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Migranten im Gesundheitswesen - Junge türkische Frauen sind stärker suizidgefährdet

Eine Erhebung des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“ bringt es an den Tag: Zwar werden unter Menschen mit Migrationshintergrund in Nürnberg insgesamt weniger Suizidversuche registriert als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, doch eine Gruppe fällt bei der Auswertung aus dem Rahmen: junge Menschen mit türkischem Migrationshintergrund der Altersgruppe 18 bis 26 Jahre.

Sie scheinen stärker suizidgefährdet zu sein als gleichaltrige Männer und Frauen ohne Migrationshintergrund. Besonders suizidgefährdet sind dabei junge türkische Frauen – egal, welchen Pass sie haben.

Dies ist eines von vielen Ergebnissen einer aufwändigen Untersuchung des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“, an der Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie beteiligt waren.

Problematisch: Junge Frauen mit Migrationshintergrund leben im Spannungsverhältnis unterschiedlicher Rollenbilder.
 

Dabei wurden alle verfügbaren Daten zu Suizidversuchen in Nürnberg systematisch ausgewertet. „Die jungen türkischen Migranten fielen als Gruppe besonders auf“, betont Dr. Hartmut Lehfeld.

Doch der leitende Psychologe der Psychiatrischen Klinik warnt zugleich vor einer allzu einfachen Interpretation.Der Ausgangspunkt der Studie war die Frage, ob die Aufklärungskampagne des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“, die in den Jahren 2001 bis 2003 mit hohem Aufwand im Stadtgebiet durchgeführt wurde, Wirkung zeigt. „Wir gingen davon aus, dass die Zahl der Suizide und Suizidversuche sinkt, wenn mehr Menschen, die an Depressionen leiden, frühzeitig diagnostiziert und gezielt behandelt werden“, erklärt Lehfeld. Denn Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache von Suizidversuchen.

Hier sprechen die Nürnberger Zahlen eine deutliche Sprache: Von 2000 bis 2004 sank die Zahl der Suizidversuche in Nürnberg kontinuierlich um knapp die Hälfte. Ein großer Erfolg für die Kampagne und ein Zeichen für die gute Gesundheitsversorgung von depressiven Menschen in Nürnberg. Dies gilt für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen.

Nur bei einer Gruppe blieben die Zahlen leider unverändert: bei jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, darunter überwiegend junge Frauen. „Diese Zahlen springen einem sofort ins Auge, wenn man sie mit den Suizidversuchsraten gleichaltriger Personen aus der einheimischen Bevölkerung oder denen der älteren Migranten vergleicht“, betont Lehfeld. Bei Migranten insgesamt und vor allem auch bei den türkischstämmigen Migranten über 40 Jahren liegt die Zahl der Suizidversuche weit unter ihrem Bevölkerungsanteil. Überrepräsentiert sind türkischstämmige Personen dafür bei den stationären Aufnahmen infolge einer Depression in den Altersgruppen über 45 Jahre.

Doch warum begehen weit weniger Migranten einen Suizidversuch als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht? Und warum suchen gerade junge Türkinnen im Suizidversuch einen Ausweg? In der Forschung zum Thema Migration und Gesundheit werden verschiedene Thesen dazu diskutiert. Es seien stabilere und mutigere Persönlichkeiten, die den Schritt in ein fremdes Land wagen, lautet eine dieser Thesen, die jedoch nur für die „Einwanderergeneration“ gilt. Religion und Familie bildeten ein unterstützendes Netzwerk, eine andere. Um diese Fragen zu beantworten und gute Therapieangebote entwickeln zu können, ist noch viel Forschung nötig.

In Nürnberg wurden die jungen türkischen Frauen zu ihren Beweggründen für den Suizidversuch gefragt. Dabei spielten ungelöste Konflikte mit dem Ehemann, dem Vater oder der Familie eine große Rolle. „Offensichtlich fällt es den jungen Frauen schwer, eine für sie gute Lösung für das Spannungsverhältnis zwischen traditionellem Frauenbild der Herkunftsfamilie und dem der westlichen Gesellschaft zu finden“, meint Lehfeld.   

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseite der Psychiatrischen Klinik.

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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