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Interview - "Glück ist mehr als die Summe der angenehmen Gemütszustände"

Glück gilt als Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens. Um das Glück näher zu erforschen, treten vermehrt Glücksforscher auf den Plan. Jüngst hat es die Deutsche Post mit dem „Glücksatlas Deutschland 2011“ in die Schlagzeilen gebracht.

Das Forschungszentrum Generationenverträge an der Universität Freiburg und das Institut für Demoskopie in Allensbach haben die Lebenszufriedenheit in den Regionen Deutschlands unter die Lupe genommen. Dass dabei die Franken hinter Hamburg, Niedersachsen/Nordsee und Südbayern auf einem bemerkenswert guten vierten Platz landeten, hat Dr. Dr. Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und in der Klinikumsleitung für Strukturentwicklung und Medizin verantwortlich, nicht überrascht.

"Der Einfluss von materiellen Ressourcen auf das Empfinden von Glück ist geringer als wir denken. Geld allein macht nicht glücklich."
 

Das Streben nach Glück gilt heute als Lebensinhalt. Glück wird dabei in der Regel definiert als Zufriedenheit mit dem Leben im Ganzen und das Überwiegen von angenehmen Gemütszuständen. Reicht das aus?

 

Eine solche Definition wäre mir zu oberflächlich. Mein Musiklehrer hat uns in der Schule ein kleines Lied beigebracht: „Das Glücke kommt selten per Posta zu Pferde, es geht zu Fuße Schritt vor Schritt.“ Bei Glück spielt die Lebenszufriedenheit eine große Rolle, aber auch, dass ich meine Bestimmung gefunden habe, am richtigen Platz und  in einem ausgeglichenen Zustand mit meinen Mitmenschen bin. Glück hat viel mit dem individuellen Wertesystem zu tun. Ein religiös gebundener Mensch hat eine andere Zieldefinition seines Lebens und damit auch eine ganz andere Vorstellung vom Glück. Glück hat viel mit Bewertung zu tun. Es kommen auch Menschen zu der subjektiven Aussage, sie seien glücklich, obwohl sie krank, behindert oder traumatisiert sind.

 

Vom französischen Philosophen Montesquieu gibt es ein schönes Zitat; „Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“ Macht erst der Vergleich mit anderen unglücklich?

 

Glück ist mehr als die Summe der angenehmen Zustände. Die Epikureer haben das Glück zum Beispiel völlig anders definiert: Der glückliche Zustand war demnach der Zustand der Selbstbescheidung. Im Zentrum standen die leicht erreichbaren Freuden. Der  Schutz vor Kälte und ausreichend Essen und Trinken reichte schon aus, um einen Zustand der spirituellen Lebenszufriedenheit zu erreichen.

 

Im Glücksatlas der Deutschen Post landete Franken auf dem vierten Platz. Hätten Sie das gedacht?

 

Als jemand der seit 1993 hier lebt, hätte ich gewettet, dass die Franken die Glücklichsten sind. Die Glücksforschung beschäftigt sich aber nicht wirklich immer mit Glück. Nicht umsonst heißt dieser Forschungszweig in den USA „the science of well being“. Es geht dort meist um Lebenszufriedenheit und die Summe der angenehmen, meist materiell fassbaren Gemütszustände. Der Einfluss von materiellen Ressourcen auf das Empfinden von Glück ist aber geringer als wir denken. Geld allein macht nicht glücklich.

 

Deutschlandweit verfügen die Franken laut Studie über das höchste Maß an Sozialkapital. Muss man nun sein Bild vom Franken als wortkargen Zeitgenossen, der sich in der Gaststätte immer nur an einen freien Tisch setzt, revidieren?

 

Als ich nach Nürnberg kam, hat man mir gesagt, der Franke sei nicht bodenständig, sondern bis zur Hüfte in den Boden gerammt. Aber was bedeutet Bodenständigkeit? Die Menschen hier sind in mehreren Communities fest verwurzelt und in der Lage, sich dauerhaft zu binden und Verantwortung zu übernehmen. Das ist eine ganz andere Definition von Sozialkapital, als jeden Abend in einer anderen geselligen Runde zu sitzen. In vielen Großstädten ist es doch üblich zu sagen, dass man sich bald mal sehen werde, und daraus wird nie etwas. In Nürnberg ist das definitiv anders.

 

Glücksforscher sagen, dass wir nicht glücklicher werden, weil wir mehr produzieren und mehr verdienen. Brauchen wir ein neues Leitbild von Wohlstand, Glück und Lebensqualität?

 

Da sprechen Sie mir aus der Seele. Wir brauchen eine ganz andere Möglichkeit der Selbstdefinition vor allem für junge Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Mit verkürzten Schul- und Studienzeiten sind wir aber genau in der gegengesetzten Richtung unterwegs. Es geht nur noch darum, junge Menschen immer schneller in den Produktionsprozess zu integrieren, ohne dass sie wissen, wo sie am richtigen Platz sind. Es fehlen Möglichkeiten, richtig über sich selbst nachzudenken. Fächer wie Kunst oder Sport, in denen man kreativ ist oder über sich selbst etwas erfährt, werden zunehmend beschnitten.

Darin liegt eine große Gefahr. Als Psychiater sehe ich einige dieser Menschen 25 Jahre später mit einem Syndrom des missglückten Lebensentwurfes wieder. Da kommt also eine 49-jährige Topmanagerin zu mir, die extrem unglücklich ist, weil sie seit zwei Jahren entdeckt hat, dass sie doch lieber eine Familie gehabt hätte. Sie hatte sich aber von dieser ganzen Karrierewelt aufsaugen lassen und es nicht geschafft, dabei eine eigene Definition von sich selbst ins Spiel zu bringen. In diesem Zustand hilft kein einziges Psychopharmakon dieser Welt.

 

Bundesweit steigt die Zahl der durch psychische Störungen bedingten Krankheitstage an. Macht uns die Arbeitswelt zunehmend zu schaffen?

 

Da spielt vieles eine Rolle. Zum einen ist eine gewisse Akzeptanz gegenüber psychischen Störungen eingetreten. Auch die Hausärzte sind besser in der Lage, hinter manchem körperlichen Problem eine seelische Ursache zu sehen. Außerdem gibt es zunehmend die Tendenz, Befindlichkeiten zu medikalisieren, die früher zum Leben gehört haben. Dahinter steckt die gesellschaftliche Erwartung, alle müssten jung, dynamisch, leistungsfähig und permanent gut gelaunt sein. Wenn jemand mal ein paar Wochen griesgrämig ist, ist er doch deswegen noch lange nicht gleich depressiv. Bei Überpsychiatrisierung schrillen bei mir die Alarmglocken.

Stimmungsschwankungen gehören zum Leben. Wir brauchen auch die schlechte Stimmung, um die gute Stimmung wahrnehmen und erleben zu können. In diese normale Schwankungsbreite der menschlichen Befindlichkeit dürfen keine gesellschaftlichen Normen gelegt werden, wo die Spitzen abgeschnitten und dann  zur Krankheit erklärt werden.

 

Franken würde bei der Glücksstudie noch viel weiter vorne landen, wenn nicht fast 40 Prozent unter Zeitdruck leiden würden. Ist Stressempfinden ein Glückshemmnis?

 

Stress ist eine normale Reaktionsweise eines Organismus auf Belastung. Entgleist dieses biologische System, so dass auch bei kleinen Anforderungen immer die ganze Maschine angeworfen wird, dann kann Stress krankheitsauslösend sein. Aber nicht nur Zeitdruck, sondern auch schöne Lebensereignisse wie eine Hochzeit lösen Stress aus. Warum gerade die Menschen in Franken derart unter Zeitdruck leiden, ist mir aber ehrlich gesagt ein Rätsel. Im Vergleich zu Berlin oder anderen Großstädten ist es hier doch geradezu idyllisch.

 

Die Freizeit hat in den letzten Jahrzehnten auf jeden Fall zugenommen. Viele sind nun im Freizeitstress und suchen nach dem ganz besonderen Kick.

 

Ich sehe immer wieder jüngere Patienten, deren Beziehung zum Beispiel wegen eines zeitaufwändigen Triathlontrainings in die Brüche gegangen ist. Ich kenne Menschen, die brechen im Sommer jeden Freitagabend zum Surfen zum Gardasee auf und fahren Montag früh um 3 Uhr mit dem Wohnmobil zurück, um wieder rechtzeitig zur Arbeit da zu sein. Die wundern sich dann, warum sie permanent müde sind. Warum aber setzt man sich in der Freizeit selbst so unter Druck? Ich vermute, man versucht verzweifelt seiner Selbstdefinition in der Freizeit gerecht zu werden, weil dies in der Arbeit nicht gelingt.

 

Die Lebensarbeitszeit wird immer länger. Was muss passieren um älteren Menschen eine Arbeit zu ermöglichen, die sie nicht überlastet und zufrieden macht?

 

Es muss in einer beruflichen Biografie mehrfach die Möglichkeit geben, inne zu halten und zu überlegen, ob es bis zur Rente so weitergehen soll oder nochmal  etwas Neues an der Reihe ist. Schade ist, dass der Wunsch nach einem Wechsel immer so bewertet wird, als ob jemand in die Knie gehen würde. Von dieser Bewertung müssen wir uns schleunigst verabschieden. Wenn jemand 20 Jahre lang im Schichtdienst auf der Intensivstation gearbeitet hat, dann muss es eine Form der Personalentwicklung geben, dass man in Wertschätzung seiner bisher geleisteten Arbeit gemeinsam überlegt, wie es danach weitergehen könnte.

In der Medizin sprechen wir gerne von einer personalisierten, also individuell auf den Patienten zugeschnittenen  Medizin. Auch bei der Gestaltung der Arbeitsplätze müssen wir zu einem eher personalisierten System kommen, in dem länger eine Arbeit möglich wird, die dem Einzelnen sinnvoll erscheint. Ich glaube, zum Glück gehört auf jeden Fall die Vorstellung, dass das was ich mache, sinnvoll ist.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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