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Diagnose Krebs - "Interdisziplinarität muss täglich gelebt werden"

Krebs ist nicht irgendeine Erkrankung. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 430.000 Menschen neu an Krebs. Experten schätzen, dass die Zahl der Krebserkrankungen bis zum Jahr 2050 um 30 Prozent zunehmen wird.

Die Diagnose Krebs ist für die Betroffenen und ihr Umfeld oft ein Schock, es entstehen große existenzielle Ängste. Doch in den letzten Jahren hat sich gerade in der Krebsbehandlung sehr viel getan. Prof. Dr. Martin Wilhelm, Chefarzt der Onkologie am Klinikum Nürnberg, und

Dr. Michael Rottmann, Oberarzt in der Onkologie und Koordinator des Interdisziplinären Onkologischen Zentrums (IOZ), setzen auf eine fachübergreifende Zusammenarbeit, um das Expertenwissen zu bündeln.

»Die meisten Patienten wollen ambulant behandelt werden, um weiter zu Hause oder auch im Beruf am Leben teilnehmen zu können.«
 

Die Diagnose Krebs verändert das Leben der Betroffenen oft schlagartig, nichts ist mehr so, wie es war. Ist dieses Bild von der Krankheit Krebs noch berechtigt?

 

Dr. Michael Rottmann: Krebs wird meist als plötzlich auftretende Krankheit erlebt, die eine radikale Therapie mit starken Nebenwirkungen erforderlich macht und bei nicht erfolgreicher Behandlung schnell zum Tod führen kann. Die Realität schaut jedoch vielfach anders aus. Dank des medizinischen Fortschritts können viele Krebserkrankungen heute geheilt oder zumindest weitaus erfolgreicher als noch vor Jahren behandelt werden. Zusätzlich werden die Krebstherapien durch neu entwickelte Medikamente wesentlich besser vertragen. Krebs entwickelt sich damit zunehmend zu einer chronischen Erkrankung, mit der die Patienten bei vernünftiger Lebensqualität oft jahrelang weiterleben können.

Prof. Martin Wilhelm: Krebs ist eben nicht gleich Krebs. So kann es durchaus vorkommen, dass bei einem Tumor, der sehr wenig aggressiv ist und den Organismus nicht beeinträchtigt, nach Diagnosestellung zunächst erst einmal kein Handlungsbedarf besteht und der Betroffene lange Zeit auch ohne Therapie mit seiner Erkrankung beschwerdearm lebt. Die Anzahl der chronischen Krebserkrankungen nimmt aber vor allem zu, da die therapeutischen Möglichkeiten besser geworden sind. Zum Beispiel leben die Menschen mit einem Darmkrebs, der bereits zahlreiche Metastasen gestreut hat, dank der heute zur Verfügung stehenden Methoden im Durchschnitt drei- bis viermal mal so lange wie früher. Wohlgemerkt im Durchschnitt, d.h. zahlreiche Patienten leben auch viele Jahre mit einer Erkrankung in diesem Stadium.

 

Was bedeutet diese Entwicklung für die Therapieangebote eines Krankenhauses?

 

Wilhelm: Eine Klinik muss erst einmal in der Lage sein, diese innovativen Behandlungsmethoden auch einsetzen zu können. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen ist zudem nur in Ausnahmefällen die Expertise eines einzigen Arztes gefragt, man braucht in der Regel mehrere Experten, wie den Onkologen, den Chirurgen, den Strahlentherapeuten, den Pathologen´oder Radiologen. Gerade bei einer chronischen Erkrankung ist aber für eine umfassende Betreuung vieles mehr erforderlich, wie zum Beispiel die Möglichkeit einer psychoonkologischen Betreuung, das Angebot unserer Onkosportgruppe, die auch ambulanten Patienten kostenlos zur Verfügung steht, oder auch Beratungsangebote zu Themen wie Ernährung oder die so genannte Komplementärmedizin, also die „Alternativmedizin“. All das halten wir im Klinikum Nürnberg auf höchstem Niveau vor.

 

Sind verstärkt ambulante Angebote gefragt, um trotz oder mit der Erkrankung am Leben teilnehmen zu können?

 

Wilhelm: Die Einstellung zur Therapie hat sich bei chronischen Krebspatienten deutlich geändert. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ob die Überlebenszeit verlängert werden kann, sondern vor allem auch um die Erhaltung der Lebensqualität. Die ambulante Therapie bekommt damit einen weitaus höheren Stellenwert als früher. Deswegen haben wir hier das Ambulante BehandlungsCentrum. Die allermeisten Patienten wollen ambulant behandelt werden, um weiter zu Hause oder auch im Beruf am Leben teilnehmen zu können. Für die Therapie selbst heißt das oft, nicht mit der Maximaltherapie zu behandeln, da es für den Erhalt oder die Verbesserung der Lebensqualität häufig genügt, das weitere Tumorwachstum zu stoppen und nicht unbedingt ein starkes Schrumpfen des Tumors erforderlich ist.

 

In vielen Veröffentlichungen heißt es, dass Patienten in so genannten onkologischen Zentren oder Organzentren wie Brust- oder Darmkrebszentrum besser aufgehoben sind. Stimmt das?

 

Wilhelm: Im Klinikum Nürnberg werden die Patienten in unserem Interdisziplinären Onkologischen Zentrum, kurz IOZ, und den einzelnen Organzentren behandelt. Wir haben hier das Brust- und das Prostatazentrum, das Darm-, Haut-, Lungen- sowie das Kopf-Hals-Tumorzentrum, das Kompetenzzentrum Neuroonkologie und das Gynäkologische Krebszentrum. Ein wesentliches Merkmal sind die regelmäßigen Tumorkonferenzen, insgesamt sind es hier im Klinikum neun Tumorboards. Dort werden die Fälle von Experten aus den jeweiligen Organkliniken, der Pathologie und der Radiologie, aus Onkologie, Chirurgie, Nuklearmedizin, Strahlentherapie und Psychosomatik diskutiert. Dann wird im Konsensprinzip ganz individuell für jeden Patienten ein Therapieplan erstellt.

Rottmann: Den Stellenwert dieser onkologischen Konferenzen kann man nicht hoch genug einschätzen. Dort generieren wir aus all den beteiligten Fachdisziplinen eine Meinung, die dann den Betroffenen als die Essenz des gesamten Expertenwissens zur Verfügung steht. Die Zweit- oder Drittmeinung ist dabei quasi inklusive.

 

Viele Zentren sind zertifiziert, was bedeutet das für den Patienten?

 

Wilhelm: Die Zentren unterziehen sich jährlich einer externen Überprüfung, weil die Optimierung der Abläufe und die Sicherheit in der Krebsbehandlung im Interesse der Patienten gar nicht hoch genug angesetzt werden kann. Das ganze Procedere ist zwar ein enormer Aufwand, aber es lohnt sich, auf die Suche nach Schwachstellen zu gehen, die Dokumentation zu optimieren oder Abläufe zu beschleunigen.

 

Die Deutsche Krebshilfe fördert elf sog. Comprehensive Cancer Center (CCC) in Deutschland. Eines davon war das CCC Erlangen-Nürnberg zwischen dem Universitätsklinikum Erlangen und dem Klinikum Nürnberg. Das Universitätsklinikum Erlangen hat diese Kooperation vor ein paar Monaten aufgekündigt. Warum?

 

Wilhelm: Erlangen hat den Vertrag gekündigt aus Gründen, die mit der Behandlung von Krebspatienten letztendlich nichts zu tun haben. Wir bedauern diesen Schritt des Universitätsklinikums sehr, denn auf Grund seiner überregionalen Bedeutung wäre dieser Zusammenschluss sehr wünschenswert. Zwischen den kooperierenden Kliniken und Kollegen bestand immer eine gute Zusammenarbeit; dies wird aber auch in Zukunft so bleiben, da bin ich mir sicher.

 

Gibt es jetzt ein neues CCC in der Region?

 

Rottmann: Die Universität Erlangen plant zusammen mit dem Klinikum Bayreuth und dem Klinikum Bamberg das CCC-Erlangen-Europäische Metropolregion Nürnberg. Eigentlich war es das Bestreben der Deutschen Krebshilfe, die beiden größten Kliniken in der Region zusammenzubringen. Das hat sich leider zerschlagen. Das CCC hätte sicher von der Expertise eines der größten Klinika Deutschlands profitiert...

Wilhelm: ... und eines Klinikums, das auch seit Jahrzehnten exzellente Arbeit in medizinischen Studien leistet und daher in den hochrangigsten Fachpublikationen vertreten ist. Gerne hätten wir die Expertise unseres Interdisziplinären Onkologischen Zentrums, von insgesamt acht ausgewiesenen Organzentren und des Studienzentrums im Klinikum zur Verfügung gestellt. Man glaubt ja immer, Forschung wird nur an den Universitäten betrieben. In Bezug auf Grundlagenforschung ist dies zwar korrekt, die patientennahe klinische Forschung spielt sich aber maßgeblich in den großen Krankenhäusern ab. Gerade jetzt arbeiten wir federführend bei einer multizentrischen Studie zur so genannten „spiegeladaptierten Chemotherapie“ mit. Die Dosis der Chemotherapie wird dabei exakt auf den Medikamentenspiegel im Blut eingestellt, um einerseits eine Überdosierung und damit Nebenwirkungen zu vermeiden und andererseits eine Unterdosierung und damit Wirkungslosigkeit auszuschließen.

 

Was ändert sich für die Patienten durch die Erlanger Kündigung?

 

Rottmann: Im Grunde genommen gar nichts. Das CCC hat ja letztendlich übergreifende Strukturen abgedeckt und verstärkt, beispielsweise die Tumordokumentation, das Krebsregister oder die Biobank. Die tagtägliche Arbeit und das breite Angebot hier in der Klinik vor Ort ändern sich dadurch nicht. Als Koordinator des zertifizierten Interdisziplinären Onkologischen Zentrums im Klinikum kann ich sagen, dass die fachübergreifende Zusammenarbeit hier tatsächlich gelebt wird. Wir haben hier zahlreiche von Fachgesellschaften anerkannte Zentren, die effektiv zusammenarbeiten. Interdisziplinär ist ja nicht immer wirklich interdisziplinär, uns geht es um eine effektive Zusammenarbeit.

Wilhelm: Der Vorteil bei uns am Klinikum ist doch, dass wir für jede erdenkliche Situation eines Patienten einen ausgewiesenen Spezialisten haben, der auch sofort vor Ort ist. Das gilt gleichermaßen, ob es nun um ganz seltene Erkrankungen geht, um ausgewiesene Expertise bei ambulanten Chemotherapien, um psychologische Unterstützung, also um Psychoonkologie, oder um die Behandlung von Begleiterkrankungen oder die Palliativmedizin mit der engen Kooperation zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung.

Rottmann: Im Internet findet jeder unter www.krebszentrum-nuernberg.de konkrete Ansprechpartner, Nummern von Hotlines und Termine von Sprechstunden. Für alle Fragen rund um eine onkologische Erkrankung oder für den ersten Kontakt mit dem Klinikum gibt es das so genannte Krebstelefon mit der Telefonnummer (0911) 398 -11 48 11, das von Montag bis Donnerstag von 9 bis 15 Uhr und freitags bis 14 Uhr besetzt ist. Dort bekommt jeder Anrufer zeitnah den Kontakt zu einem Spezialisten vermittelt. Das ist doch eigentlich sehr übersichtlich.  

Interdisziplinäres Onkologisches Zentrum, diverse Organzentren, Ambulantes BehandlungsCentrum – ist das für den Patienten, der nach der Diagnose Krebs schnell Hilfe sucht, nicht etwas unübersichtlich?

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseiteder Onkologie.     

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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