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Brustkrebs - "Ich wollte unbedingt eine Brust"

„Am Anfang wollte ich es gar nicht glauben. Ich dachte, die Diagnose Brustkrebs trifft mich nicht“, erinnert sich Karin Müller-Frey. Ein kleiner Knoten in der Brust war es, der dieses so normale Selbstverständnis zum Einsturz brachte.

Dann musste plötzlich alles schnell gehen: Erst die Operation, dann die Chemotherapie. Erst in den Wochen der Chemotherapie hatte die heute 45-jährige Lehrerin Zeit zum Nachdenken. „Da wusste ich, es hat nicht gereicht. Mein Bauchgefühl sagte mir, der Krebs ist nicht weg.“

 

Die Gefühle der Frauen ernst nehmen

Die Entscheidung, die sie dann traf, mag ungewöhnlich sein, für Müller-Frey war sie aber konsequent. „Die Brust muss weg“, entschied sie. Sie forderte die Amputation der Brust. „Medizinisch notwendig war die Brustamputation aus Sicht der Frauenheilkunde in diesem Fall nicht“, sagt die Gynäkologin Dr. Annette Schoen, Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde, die Müller-Frey im Brustzentrum des Klinikums behandelt hatte. Doch es geht nicht nur um medizinische Gründe, sondern auch um die Gefühle der Patientin. Deshalb hörte sich Schoen die Ängste und Sorgen ihrer Patientin sehr genau an.

Es ist die Angst vor dem Krebs oder die Angst vor der Brust, von der die Krankheit ausging, die Frauen zur Amputation der Brust treibt. Oder sie lehnen – wie Müller-Frey – die Bestrahlung ab. „Wir nehmen all diese Gefühle sehr ernst, allerdings sollte die Entscheidung nicht aus einer ersten Panik heraus getroffen werden“, betont Schoen. Auch die Leitlinien, die für die Krebsbehandlung in zertifizierten Brustzentren gelten, berücksichtigen die individuelle Lebenssituation der Frauen. „Wir operieren brusterhaltend, wann immer es geht“, erklärt Prof. Dr. Cosima Brucker, Chefärztin der Frauenheilkunde. Trotzdem gebe es immer wieder vorsorgliche Brustamputationen. Vor allem jüngere Frauen mit einem genetisch bedingten hohen Brustkrebsrisiko lassen sich häufig die Brust abnehmen. Daher stießen die Ängste der Patientin im Tumorboard des Brustzentrums auf Verständnis.

 

Frauen zu wenig informiert?

Müller-Frey wollte jedoch nicht nur die Amputation, sie wollte auch eine Rekonstruktion der Brust. Von den Möglichkeiten der modernen Plastischen Chirurgie wusste sie damals allerdings noch nichts. „Ich dachte an Silikon“, gibt sie lachend zu. Damit ist sie nicht die einzige. „Die Frauen in Deutschland sind über die Möglichkeiten der Brustrekonstruktion aus körpereigenen Gewebe leider nur wenig informiert“, bedauert Privatdozent Dr. Bert Reichert, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie. „Noch immer halten sich völlig veraltete Vorstellungen.“

Dabei haben sich die chirurgischen Möglichkeiten sowie die kosmetischen Ergebnisse der Brustrekonstruktion in den letzten zehn Jahren enorm verbessert. „Silikon zum Brustaufbau setzen wir eigentlich nur ein, wenn eine Frau dies ausdrücklich wünscht oder wenn es nicht anders geht“, erklärt Reichert. Denn Silikon bleibe immer ein Fremdkörper, der sich kalt anfühlt. Zudem müsse das Material nach einigen Jahren wieder ausgetauscht werden.

 

Lieber körpereigenes Fettgewebe als Silikon

In der Plastischen Chirurgie setzt man daher seit vielen Jahren auf körpereigenes Gewebe. Dafür werden heute Haut und Fettgewebe vom Bauch verwendet. „Das funktioniert wie bei einer Bauchstraffung“, erklärt Reichert. Zusammen mit der Haut und dem Fettgewebe wird auch das Blutgefäß entnommen, das dieses Areal versorgt. „Wir wissen, dass das Fettgewebe am Bauch gut durchblutet ist. Das machen wir uns zunutze, indem wir das Blutgefäß an der Brustwand wieder an den Blutkreislauf anschließen.“

Die Operation kann bis zu fünf Stunden dauern. Dabei arbeiten zwei Teams zusammen: Ein Team entnimmt das Gewebe mit Blutgefäß am Bauch, das zweite Team rekonstruiert anschließend die Brust inklusive Neuanschluss des Blutgefäßes. Bei Müller-Frey waren sogar drei Teams im Einsatz. Bei ihr erfolgte die Amputation der Brust durch das gynäkologische OP-Team und die Brustrekonstruktion in einem Eingriff. „Optimal“, findet Reichert. Dies erspare der Patientin einen Eingriff.

Nach dem Eingriff bleiben die Frauen drei bis vier Tage zur Überwachung auf der Station. In der Regel ist nach dieser OP nach etwa drei Monaten ein zweiter kleinerer Eingriff nötig – und zwar aus Gründen der Symmetrie an der gesunden Brust. „Da sich die Brust unter dem Einfluss der Schwerkraft verändert, sehen wir erst nach etwa drei Monaten, wie sie wirklich aussieht“, so Reichert. Dieser OP folgt noch ein kleinerer Eingriff, bei dem Brustwarze und Warzenhof rekonstruiert werden.

 

Seelische Verletzung Krebs

„Die Ergebnisse, die wir mit dieser Methode erzielen, sind kosmetisch sehr gut“, betont Reichert. Deshalb ist er enttäuscht darüber, dass nur so wenige Frauen von ihrem Recht auf Brustrekonstruktion Gebrauch machen. „Jeder Blick in den Spiegel erinnert die Frauen an das Trauma, an die tiefe seelische Verletzung Krebs“, weiß er aus den vielen Gesprächen mit seinen Patientinnen. Frauen sollten sich daher frühzeitig gut beraten lassen – von ihrem Frauenarzt und bei Bedarf auch von einem erfahrenen Plastischen Chirurgen.

Am Anfang ist es für viele Frauen zumindest ein tröstender Gedanke, die verlorene Brust wiederzubekommen. Leider wissen nicht alle, dass es hierfür gute Möglichkeiten gibt. Auch ist der erste Schritt zum Beratungsgespräch oft sehr schwer. Kaiser weiß das und nimmt sich deshalb für die Beratung besonders viel Zeit. „Ich möchte, dass die Frauen nach der Beratung selbst genau wissen, was für sie richtig ist“, sagt sie. Die eigentliche OP ist daher immer nur ein Teilaspekt ihrer Arbeit. Dass der Entscheidungsprozess  oft mehrere Gespräche erfordert, weiß sie. Darum wird auch nicht unbedingt sofort ein OP-Termin vereinbart.

Bei Müller-Frey liegt die Operation nun fast ein halbes Jahr zurück. Die Narben haben sich zurückgebildet, die Brüste gefallen ihr: „Auch meine neue Brust ist warm und gut durchblutet, im Vergleich zur anderen fühlt sie sich allerdings etwas taub an.“ Ihr fast hüftlanges Haar ist – der Chemotherapie geschuldet – einem frechen Kurzhaarschnitt gewichen. Ihre Entscheidung zu Amputation und Brustrekonstruktion findet sie auch im Rückblick völlig richtig. „Ich bin mir sicher, dass ich den Krebs besiegt habe.“         

 

*Name von der Redaktion geändert

Karin Müller-Frey*:

„Ich musste meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich habe in mich hineingehört und mich dann entschieden. Glücklicherweise habe ich im Klinikum Nürnberg im Brustzentrum und in der Plastischen Chirurgie zwei Ärztinnen getroffen, die sehr offen darauf reagiert haben und mich gut beraten haben. Heute weiß ich, meine Entscheidung war genau richtig. Mir geht es gut. Der Krebs hat mein Leben verändert. Aber das Leben verändert sich immer.“

 

Dr. Annette Schoen:

„Jede Frau reagiert anders auf die Diagnose Brustkrebs. Mir ist es wichtig, die betroffenen Frauen über alle Möglichkeiten der Therapie zu beraten, und ihr damit die Chance zu geben, die für sie persönlich beste Entscheidung zu treffen. Dabei geht es um medizinische Optionen genauso wie um Gefühle und die persönliche Lebenssituation. Beides gehört für mich untrennbar zusammen.“

 

Dr. Martina Kaiser:

„Mir ist es wichtig, dass die Frauen im Gespräch spüren, dass wir – meine Kollegen und ich – ihre Ängste und Sorgen nachempfinden können. Sie alle leben mit der Diagnose Krebs. Die Frauen sollen nicht aus einer Angst heraus handeln, sondern sich bewusst für das eine oder das andere entscheiden können. Auf dieser Grundlage führe ich meine Beratungsgespräche. Meine Erfahrung zeigt, dass dieses erste Gespräch für die Frauen sehr wichtig ist, unabhängig davon, wie sie sich letztendlich entscheiden. Deshalb sollten Frauen unbedingt in der Nachbehandlungsphase noch einmal auf die Möglichkeiten des Brustaufbaus hingewiesen werden. Die meisten haben erst dann ein offenes Ohr dafür.“

 

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung der Frau.

Jede zehnte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. 70 Prozent der Brustkrebserkrankungen können heute brusterhaltend operiert werden. In 30 Prozent muss die Brust aus medizinischen, seltener aus psychischen Gründen entfernt werden. Zu den zählen u.a. ein hohes genetisch bedingtes Brustkrebsrisiko, aber auch die Angst vor der Bestrahlung bzw. die Angst vor der Brust, die den Krebs hervorgebracht hat.

Nach der Amputation haben die betroffenen Frauen einen Anspruch auf eine Prothese bzw. eine Brustrekonstruktion aus körpereigenem Gewebe. In Deutschland nutzen nur wenige Frauen diese Möglichkeit, Schätzungen gehen von drei bis maximal zehn Prozent der betroffenen Frauen aus. „Zu uns in die Klinik kommen vor allem jüngere Frauen“, berichtet Privatdozent Dr. Bert Reichert, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie im Klinikum Nürnberg.

Zertifizierte Brustzentren sind verpflichtet, Frauen von Anfang an über alle Möglichkeiten der Behandlung zu informieren. So arbeiten im Brustzentrum des Klinikums Nürnberg die Klinik für Frauenheilkunde und die Klinik für Plastische Chirurgie eng zusammen. „Steht eine Amputation an, ist ein Plastischer Chirurg von Anfang mit dabei“, betont Prof. Cosima Brucker, Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde. Allerdings können medizinische Gründe gegen eine Prothese oder eine Brustrekonstruktion sprechen. Die Gesundheit der Patientin hat grundsätzlich Vorrang.         

Nicht immer muss die Entscheidung zum Brustaufbau während oder kurz nach der Krebsbehandlung fallen. Eine Brustrekonstruktion ist auch Monate und Jahre nach der Brustamputation möglich. Frauen, die einen Brustaufbau wünschen, sollten sich von einem erfahrenen Plastischen Chirurgen über alle medizinischen Verfahren ausführlich informieren lassen.               

Allgemeine Informationen zu Brustkrebs und Brustrekonstruktion gibt es im Internet unter www.krebsinformation.de., Anmeldung zur Sprechstunde „Brustrekonstruktion“ der Klinik für Plastische Chirurgie unter Tel. (0911) 398 -2367, Behandlung im Brustzentrum im Klinikum Nürnberg Nord, Tel. (0911) 398 -3843

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Brustzentrums.

 

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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