Zwischen Traumatisierung und Hoffnung

Studie zur Lage geflüchteter Frauen in Deutschland

Rund ein Drittel der in Deutschland Asylantragstellenden sind geflüchtete Frauen. Ihre Erfahrungen und Bedürfnisse unterscheiden sich vielfach von denen der geflüchteten Männer, das betrifft vor allem geschlechtsspezifische Traumatisierungen, die Verantwortung für mitreisende Kinder oder ein traditionelles Rollenverständnis.

Das Wissen über die Erfahrungen, die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten, die Lebenssituation und die Wünsche der nach Deutschland geflüchteten Frauen und Mädchen ist noch sehr gering. Sechs renommierte Institutionen – die Charité Berlin, die Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg und an der Goethe-Universität in Frankfurt,  das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz sowie das Institut für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Rostock – haben sich deshalb an der „Study on Female Refugees“ beteiligt, um dies zu ändern.

Prof. Dr. Dr. Günter Niklewski und Prof. Dr. Kneginja Richter
 

Für das Klinikum Nürnberg ist es nicht die erste Studie, die sich mit dem Thema Migration, Krieg und Flucht beschäftigt. „Schon 2012 lieferte das Klinikum Nürnberg mit der Studie „Warten auf Asyl: Psychiatrische Diagnosen in der zentralen Aufnahmeeinrichtung in Bayern“ erste belastbare Zahlen für Deutschland“, berichtet Univ. Prof. Dr. Dr. Günter Niklewski,  ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg und Vorstand Medizin und Entwicklung.

Erstmals repräsentative Daten zur Lage geflüchteter Frauen in Deutschland

Für die aktuelle Studie wurden 650 geflüchtete Frauen in fünf Bundesländern befragt, mit einem Teil von ihnen wurde über ihre psychosoziale Lage und ihre Wünsche für die Zukunft diskutiert. Die Studie, die von der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert wurde, liefert damit erstmals repräsentative Daten zur Lage geflüchteter Frauen in Deutschland.

Fluchtgründe sind Krieg und Terror, Gefängnis und Folter, Vergewaltigungen und Ehrenmord, Hunger und Durst – differenziert je nach Herkunftsland. Dazu kommen die mitunter ebenfalls traumatisierenden Erlebnisse auf der Flucht. „Unabhängig vom Herkunftsland haben alle Frauen in ihrem Leben auch noch deutlich mehr Gewalt in der Familie erfahren als Frauen in Deutschland“, berichtet Prof. Dr. Kneginja Richter, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Migrationsreferentin im Klinikum Nürnberg. 

Viele der befragten Frauen, von denen 48 Prozent zwischen 17 bis 29 Jahre alt waren, leiden an Schlafstörungen, Angststörungen, an Traurigkeit und einem Gefühl der Einsamkeit. Auch körperliche Symptome wie Rücken- oder Kopfschmerzen treten gehäuft auf. Nur acht Prozent der Frauen erhalten psychologische Hilfe. 

Mehr Behandlungsangebote und Hilfen nötig

„Zu wenig“, findet Richter. Sie wünscht sich neben einem verstärkten Behandlungsangebot für geflüchtete Frauen vor allem Gesprächsrunden in den Gemeinschaftsunterkünften, in denen die Frauen über ihre Erfahrungen miteinander sprechen können: „Wir werden nicht alle geflüchteten Frauen mit psychischen Problemen behandeln können. Aber sie sollten die Chance bekommen, sich gegenseitig helfen zu können.“ 

Richter plädiert zudem für genderorientierte Früherkennungsprogramme, um Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen frühzeitig identifizieren und behandeln zu können. Denn nicht nur Frauen, sondern auch Männer erhalten zu wenig psychosoziale Angebote, wie die Studie des Klinikums Nürnberg von 2012 in Zirndorf zeigte: Ein Drittel der Männer litt damals unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, ohne dass dies ihnen oder anderen bekannt gewesen wäre. 

Wunsch nach Stabiltät, Integration und einer Perspektive für die Zukunft

Nicht nur die vergangenen Erlebnisse belasten die geflüchteten Frauen, sondern auch die aktuelle Lebenssituation: die beengten Lebensbedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften, mangelnde Sprachkenntnisse, diskriminierende Erfahrungen und der Blick in eine unsichere Zukunft. Am meisten Sorgen machen sie sich jedoch um ihre Kinder. 80 Prozent der befragten Frauen sind Mütter, 70 Prozent davon konnten zusammen mit ihren Kindern nach Deutschland fliehen. 

Bezogen auf die nächsten fünf Jahre wünschen sich die Frauen vor allem Stabilität, Integration und eine Zukunftsperspektive. Berufliche Bildung und ein Job stehen ganz oben auf der Wunschliste – für sich und die Kinder. Zwei Drittel der Frauen bringen dafür bereits Berufserfahrung aus ihrem Heimatland mit, sechs Prozent von ihnen haben als Lehrerin gearbeitet. 

Allerdings fehlt es den Frauen mehrheitlich an den dafür notwendigen Sprachkenntnissen und dem Wissen über die rechtlichen Rahmenbedingungen oder wie man bei der Jobsuche vorgeht. Hier fordert die Studie verstärkt Beratungsangebote. Die Studie stellte auch fest, dass die Frauen nicht nur psychosozial unterversorgt sind, sondern auch medizinisch. So suchen sie auch bei körperlichen Beschwerden nur in Einzelfällen den Arzt auf. 

„Der Zugang von Flüchtlingen zum deutschen Gesundheitswesen muss erleichtert werden“, fordert daher Prof. Niklewski. So wünschen sich die Frauen vor allem weibliche Gynäkologinnen. Viele der geflüchteten Frauen sind beschnitten und leiden in Folge unter Schmerzen oder anderen Beschwerden. 

Autorin/Autor: Strahler, Unternehmenskommunikation

 
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