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Klinikhygiene - "Nicht an jeder Krankenhausinfektion ist das Krankenhaus schuld"

Die Europäische Union schlägt Alarm: EU-Gesundheitsminister John Dalli bezeichnete die Hygienesituation in vielen Krankenhäusern als „alarmierend“. Jedes Jahr, sagt er, sterben in der Europäischen Union 37.000 Menschen an Klinikinfektionen, 4,1 Millionen Patienten infizieren sich durch Krankenhauskeime.

In Deutschland schätzt man die Zahl der Krankenhausinfektionen auf ca. 400.000 bis 600.000 pro Jahr, ca. 7.500 bis 15.000 Patienten sterben daran. Bundesregierung und Länderregierungen planen nun strengere Vorschriften.

Im Klinikum Nürnberg ist für die Klinikhygiene eigens das Institut für Klinikhygiene, Medizinische Mikrobiologie und Klinische Infektiologie unter der Leitung von Chefarzt PD Dr. Heinz-Michael Just zuständig. Die über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, darunter Hygieneärzte, Hygieneingenieure, Hygienefachkräfte und Desinfektoren kümmern sich um die Umsetzung und Einhaltung der Hygienestandards.

»Auch wenn es im Haus blitzt und blinkt, heißt das noch lange nicht, dass auch das Infektionsrisiko gering ist.«
 

Herr Dr. Just, die hohen Zahlen erschrecken. Wird die Klinikhygiene in Deutschland vernachlässigt?

So einfach lässt sich diese Frage leider nicht beantworten. Es gibt sicher Kliniken, wo nicht alles zum Besten steht. Aber viele Krankenhäuser haben eine exzellente Klinikhygiene. Die Zahlen suggerieren auch ein grundlegendes Missverständnis. Der Laie denkt ja, dass diese Infektionen alle von Ärzten und Pflegekräften in den Krankenhäusern verschuldet wurden. Das ist falsch. Nur etwa 20 bis 30 Prozent davon gelten als vermeidbare Infektionen. Trotzdem müssen wir die Zahlen sehr ernstnehmen. Sie zeigen die Größenordnung des Problems.

 

Was versteht man eigentlich unter einer Krankenhausinfektion?

Es ist eine Infektion, die im Rahmen einer medizinischen Behandlung auftritt, völlig unabhängig davon, wo genau diese Infektion erworben wurde. Deswegen spricht man heute auch nicht mehr von Krankenhausinfektionen, sondern von „health care aquired infections“, also von Infektionen, die in zeitlicher Nähe zu einer medizinischen Maßnahme entstehen. Das kann in einem Krankenhaus, in einer Arztpraxis, in einem Alten- und Pflegeheim und oder auch bei der ambulanten Pflege zuhause passieren.

 

Aber spielt das Krankenhaus dabei nicht eine besondere Rolle?

Ja, auf alle Fälle. Im Krankenhaus treffen ja zwei der größten Risikofaktoren aufeinander. Da ist zum einen der Patient selbst, der allein schon wegen seiner Krankheit gefährdeter ist als ein gesunder Mensch. Sein Infektionsrisiko hängt dabei stark von der körpereigenen Abwehrleistung ab, die bei Kranken oft zusätzlich herabgesetzt ist.

Zum anderen werden im Krankenhaus invasive diagnostische und therapeutische Maßnahmen durchgeführt, die für sich schon ein Infektionsrisiko haben. Dabei werden zeitweise ganz bewusst bestimmte körpereigene Abwehrmechanismen außer Kraft gesetzt. Beispielsweise ist bei einer Spritze oder durch den Schnitt bei einer Operation die Schutzfunktion der Haut nicht mehr gegeben. Bei der Beatmung oder bei einem Blasenkatheter ist die Schutzfunktion der Schleimhaut außer Kraft gesetzt. Wenn ich Fremdkörper in den Körper einbringen muss, sei es ein Katheter, ein künstliches Hüftgelenk oder eine künstliche Herzklappe, dann geht damit ein nicht unerhebliches Infektionsrisiko einher.

 

Können also auch dann Infektionen auftreten, wenn der Arzt völlig aseptisch arbeitet, wenn er alles richtig macht?

Ja, genau. Eine Krankenhausinfektion war und ist zuerst einmal eine im Krankenhaus erworbene, aber nicht eine durch das Krankenhaus verschuldete Infektion. Das muss man wissen. Dies gilt genauso für alle anderen Infektionen als Folge einer medizinischen Behandlung. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, der Arzt sei immer schuld an einer solchen Infektion. Das kommt zwar vor, ist aber nicht automatisch so.

Damit die 20 bis 30 Prozent der Infektionen, die als vermeidbar gelten, auch weitestgehend vermieden werden, dafür gibt es die Krankenhaushygiene. Bei allen Maßnahmen, die am Patienten durchgeführt werden, müssen die hygienischen Vorkehrungen beachtet werden, die zur Vermeidung von Infektionen beitragen. Hierzu alle Mitarbeiter anzuhalten, ist meine Aufgabe als Krankenhaushygieniker.

 

Was umfasst die Klinikhygiene in einem Krankenhaus?

Das ist ein sehr breites Feld. Es beginnt mit Desinfektionsmaßnahmen, vor allem der Desinfektion der Hände. Jeder Arzt muss sich die Hände desinfizieren, bevor er eine Spritze gibt oder eine Kanüle legt. Daran erkennt der Patient übrigens, ob ein Arzt ordentlich arbeitet. Man beobachtet immer wieder, dass eine Arzthelferin vor der Blutentnahme die Stelle desinfiziert, wartet, bis das Mittel einwirkt und dann noch einmal mit dem Finger nach der Vene sucht. Das darf nicht sein. Nach der Desinfektion hat da kein Finger mehr etwas verloren.

Dann müssen die Umgebungsbedingungen stimmen: Es muss sauber sein im OP, aber auch auf einer Station. Der Schmutz in der Ecke oder unter dem Bett hat mit Hygiene im Sinne der Infektionsprävention zunächst nichts zu tun. Das wird oft missverstanden. Der Blutfleck am Bett oder der Blutfleck auf einem Tisch, an dem man eine Infusion herrichtet, jedoch schon. Das ist eine echte Gefährdung. Bei der Klinikhygiene geht es um klare Regelungen und Vorgaben für alle medizinischen Handlungen, die beim Patienten erfolgen. Durch das Handanlegen werden Ärzte und Pflegekräfte für den Patienten immer potenziell zur Gefahr, dessen müssen sie sich immer bewusst sein und strikt danach handeln.

 

Warum braucht es immer wieder Aktionen zur Händedesinfektion in Krankenhäusern? Dass es wichtig ist, weiß doch jeder.

Ja, und trotzdem kommt es wohl immer und überall vor, dass die Händehygiene nicht situationsgerecht und sorgfältig genug durchgeführt wird. Aber es ist das A und O zur Vermeidung von Infektionen. Deswegen haben wir im Klinikum Kittelflaschen mit Desinfektionsmittel eingeführt, die jeder Arzt und jede Pflegekraft im eigenen Kittel tragen kann. Da kann keiner mehr sagen: Ich hatte gerade kein Desinfektionsmittel zur Hand. Im OP ist die Hygiene seltener ein Problem als in peripheren Einrichtungen wie z.B. in Funktionsabteilungen oder auf den Stationen. Die Folgen davon hat man in der Vergangenheit sicherlich unterschätzt.

Die Klinikhygiene bleibt aber vor allem dort auf der Strecke, wo es an Personal fehlt. Studien belegen diesen Zusammenhang eindeutig. Ist der Personalschlüssel zu niedrig, gehen die Infektionsraten sofort nach oben. Deshalb darf die Infektionsprävention nicht dem Kostendruck geopfert werden. Die Kosten, die durch eine Infektion entstehen, sind immens und werden von den Krankenkassen nicht erstattet. Eigentlich müsste jedes Krankenhaus daran interessiert sein, Hygienemitarbeiter zu haben. Viele haben das aber nicht. Zum Glück wird im Klinikum Nürnberg hier nicht gespart.

 

Viele Patienten fürchten sich vor den multiresistenten Keimen. Welche Gefahr geht von diesen Keimen für Krankenhauspatienten aus?

Für einen gesunden Menschen ist das nicht gefährlich. MRSA oder andere resistente Erreger sind ja keine Seuchenerreger. Deshalb können Menschen mit MSRA ganz normal am Leben teilnehmen und tun das auch. In der Arztpraxis oder im Krankenhaus ist das jedoch anders. Hier müssen wir darauf achten, dass ein MRSA-Patient andere Patienten nicht gefährdet. Deshalb wird ein MRSA-Patient unter bestimmten Umständen isoliert. Stellt er für seine Mitpatienten keinerlei Risiko dar, braucht er aber auch nicht isoliert zu werden.

 

Wie kann ein Patient erkennen, ob ein Krankenhaus gute Hygienestandards hat?

Der Patient kann das nur schwer beurteilen. Die Sauberkeit eines Hauses hat ja nichts mit Krankenhaushygiene zu tun, so merkwürdig das klingen mag. Aber natürlich ist die Sauberkeit ein Hinweis darauf, wie die Dinge in dem Krankenhaus gehandhabt werden. Wenn es schon im Eingangsbereich oder auf der Station schmuddelig aussieht, dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass dies bei den wichtigen Dingen und kritischen Maßnahmen plötzlich ganz anders ist. Allerdings funktioniert der Umkehrschluss nicht. Auch wenn es im Haus blitzt und blinkt, heißt das noch lange nicht, dass auch das Infektionsrisiko gering ist.

 

Lassen sich Krankenhäuser nicht einfach nach der Höhe der Infektionsraten beurteilen und miteinander vergleichen?

Nein. Denn die pauschale Infektionsrate sagt noch lange nichts über die Hygiene aus. Ein Krankenhaus der Maximalversorgung wie das Klinikum Nürnberg wird immer eine höhere Infektionsrate haben, da hier medizinische Maßnahmen mit einem hohen Infektionsrisiko durchgeführt werden, die es in kleineren Häusern nicht gibt. Und je mehr ein Krankenhaus auf Hygiene achtet, desto mehr Infektionen werden entdeckt. Kurz gesagt: Wer die beste Hygiene macht und am ehrlichsten dokumentiert, schneidet am schlechtesten ab. Auf Bundesebene arbeitet man zurzeit an Parametern zur Qualitätssicherung, Krankenkassen entwickeln Informationsbroschüren. Vielleicht wird es in Zukunft leichter.

 

Im Klinikum Nürnberg wird die Klinikhygiene durch ein eigenes Institut überwacht. Ist das die Regel?

Nein, ein Institut, das sich ausschließlich mit der Hygiene in der Patientenversorgung befasst, das ist in Bayern einmalig. Bei uns gehen Hygienefachkräfte, Hygieneingenieure, Hygieneärzte auf die Stationen. Auch das ist nicht überall so. Es gibt Antibiotika-Visiten, um unnötige Gaben von Antibiotika zu vermeiden. Es gibt regelmäßige Rundgänge der Hygienefachkräfte und -ärzte. In kritischen Bereichen arbeiten unsere Mitarbeiter auch für kurze Zeit mit, um sich einen Einblick zu verschaffen. Es geht schließlich nicht um Pseudo-Hygienemaßnahmen.

Wir führen auch sehr viele Schulungen für Ärzte und Pflegekräfte durch. Vorschriften und Regelungen sind wichtig, um die richtigen Voraussetzungen zu schaffen, aber sie müssen in den Köpfen der Mitarbeiter verankert sei.

Weiteres zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseite des Instituts für Klinikhygiene.

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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