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Praktikum im Klinikum - Frankreich - Ein Blick über den Tellerrand

Die Harmonisierung von Normen, Verfahren und Gesetzen steht in der Europäischen Union ganz oben. Doch die Angleichung des Gesundheitswesens der verschiedenen Länder steckt noch in den Kinderschuhen. Bei seinem zweimonatigen Praktikum in der Abteilung Organisationsentwicklung des Klinikums Nürnberg konnte David Lariviere die Unterschiede der beiden Gesundheitssysteme hautnah miterleben.

Der 30-Jährige ist mit einer Nürnbergerin verheiratet und besucht in Rennes die Nationale Schule für Gesundheitspolitik. Derzeit bereitet er sich in einer 27-monatigen Ausbildung mit einem Auslandspraktikum auf seine Zukunft als Krankenhausdirektor in Frankreich vor. Läuft alles glatt, wird Larivière im April 2012 eine Leitungsposition in einer Klinik mit 600 bis 700 Betten in der Region von Paris übernehmen.

„Wie in Deutschland auch folgt in Frankreich seit über 30 Jahren eine Gesundheitsreform auf die andere, ohne jedoch richtig Wirkung zu zeigen“, berichtet Larivière.

Als angehender Krankenhausdirektor in Frankreich schaute sich David Lariviere im Rahmen eines Praktikums die Organisationsstruktur des Klinikums Nürnberg an.
 

Das Gesundheitssystem steckt im Nachbarland ebenfalls in einer finanziellen Krise, obwohl es anders organisiert ist. So geht in Frankreich der Krankenversicherte bei Inanspruchnahme von Leistungen zunächst in Vorkasse und reicht dann die Rechnung bei der Krankenkasse ein, die einen großen Teil der Kosten übernimmt.

Deren vollständige Erstattung gibt es nur aus sozialen Gründen, bei schweren Operationen, bei der Geburt oder während der Mutterschaft. Ansonsten werden die Kosten für den Arztbesuch nur zu 70 Prozent und für den Krankenhausaufenthalt zu 80 Prozent erstattet. „Um nicht auf dem Rest sitzenzubleiben, haben viele Franzosen eine Zusatzversicherung abgeschlossen. Wer sich das nicht leisten kann, kann eine staatliche Versicherung erhalten, um medizinische Versorgung und Medikamente zu bekommen.

 

Alle Einkünfte werden einbezogen

Während in Deutschland sich die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung aus den Arbeitseinkommen speisen, werden in Frankreich alle Einkünfte, also auch die aus Vermögen und Kapital, herangezogen. Eine Einkommensgrenze nach oben gibt es nicht. Der Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung beträgt 12,8 Prozent, der Arbeitnehmeranteil 0,75 Prozent. Da dieser Anteil nicht ausreichte, werden seit 1991 zusätzlich eine Allgemeine Sozialsteuer in Höhe von 7,5 Prozent und eine Abgabe zur Tilgung der aufgelaufenen Defizite der Sozialversicherung in Höhe von 0.5 Prozent des gesamten Einkommens erhoben. Damit wird das zum großen Teil staatliche Gesundheitswesen in Frankreich finanziert.

Anders als in Deutschland sind in Frankreich die Krankenhäuser überwiegend noch in öffentlicher Hand. „Derzeit versucht man“, so Larivière, „Betten abzubauen und auch gegen Widerstände vor Ort kleinere Krankenhäuser zu schließen und größere Einheiten zu bilden. Der Grund: Größere Häuser bieten die Gewähr für eine höhere medizinische Qualität und eine höhere Patientensicherheit“.

Diese müssen nicht gleich die Größe des öffentlichen Krankenhauses in Paris haben. Mit rund 90.000 Mitarbeitern, 25.000 Betten und 37 Standorten sowie einem Jahresbudget von 6,5 Milliarden Euro ist das „Assistance publique – Hôpitaux de Paris” das größte Krankenhaus in Europa. Das AP-HP behandelt Jahr für Jahr rund 5,8 Millionen Patienten. Die französische Regierung will nun kleine Kliniken in der Region schließen, so dass jeder Franzose im Umkreis von 40 Kilometern ein Krankenhaus vorfindet und die Zahl der Krankenhausbetten im Land insgesamt sinkt. Mit 820 Klinikbetten je 100.000 Einwohner liegt Frankreich beim Bettenabbau bereits deutlich vor Deutschland (901).

Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich regionale Gesundheitsagenturen, die die Entwicklung der medizinischen Versorgung mit Ärzten und Fachärzten sowie mit medizinischen Geräten überwachen. Für die Anschaffung teurer Medizingeräte wie Computer- oder Kernspintomografen gibt es Mindestfallzahlen. Für Larivière liegt der Vorteil auf der Hand: „Es kommt zu weniger unnötigen Untersuchungen, die nur gemacht werden, um die teuren Geräte zu refinanzieren.“

 

Geringere Medikamentenpreise, mehr Prävention

Um das Defizit im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, setzte man in Frankreich, u.a. auf mehr Prävention, eine Weiterentwicklung der ambulanten Chirurgie und eine strenge Preiskontrolle für Arzneimittel. Mit Erfolg: Da bereits die Zulassung eines Medikaments davon abhängig ist, zu welchem Preis das Mittel auf den Markt kommt, sind die Medikamentenpreise deutlich niedriger als in Deutschland. Bei der Prävention dagegen hat man noch einen enormen Nachholbedarf. „Vorbeugung war Jahrzehnte lang ein Fremdwort. Weil die Ärzte pro Fall bezahlt wurden, hatten sie daran kein Interesse“, berichtet Larivière. Das soll sich jetzt ändern z.B. durch Maßnahmen und Kampagnen gegen gesundheitsschädigendes Verhalten.

Nach dem Praktikum im Klinikum Nürnberg sieht sich Larivière gut gerüstet für die letzten 14 Monate seiner Ausbildung. Die Erkenntnisse, wie sich ein großes öffentliches Krankenhaus der Maximalversorgung im Wettbewerb positioniert, nimmt er mit nach Frankreich. Besonders beeindruckt hat ihn „die effiziente Leitungsstruktur im Klinikum“. Die Aufstellung der Leitungskonferenz mit einem Vorstand und die Aufteilung in die Bereiche Infrastruktur und Steuerung, Strukturentwicklung und Medizin sowie Personal und Patientenversorgung hält er für „sehr gelungen“.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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