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Kosmetikseminare für Krebspatientinnen - Mit "Freude am Leben" durch die Chemotherapie

Anita Pollinger (Name durch Redaktion geändert) hatte gerade ihren 45. Geburtstag gefeiert, als sie mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wurde.

„Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein, dass mir das passiert. Gerade jetzt, wo alles so gut lief, die Kinder langsam selbstständig wurden und ich eine neue Stelle angetreten hatte“, erinnert sie sich an einen der schlimmsten Momente in ihrem Leben. Bereits wenige Tage, nachdem sie den Knoten in ihrer Brust beim Duschen zufällig entdeckt hatte, bestätigte sich ihr Verdacht, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelt.

 

Marion Winter (l.) und Gisela S. Hoffmann (r.) zeigen betroffenen Frauen, wie sie durch geschickten Einsatz von Kosmetik oder Kopfbedeckungen die sichtbaren Folgen der Chemotherapie ausgleichen können.
 

„Zum Glück war der Tumor gut abgegrenzt und hatte auch noch nicht gestreut, so konnte die Brust erhalten bleiben“, berichtet die ehemalige Patientin. Im Brustzentrum des Klinikums Nürnberg wurde der etwa einen Zentimeter große Knoten entfernt und das umliegende Gewebe in etlichen Sitzungen zunächst bestrahlt, damit das Risiko eines Rückfalls minimiert wird. „Ich habe sowohl die Operation als auch die Bestrahlung gut überstanden“, erzählt sie, „aber so richtig erwischt haben mich die Folgen der Chemo.“ Die Nebenwirkungen der Chemotherapie, einer wichtigen Säule in der Behandlung von Krebs neben Operation und Bestrahlung, ist mit ein Grund dafür, dass viele Menschen sich vor der Diagnose Krebs fürchten. Denn die Zellgifte setzen den meisten Patienten zu.

Verlust der Haare trifft die Seele

Für Anita Pollinger waren es weniger die körperlichen Folgen wie Übelkeit, die sie gut mit begleitenden Medikamenten in den Griff bekam, als vielmehr die äußerlich sichtbaren Zeichen. „Ich weiß, das klingt lächerlich, wenn es um Leben oder Tod geht, aber als mir schon nach der dritten Chemo die Haare büschelweise ausgingen und auch die Wimpern und Augenbrauen ausfielen, habe ich stundenlang geheult. Ich erkannte mich im Spiegel fast nicht wieder.“ Außer ihrer Familie wollte sie in dieser Zeit niemanden mehr treffen. Bis ihr eine Krankenschwester während der Chemotherapie erzählte, dass im Klinikum ein Kosmetikseminar für krebskranke Frauen angeboten wird. „Ich habe mir zwar nicht viel davon versprochen, weil ich so fertig war“, erinnert sie sich, „habe mich aber trotzdem angemeldet.“

Sie hat es nicht bereut. „Mir hat das Seminar geholfen, mich wieder wie ein richtiger Mensch zu fühlen“, erinnert sie sich dankbar. Bis dahin hatte sie keine Ahnung, wie man sich richtig schminkt – im Kurs lernte sie, „wie wichtig ein wenig Farbe ist, wenn man sich schlecht fühlt“. Und da sie keine Perücke tragen wollte, lernte sie, „wie schick ein buntes Tuch aussehen kann“. Was ihr zusätzlich gut tat, war zu merken, dass andere Frauen die gleichen Probleme damit haben, dass sie nicht nur krank sind, sondern man es ihnen auch ansieht. Aber nicht nur den Austausch mit anderen Betroffenen schätzt die Krebspatientin, sie war auch begeistert von der „lockeren Atmosphäre und der liebevollen Betreuung“ während des Seminars.

Seit 15 Jahren „Freude am Leben“

Die ist in erster Linie Gisela S. Hoffmann zu verdanken, der Initiatorin und Leiterin des Seminars. Seit 15 Jahren wird das Seminar in Kooperation mit der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS LIFE durchgeführt, die aus der Deutschen Knochenmarkspende hervorgegangen ist. Hoffmann war vor zwanzig Jahren selbst an Krebs erkrankt und nahm an einem Kosmetikseminar der DKMS LIFE teil. „Da habe ich am eigenen Leib erfahren, wie gut das tat und wie happy wir aus dem Kurs gegangen sind.“ Danach entwickelte sie die Idee, die Kosmetikkurse auch in Nürnberg zu veranstalten, und fand beim Klinikum Nürnberg offene Ohren. Damals war es das erste Seminar dieser Art in Bayern.

Weit über tausend Frauen sind es mittlerweile, die Hoffmann im Klinikum Nürnberg mit dem Kosmetik-Programm begleitet hat. Sie weiß, welch schwerer Schlag der Verlust der Haare für das Selbstwertgefühl der Frauen ist. Das Resultat ist oft, dass sie sich zurückziehen und, wie auch Anita Pollinger, nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Hier setzt das Seminar an – die Frauen sollen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden und Methoden an die Hand bekommen, die Folgen der Chemotherapie zu kaschieren. „Und wenn die Patientinnen sich besser fühlen, ist das auch für den Heilungsprozess förderlich“, erklärt Hoffmann.

 

Selbstbewusst und schön durch Farbe

Anita Pollinger hat viel gelernt während des Kosmetikseminars, das aus zwei Teilen besteht. In einem Schminkseminar, das etwa eineinhalb Stunden dauert, zeigt Marion Winter, die ein eigenes Kosmetikstudio führt, den Frauen, wie sie die sichtbaren Auswirkungen der Therapie durch geschickten Einsatz mit Kosmetik ausgleichen können. „Mir war bis dahin gar nicht bewusst, wie wichtig Wimpern und Augenbrauen für den Gesichtsausdruck sind“, bemerkt Pollinger. Von der Kosmetikerin erfahren die Teilnehmerinnen, wie sie Eyeliner und Kajalstift anwenden, um Wimpern und Augenbrauen zu ersetzen und dem Gesicht so wieder Kontur und Ausdruck zu geben. Auch Lippenstift und Lidschatten, Make-up und Rouge helfen, Schatten unter den Augen wegzuzaubern und dem Gesicht Frische und Strahlkraft zu verleihen.

Neben nützlichen Tipps für die Hautpflege gibt es sogar die hochwertigen Kosmetik- und Pflegeprodukte kostenlos. Sie werden von Kosmetikfirmen an DKMS LIFE gespendet. „Ich fühlte mich, als hätte ich Geburtstag, als ich die Tasche mit den Kosmetika überreicht bekam. So teure Sachen hätte ich mir nie geleistet“, meint Pollinger.

Der zweite Teil widmet sich dem Thema „Kopfbedeckung“. Die Frauen werden in der Auswahl der richtigen Perücke beraten. Anita Pollinger wollte, bis die Haare nachgewachsen sind, lieber ein Tuch tragen. „Wer will, lernt bunte Tücher so zu wickeln und zu arrangieren, dass ein Turban zum Schmuckstück und Hingucker wird, statt bloß Haarersatz zu sein“, machte Hoffmann ihr Lust aufs Experimentieren. Manche Frauen entscheiden sich auch selbstbewusst für einen kahlen Kopf. In Gesprächen so ganz nebenbei erfahren die Patientinnen, dass die Haare nach sechs bis acht Wochen nachwachsen und das Leben wieder neu beginnt.

Mit Lachen gegen die Krankheit

Hoffmann nimmt das Motto des Programms „Freude am Leben“ ernst. Deshalb geht es in den Seminaren heiter zu. Lachen und Lebensfreude sind schließlich für den Genesungsprozess enorm wichtig. Anfangs skeptische Frauen, die sich vielleicht noch nie geschminkt haben, verlieren bald die Scheu. Trotz des ernsten Hintergrundes haben die Frauen viel Spaß miteinander und für die beiden Kosmetikexpertinnen ist es das größte Kompliment, wenn sie gesagt bekommen, „während der ganzen Erkrankung waren die Stunden bei Ihnen die schönsten“.

Weil sie selbst einmal auf der gleichen Seite wie die Teilnehmerinnen stand, dient Hoffmann den Teilnehmerinnen auch als Orientierung: „Die Frauen sehen, dass ich ein lebendiger Mensch bin, der bereits zweimal einen Krebs überstanden hat, das macht Mut und Hoffnung.“

Für Anita Pollinger liegt diese Zeit nun über ein Jahr zurück. Ihre Haare und auch ihre Wimpern und Augenbrauen sind wieder nachgewachsen. Dennoch denkt sie noch voll Dankbarkeit an den Kosmetikkurs zurück, der ihr die schwere Zeit erleichtert hat. „Und manche kosmetischen Tricks, die ich damals gelernt habe, wende ich immer noch an, wenn ich mal müde und abgespannt bin“, schmunzelt sie.                   

  

Krebserkrankungen, rechtzeitig entdeckt, sind inzwischen oft heilbar. Die Chemotherapie hat an diesem Erfolg einen wichtigen Anteil. Die Behandlung mit den so genannten Zytostatika (Zytos = Zelle; statikos = hemmen) ist meist nicht ohne Nebenwirkungen.

Die bekannteste sichtbare Nebenwirkung der Chemotherapie ist der Haarausfall. Obwohl dieser vorübergehend ist, macht er vielen Krebspatienten zu schaffen, weil zur Sorge um das Überleben auch noch die äußerliche Beeinträchtigung kommt, die häufig zum Rückzug aus sozialen Kontakten führt.

Zytostatika sollen das Wachstum des Tumors verhindern und wirken deshalb nicht nur auf die kranken, sondern auf alle sich häufig teilenden Zellen, wie Haut- oder Schleimhautzellen sowie die Zellen der Haarwurzeln. So beginnt etwa zwei bis vier Wochen nach Beginn der Chemotherapie ein mehr oder weniger starker Haarausfall von der Wurzel her. Die ausgefallenen Haare wachsen allerdings wieder nach, wenn die Zytostatika im Körper abgebaut sind. Professionelle Kosmetik-Tipps helfen den Krebspatientinnen, diese Zeit bestmöglich zu überbrücken. Seit 15 Jahren führt Gisela S. Hoffmann mit der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS LIFE Nürnberg kostenlose Kosmetikseminare für Krebspatientinnen im Klinikum Nürnberg durch.

Information und Anmeldung: Gisela S. Hoffmann Tel. (0911) 223365. Weitere Informationen im Internet unter www.dkms-life.de. Von Gisela S. Hoffmann gibt es den 245 Seiten starken Ratgeber „Haarlos attraktiv“ im Eigenverlag für 22 Euro. Informationen unter gela-hoffmann@t-online.de.

Autorin/Autor: Justina Mehringer

 
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