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Wenn Krebs zu einer chronischen Krankheit wird - "Es geht in erster Linie um die Erhaltung der Lebensqualität"

Krebs wird meist als plötzlich auftretende Krankheit angesehen, die eine radikale Therapie mit starken Nebenwirkungen erforderlich macht und bei nicht erfolgreicher Behandlung schnell zum Tod führen kann. Die Realität schaut jedoch vielfach anders aus.

Dank des Fortschritts in der Medizin können viele Krebserkrankungen heute geheilt oder zumindest weitaus erfolgreicher als noch vor Jahren behandelt werden. Krebs entwickelt sich damit zunehmend zu einer chronischen Erkrankung. Welche Konsequenzen dies für Therapieziele und Behandlung hat, diskutieren Prof. Martin Wilhelm, Chefarzt der Klinik für Onkologie und Hämatologie, und Prof. Wolfgang Söllner, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Prof. Wolfgang Söllner: "Heute geht es oft nicht um Monate, sondern um Jahre eines Lebens mit der schweren Krankheit."
 

Wird dank besserer Medikamente und der Kombination unterschiedlicher Therapien Krebs wirklich zunehmend zu einer chronischen Erkrankung?

 

Prof. Martin Wilhelm: Krebs ist nicht gleich Krebs. So kann es durchaus vorkommen, dass bei einem Tumor, der sehr wenig aggressiv ist und den Organismus nicht beeinträchtigt, nach Diagnosestellung zunächst erst einmal kein Handlungsbedarf besteht und der Betroffene lange Zeit auch ohne Therapie mit seiner Erkrankung beschwerdearm lebt. Ein Beispiel hierfür sind die „indolenten“ Lymphome. Die Anzahl der chronischen Krebserkrankungen nimmt aber vor allem zu, da die therapeutischen Möglichkeiten besser geworden sind. Zum Beispiel leben die Menschen mit einem Darmkrebs, der bereits zahlreiche Metastasen gestreut hat, dank der heute zur Verfügung stehenden Methoden im Durchschnitt drei bis vier mal so lange wie früher. Wohlgemerkt im Durchschnitt, d.h. zahlreiche Patienten leben auch viele Jahre mit einer Erkrankung in diesem Stadium.

 

Wie muss ein Krankenhaus auf diese Entwicklung reagieren?

 

Prof. Martin Wilhelm: Es sollte erst einmal in der Lage sein, diese innovativen Behandlungsmethoden auch einsetzen zu können. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen ist zudem nur in Ausnahmefällen die Expertise eines einzigen Arztes gefragt, man braucht in der Regel mehrere Experten, wie den Onkologen, den Chirurgen, den Strahlentherapeuten, den Pathologen, Radiologen usw.. Gerade bei einer chronischen Erkrankung ist aber für eine umfassende Betreuung vieles mehr erforderlich wie z. B. die Möglichkeit einer psychoonkologischen Betreuung – auch der Familien, oder auch Beratungsangebote zu Themen wie Ernährung oder die so genannte „Alternativmedizin“. All das halten wir im Klinikum Nürnberg vor.

 

Sie behandeln ja nicht nur den Krebs, sondern den Menschen mit Krebs und dessen persönliches Umfeld. Was bedeutet dies bei einer chronischen Erkrankung?

 

Prof. Wolfgang Söllner: „Herr Doktor, wie lange habe ich denn noch?“ Vor zehn Jahren stand für viele Patienten diese Frage im Raum. Oft war damals das Überleben nach der Diagnosestellung eine Sache von Monaten. Die Patienten beschäftigten sich mit der Frage, wie sie diese letzten Monate gestalten oder wie sie es ihren Kindern sagen sollten. Heute geht es oft nicht um Monate, sondern um Jahre eines Lebens mit der schweren Krankheit.

Mit der Krankheit über einen längeren Zeitraum zu leben, geht meist einher mit einer regelmäßigen Einnahme von Medikamenten. Das erfordert eine ganz andere Mitarbeit des Patienten. Diese so genannte Compliance kommt nur zustande, wenn Vertrauen zumindest zu einer zentralen ärztliche Ansprechperson vorhanden ist. Um das bestmögliche, individuell angepasste Therapiekonzept zu erarbeiten, sind viele Spezialisten nötig, aber der Patient braucht diesen festen Ansprechpartner.

Bei jeder chronischen Erkrankung kommt es auf die Qualität und die Tragfähigkeit der Arzt-Patient-Beziehung an. Beim chronischen Verlauf gibt es immer Krisen, die Krankheit verläuft oft in Schüben und löst berufliche, familiäre und existenzielle Probleme aus. Ein solch persönlicher Ansprechpartner kann helfen, diese Probleme zu lösen und Krisen durchzustehen.

 

Viele Patienten und Angehörige suchen im Internet nach Informationen, beharren auf einer Zweit- und Drittmeinung. Reicht ein Ansprechpartner?

 

Prof. Wolfgang Söllner: Aufgrund der großen Ängste, die eine Krebserkrankung auslöst, suchen die Menschen oft verschiedene Ärzte auf und bekommen dabei Unterschiedliches zu hören. Das verstärkt die Angst. Die Behandlung chronisch Kranker erfordert eine gute Abstimmung aller an der Behandlung Beteiligten.

 

Prof. Martin Wilhelm: Früher gab es nur die Möglichkeit von Konsilen. Mit den Unterlagen in der Hand ging der Patient von einem Arzt zum anderen. Da aber die Abstimmung untereinander fehlte, hörte der Patient dann unterschiedliche Einschätzungen, was ihn extrem verunsicherte. Gerade bei einer chronischen Erkrankung ist es aber besonders wichtig, dass der Patient bzw. die Patientin voll hinter der Therapie steht und das sichere Gefühl hat, die richtige Behandlung zu bekommen. Aus diesem Grund sind auch die onkologischen Konferenzen, die so genannten Tumorboards, so wertvoll. Dort generiert man aus all den beteiligten Fachdisziplinen eine Meinung, die man dann dem Betroffenen als die Essenz des gesamten Expertenwissens mitteilt. Die Zweit- oder Drittmeinung ist dabei quasi inklusive.

 

Sind verstärkt ambulante Angebote gefragt, um trotz oder mit der Erkrankung am Leben teilnehmen zu kommen?

 

Prof. Martin Wilhelm: Die Einstellung zur Therapie hat sich bei chronischen Krebspatienten deutlich geändert. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ob die Überlebenszeit verlängert werden kann, sondern vor allem auch um die Erhaltung der Lebensqualität. Die ambulante Therapie bekommt damit einen weitaus höheren Stellenwert als früher. Die allermeisten Patienten wollen ambulant behandelt werden, um weiter zu Hause oder auch im Beruf am Leben teilnehmen zu können. Für die Therapie selbst heißt das oft, nicht mit der Maximaltherapie zu behandeln, da es für den Erhalt oder die Verbesserung der Lebensqualität häufig genügt, das weitere Tumorwachstum zu stoppen, und nicht unbedingt ein starkes Schrumpfen des Tumors erforderlich ist.

 

Um am Leben teilnehmen zu können, kommt es letztlich auf die Beherrschung der Nebenwirkungen der Therapie an. Ist das heute möglich?

 

Prof. Martin Wilhelm: Uns stehen viele neue Medikamente zur Verfügung, mit denen wir Nebenwirkungen wie zum Beispiel die Übelkeit viel besser behandeln können als früher.

Außerdem gibt es in den meisten Fällen mehrere Behandlungsoptionen. Wenn jemand gerne Klavier spielt oder stark unter einem Haarausfall leiden würde, dann sollte er bestimmte Medikamente nicht bekommen. Solche Aspekte sollte man zu Beginn der Behandlung besprechen und bei der Festlegung des Therapiezieles berücksichtigen. Man muss aber genau unterscheiden: Ist das Ziel die Heilung, sind Patient und Therapeut eher bereit, vorübergehend stärkere Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Ist die Krankheit aber chronisch, muss ich bei der Planung der Behandlung unbedingt die persönliche Lebensgestaltung und Wertigkeiten des Betroffenen berücksichtigen. Dazu muss ich als Arzt aber das gesamte Spektrum von Therapien, Wirkungen und Nebenwirkungen mit den dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten kennen und dies dem Patienten darlegen. Ich muss den Patienten in die Lage versetzen, entscheiden zu können, welchen Weg er gehen will bzw. welche Nebenwirkungen er für welches Ziel bereit ist, in Kauf zu nehmen.

 

Solche existenziellen Fragen zu entscheiden oder zwischen Wirkung, Nebenwirkung und Lebensqualität abzuwägen, hat man nicht gelernt. Wie kann man dabei den Patienten unterstützen?

 

Prof. Wolfgang Söllner: Man muss zuhören können und dabei herausfinden, welche Fragen den Patienten bewegen. Was ist jetzt wichtig, was passiert im Beruf? Sinnfragen drängen sich in den Vordergrund. Man muss dem Patienten die Möglichkeit geben, sich mit einer Person auszutauschen, die die nötige professionelle Distanz hat. Wir von der Psychoonkologie müssen also ein großes Ohr haben und die Fähigkeit, uns in den Patienten hineinzuversetzen. Es geht meist darum, dass sich der Patient die richtigen Fragen stellt. Wir können mit dem Patienten und – falls er dies wünscht - seinen Angehörigen das Für und Wider bei einer Entscheidung vor dem Hintergrund seiner aktuellen Lebenssituation abzuwägen, aber wir sollten nicht glauben, die besseren Antworten für die Patienten zu besitzen.

 

Prof. Martin Wilhelm: Es ist zwar erforderlich aber nicht so einfach wenn man den Patienten in die Therapieentscheidung mit einbinden möchte. Man weiß, dass ein Patient vom Erstgespräch nur etwa die Hälfte der Informationen aufnehmen kann. Auch muss man in der Lage sein die medizinischen Fakten für Laien „übersetzen“ zu können. Daher ist sehr viel Zeit für ein ausführliches Gespräch erforderlich und, gerade wenn es Therapiealternativen gibt, ist auch häufig ein Zweit- oder Drittgespräch notwendig.

 

Prof. Wolfgang Söllner: Dass nur ein Bruchteil der vermittelten Information beim Patienten ankommt, muss der Arzt in der Gesprächsführung berücksichtigen. Um dem Patienten Gelegenheit zu geben, auf das Gesagte zu reagieren, müssen Ärzte lernen, Pausen im Gespräch zuzulassen. Auch das Behandlungsteam braucht Pausen als Orte der Reflexion. Solche Pausen sind notwendig, ohne sie kann man keine gute Medizin für Krebspatienten machen.

 

Oft wird Krankheit auch als Chance betrachtet. Kann man das auch bei Krebs?

 

Prof. Wolfgang Söllner: Wenn jemand so eine schwere Erkrankung wie eine Krebserkrankung durchmacht, prägt ihn das ein Leben lang. Bei einer derart existenziellen Bedrohung geht man nicht einfach zur Tagesordnung über. Sie beinhaltet aber die Chance zu lernen, die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu unterscheiden und damit das Leben bewusster und intensiver zu führen. Es gibt chronische Krebspatienten, die mit Einschränkungen leben müssen, aber eine höhere Lebensqualität empfinden als gesunde Gleichaltrige, weil sie andere Wertigkeiten haben. Soziale Kontakte aufrechterhalten und selbstständig eine Runde gehen zu können, hat für sie eine hohe Bedeutung. Ein Gesunder denkt darüber kaum nach. Er läuft die gleiche Distanz und ist hinterher nur unzufrieden mit seiner Leistung.

 

Prof. Martin Wilhelm: Es gibt eine Studie über Leukämie-Patienten, die viele Jahre nach ihrer sehr intensiven Therapie befragt wurden. Viele sagten, die Krankheit wäre ein wichtiger Wendepunkt gewesen, der ihr weiteres Leben sehr positiv beeinflusst hat.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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