Psychosomatik - Gefangen in der Erinnerung

Es sind immer wieder die gleichen Bilder und Geräusche: das Heulen und Pfeifen der fallenden Sprengbomben, die Verwüstungen durch die Bombenangriffe, die lange und beschwerliche Flucht. Obwohl der Zweite Weltkrieg seit fast 70 Jahren vorbei ist, werden viele ältere Menschen von ihren schrecklichen Erlebnissen noch immer eingeholt.

„Sie sind bis heute traumatisiert, da sie als Kinder und Jugendliche eine existenzielle Bedrohung erlebt haben, in der sie sich hilflos und ausgeliefert fühlten“, erklärt Dr. Corinne Reichhart, Diplom-Psychologin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie therapeutische Leiterin der Psychosomatischen Tagesklinik 55+ im Klinikum Nürnberg Nord. „Die Betroffenen waren damals als Kinder oder Jugendliche verletzlicher. Sie spürten die Angst ihrer Eltern, konnten das Geschehen aber nicht einordnen oder sich dazu äußern. Deshalb haben sie die Ereignisse anders verarbeitet als die Erwachsenen.“

Manche Menschen haben nach schweren Traumatisierungen keine psychischen Beschwerden, nicht wenige reagieren darauf aber mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Doch diese muss nicht gleich nach dem schrecklichen Ereignis aufkommen, wie Reichhart weiß: „Die menschliche Seele verdrängt schlimme Erlebnisse, um den Menschen zu schützen.“

Eines Tages können diese Erlebnisse wieder an die Oberfläche gelangen. Geraten diese Menschen in ihrem späteren Leben wieder in eine Situation, in der sie sich ausgeliefert fühlen und die dem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit ähnelt, kann es zu einer Trauma-Reaktivierung kommen. Sie zeigen dann Symptome einer verzögert auftretenden PTBS, oder auch eine Depression, Angsterkrankung oder Somatisierungsstörung.

Die Betroffenen durchleben die schrecklichen Geschehnisse immer wieder, da sie die aufkommenden Erinnerungsbilder nicht kontrollieren können. Zudem meiden sie Orte, die sie an die traumatische Situation erinnern. Nachrichten über Kriegsgeschehnisse können die Betroffenen kaum ertragen. Sie fühlen eine innere Unruhe, stehen unter Strom und sind schreckhaft.

Die Auslöser für Trauma-Reaktivierungen sind vielfältig und individuell. So sind ältere Menschen öfter mit Situationen konfrontiert, in denen sie sich ausgeliefert und hilflos fühlen – sei es durch Krankheiten oder durch körperliche Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt. „Häufig merken sie, dass da etwas Unbeantwortetes ist, das erledigt werden soll“, weiß Reichhart aus vielen Gesprächen. Neben seelischen Belastungen können auch Berichte über Krieg und Vertreibung eine Wiederbelebung der traumatischen Bilder herbeiführen. Oft reichen schon bestimmte Geräusche aus, die sie an das Geschehen erinnern.

Die Psychosomatische Tagesklinik 55+ im Klinikum Nord bietet für diese Menschen eine Anlaufstelle. „Wir versuchen, unseren Patienten während der vier- bis sechswöchigen Therapie einen sicheren Ort zu geben, um sie zu stabilisieren“, erklärt Reichhart. In Einzelgesprächen und in der Gruppenpsychotherapie lernen sie anhand verschiedener Übungen, mit ihren Gefühlen klar zu kommen und die Bilder richtig zu verpacken. Das ist wichtig, denn mit jedem erneuten Durchleben des Traumas kommt es zu einer Retraumatisierung. „Wir wollen dem Patienten aus seiner Opferrolle helfen. Wenn er merkt, dass er selbst dazu beitragen kann, dass es ihm besser geht, dann sind wir auf einem guten Weg.“      

Rund fünf Prozent aller Menschen in Kriegsgebieten reagieren auf eine Traumatisierung mit einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung, die bis ins hohe Alter andauert“, weiß Dr. Corinne Reichhart (l.), Diplom-Psychologin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg Nord. Hilfe finden Betroffene in der Psychosomatischen Tagesklinik 55+. Neben Einzelgesprächen und Gruppenpsychotherapie stehen für die bis zu neun Patienten auch Kunsttherapie, Qi Gong sowie Progressive Muskelentspannung nach Jacobson auf dem Therapieplan. Voraussetzung für eine Behandlung ist neben einem Vorgespräch sowie einem Einweisungsschein die Bereitschaft, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu wollen.  

Termine für ein Vorgespräch können unter der Telefonnummer (0911) 398-7390 vereinbart werden.

Weiteres zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseite der Psychosomatik.    

Autorin/Autor: Kathrin Kalb

 
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