeln uns zunehmend zu einer Notfallklinik", betont Dr. Viktor Herlitz, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie im Klinikum Nürnberg. 1.600 Patienten im Jahr werden dort ambulant betreit, 380 stationär und 50 in der Tagesklinik. "Seit zehn Jahren liegt unsere Belegung bei über 100 Prozent, während die Verweildauer in den letzten Jahren von 90 auf durchschnittlich 30 Tage gesunken ist", führt der Chefarzt aus. Im Bundesdurchschnitt ist die Verweildauer seit 1991 um 66 Prozent gesunken. Gerade die Arbeit mit seelisch kranken Kindern und Jugendlichen benötigt aber Zeit.

Da diese Zeit immer geringer wird, spürt Herlitz angesichts der frühen Entlassung seiner jungen Patienten immer öfter Bauchgrimmen. Eine Entwicklung, die in der täglichen Arbeit Zweifel aufkommen lässt: "Wer ist von unseren Patienten gesund genug, um entlassen werden zu können?", fragt sich der Chefarzt und hofft, dass der Gesetzgeber die derzeit gültigen Grundlagen für die Verrechnung von Leistungen und Personalaufwand angesichts der angespannten Versorgungslage ändern wird.

Autorin/Autor: Axel Bredehöft

 
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