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Zentrum für Schwerbrandverletzte - Der lange Weg zurück in die Normalität

Ein letztes Mal die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden. Das ist alles, was Natascha Müller* machen will. Doch plötzlich steht der Baum in Flammen. „Eine Kerze war zu nahe an einen Zweig geraten“, erzählt sie, während ihr Blick abschweift und die Bilder von damals wieder hochkommen.

Nachdenklich betrachtet sie ihre Hände. „Und dann habe ich den größten Fehler meines Lebens begangen.“ Anstatt auf die alarmierte Feuerwehr zu warten, will Natascha Müller das Feuer selbst löschen. Binnen Sekunden greift es aber auf die Möbel im Wohnzimmer über.

Was dann genau passierte, daran kann sich die 33-Jährige heute nur noch bruchstückhaft erinnern: „Ich habe noch mitbekommen, dass die Sanitäter mich auf eine Trage gelegt und einen Rettungshubschrauber angefordert haben. Das ist alles, was ich noch weiß.“ Bei ihrem Löschversuch zieht sie sich schwere Verbrennungen an Händen, Beinen und im Gesicht zu.

Die Verbandswechsel können mehrere Stunden dauern.
 

Per Hubschrauber wird sie ins Zentrum für Schwerbrandverletzte im Klinikum Nürnberg Süd gebracht. Dort macht sich zur gleichen Zeit ein Team aus Plastischen Chirurgen, Anästhesisten und Unfallchirurgen bereit. Als Natascha Müller in den Aufnahmeraum gefahren wird, herrscht eine konzentrierte Ruhe. Jeder weiß, was in diesem Moment zu tun ist.

Herz-Kreislaufsystem stabilisieren

Zunächst müssen ihre Vitalfunktionen gesichert werden, da die Blutgefäße durch die Verbrennungen undicht werden und das Gewebe mit Körperflüssigkeit überschwemmt wird. Um das Herz-Kreislaufsystem zu stabilisieren, muss deshalb Flüssigkeit zugeführt werden. Außerdem wird sie in ein künstliches Koma versetzt, damit sie die starken Schmerzen nicht spürt. „Je nach Schwere der Verbrennung bleiben die Patienten zwei bis drei Tage sediert“, erklärt Dr. Michael Pusch, Facharzt für Anästhesie. Gleichzeitig begutachtet Dr. Reiner Sievers, Oberarzt in der Klinik für Plastische, Wiederherstellende und Handchirurgie, Zentrum für Schwerbrandverletzte, die Verbrennungen.

Daraufhin kommt Natascha Müller in ein Reinigungsbad. Hier wird ihre Haut von den Blasen gereinigt. Erst dann können die Plastischen Chirurgen das ganze Ausmaß der Verletzungen einschätzen. „Die Wunden werden mit einem desinfizierenden Gel behandelt und steril verbunden. Hat sich der Patient später stabilisiert, befreien wir ihn von seiner verbrannten Haut“, berichtet Sievers aus seiner langjährigen Arbeit.

Die Behandlungsstrategie legt der Oberarzt sofort fest: Muss operiert werden und wenn ja, wann? Kann eigene oder muss künstliche Haut verpflanzt werden? Vor diesen Fragen stehen die Plastischen Chirurgen immer wieder. „Wir müssen ständig neu reagieren, da sich der Zustand des Patienten schnell verändern kann. Das ist eine besondere Herausforderung, der wir uns jeden Tag aufs Neue stellen“, betont Sievers.

Ein schneller Wundverschluss ist überlebenswichtig. Denn durch die Verbrennungen hat die Haut ihre Schutzfunktion vor Krankheitserregern verloren. Kann sich das geschädigte Gewebe nicht mehr selbst regenerieren, wird körpereigene Haut in hauchdünnen Schichten vom Oberschenkel oder Gesäß abgetragen und auf die Wunden verpflanzt.

Sind jedoch mehr als 50 Prozent der Körperoberfläche verbrannt, muss unter Umständen auf kultivierte Haut zurückgegriffen werden, wie Sievers erklärt: „Hier werden kleine Hautstücke des Patienten in ein Labor nach Berlin geschickt, um Haut anzuzüchten.“ Doch dieser Vorgang dauert drei Wochen. Das Leben des Patienten hängt in dieser Zeit am seidenen Faden. Infekte drohen, die zu einem Multiorganversagen führen können. Um die Infektionsgefahr zu verringern, herrschen auf der Intensivstation im Zentrum für Schwerbrandverletzte deshalb OP-Standards: Kittel, Mundschutz und Haube sind im Umgang mit den Patienten Pflicht – das gilt auch für Besucher.

Jeden Mittwoch große Visite

Es ist Mittwoch, kurz nach halb neun Uhr. Seit zwei Tagen liegt Natascha Müller auf der Intensivstation. Pusch blickt durch das rechteckige Fenster zu ihr ins Zimmer. „Ihr Zustand hat sich stabilisiert. Wir können sie aus dem künstlichen Koma holen“, stellt der Anästhesist zufrieden fest.

Wie jeden Mittwoch findet zu dieser Zeit die große Visite statt. Neben den Plastischen Chirurgen und Anästhesisten, nehmen eine Psychologin, Ergo- und Physiotherapeuten sowie die Pflegekräfte daran teil. Hier wird jeder Patient individuell besprochen und von allen Seiten beleuchtet. „Eine effektive Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen ist wichtig, denn nur dann können wir das Beste für den Patienten erreichen“, unterstreicht Prof. Bert Reichert, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie.

Als Natascha Müller aufwacht, weiß sie im ersten Moment nicht, wo sie ist. „Als mir aber die Ärzte gesagt haben, dass ich seit zwei Tagen auf der Intensivstation liege, habe ich ziemlich schnell gewusst, was passiert ist.“ Ihre Hände, Beine und ihr Gesicht sind dick in Verbände eingepackt. Dank der Medikamente spürt sie ihre Schmerzen nicht. „Zusätzlich verabreichen wir den Patienten auch Schlafmittel. Beides wirkt sich natürlich auf den Kreislauf und die Atmung aus“, erklärt Pusch. „Deshalb müssen wir die Patienten genau im Auge behalten.“

Der tägliche Verbandswechsel und das Reinigen der Wunden können bis zu drei Stunden dauern. Assistiert werden die Plastischen Chirurgen und Anästhesisten dabei von den Pflegekräften. Jochen Süßenbach ist einer von ihnen. Seit 1994 ist er Krankenpfleger im Zentrum für Schwerbrandverletzte. „Die Patienten sind bei den kleinsten alltäglichen Verrichtungen auf unsere Hilfe angewiesen“, berichtet Süßenbach. Vom Zähneputzen und Kämmen bis hin zum Waschen. Oft werden die Pflegekräfte für die Patienten zu einer Art Familienersatz. Denn die Liegezeiten können hier bis zu drei Monate betragen.

Zwei Wochen muss Natascha Müller auf der Intensivstation im Zentrum für Schwerbrandverletzte bleiben. Sechsmal wird sie in dieser Zeit operiert. Oft dauern diese Operationen zur Verpflanzung der Haut mehrere Stunden. Sie werden im eigenen Operationssaal bei fast 30 Grad Celsius durchgeführt. Denn mit der Haut fehlt auch der natürliche Wärmeschutz. Keine leichten Bedingungen für das OP-Team, doch die Patienten würden anderenfalls auskühlen.

Bereits nach der zweiten Operation beginnt Natascha Müller mit der Physiotherapie. „Sobald die Wundverhältnisse eine Krankengymnastik zulassen, legen wir los“, erklärt die Physiotherapeutin Karin Heimann. Durch das Liegen in den speziellen Luftbetten und die Bewegungsunfähigkeit werden nicht nur die Gelenke steif, auch die Körperwahrnehmung verschlechtert sich. „Die Patienten verlieren das Gefühl, wo ihr Körper beginnt und wo er aufhört“, weiß ihre Kollegin Sylvia Schröder. Um die Gefahr des Wundliegens zu verringern und dem muskulären Abbau entgegenzuwirken, sollen die Patienten so schnell wie möglich mobilisiert werden.

Gleichzeitig behandelt die Ergotherapeutin Karin Speer die Patienten nach dem Perfetti-Konzept. In kognitiven therapeutischen Übungen bewegen sie hier nur in Gedanken ihre steifen Gelenke. Das Ziel all dieser Maßnahmen: „Die Patienten sollen wieder Vertrauen in ihren Körper bekommen, da viele von ihnen verunsichert sind, wie viel ihre neu verpflanzte Haut aushält“, erläutert Speer.

Wichtige psychologische Unterstützung

Damit Brandopfer wie Natascha Müller ihr Schicksal verarbeiten können, werden sie von Beginn an psychologisch betreut. „Die Patienten sind traumatisiert, desorientiert und entsetzt über ihr verändertes Körperbild. Sie realisieren erstmals, dass sie überlebt haben, aber für ihr Leben lang gezeichnet sein werden“, weiß die Leitende Psychologin Dr. Barbara Stein aus unzähligen Gesprächen.

Die Patienten zu stabilisieren und ihnen Sicherheit zu vermitteln, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Psychologen. Die Familie der Patienten wird dabei immer miteinbezogen. Denn das soziale Umfeld ist wichtig für die positive Verarbeitung des Erlebten. Das Trauma zu verarbeiten, braucht viel Zeit. Doch auch die kann nicht immer alle Wunden heilen.

Dreieinhalb Wochen hat Natascha Müller anschließend noch auf der Bettenstation der Klinik für Plastische, Wiederherstellende und Handchirurgie verbracht. Jetzt geht es für eineinhalb Monate auf Reha. Während ihrer Behandlung im Zentrum für Schwerbrandverletzte hat sie sich in sehr guten Händen gefühlt. Ihren schweren Unfall hat die junge Frau gut verkraftet, sie blickt positiv in die Zukunft. „Auf jeden Fall will ich wieder in meinen alten Beruf als Lehrerin zurückkehren“, sagt sie selbstbewusst und lächelt. „Und ich weiß, dass ich das schaffen werde.“          

Das Zentrum für Schwerbrandverletzte im Klinikum Nürnberg Süd ist eines von drei Zentren in Bayern. Mit seinen acht Betten und seinem eigenen Operationssaal zählt es zu den größten und modernsten in ganz Deutschland. Ein interdisziplinäres Team aus Plastischen Chirurgen, Anästhesisten, Pflegekräften, Psychologen sowie Ergo- und Physiotherapeuten behandelt rund 100 Schwerbrandverletzte im Jahr. Die Experten sind zuständig für alle großflächigen und tieferen Verletzungen, die durch Feuer, Verbrühungen, Explosionen, Chemikalien und Elektrizität verursacht wurden.

Aber auch bei kleineren Verbrennungen im Gesicht, an Händen und Beinen sollten Betroffene frühzeitig ins Zentrum für Schwerbrandverletzte gebracht werden, da die Auswirkungen solcher Verletzungen häufig unterschätzt werden. Deshalb sollten sie immer von einem Verbrennungsspezialisten begutachtet werden.      

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseite der Klinik für Schwerbrandverletzte. 

Autorin/Autor: Kathrin Kalb

 
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