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Notaufnahme - Gipsraum - Der "Mädchenfänger" im Einsatz

Regen und hart gefrorener Boden sind eine tückische Kombination mit oft fatalen Folgen: Unfälle auf spiegelglatten Fahrbahnen, Stürze auf vereisten Gehwegen. In dem grün gefliesten, etwa 50 Quadratmeter großen Gipsraum in der Notaufnahme im Klinikum Nürnberg Süd herrscht dann Hochbetrieb. „Bei Blitzeis versorgen wir Knochenbrüche und Gelenkfrakturen im Minutentakt“, berichtet Richard Schülein.

Der 53-Jährige ist Krankenpfleger mit der Zusatzqualifikation „Gipser“ – und das schon seit 1978. Das Zählen der Gipsverbände, die er angelegt hat, hat er längst aufgegeben. Um die 7.000 werden es wohl sein. Einfache Verbände aus weißem Mineralgips, farbenfrohe Verbände aus Kunststoff, unterschiedlichste Gipsschienen, große Beckenbein-Gipse oder aufklappbare Gipsschalen bzw. Spezialverbände, bei denen Gelenke oder großflächige Wunden ausgespart werden können.

Jahr für Jahr werden im Gipsraum im Klinikum Süd rund 4.000 Gipsverbände angelegt.

Maßarbeit: Konzentriert geht Richard Schülein beim Gipsen ans Werk
 

„Der Klassiker bei uns ist der Patient mit einer distalen Radiusfraktur“, weiß Dr. Christian Ebert, Oberarzt der Klinik für Orthopädische- und Unfallchirurgie, aus Erfahrung. Der 44-Jährige ist oft der diensthabende Arzt in der unfallchirurgischen Ambulanz und versorgt dann zusammen mit den Gipsern die gebrochenen Gliedmaßen und Gelenke der Patienten.

 

Typische Sturzverletzung

Die 22-jährige Angela B. hat genau diesen „Klassiker“ erwischt. Bei Stürzen, ob bei Glatteis, Sport oder im Haushalt, versucht man sich in der Regel mit der Hand abzustützen oder aufzufangen. Oft ist es dann die Speiche, die knapp über dem Handgelenk bricht. So ist es auch bei der Verkäuferin gewesen, die auf dem Weg zur Arbeit gestürzt ist. Eine Röntgenaufnahme bestätigt, dass ihr Handgelenk vom Bruch unberührt geblieben ist. „Zieht die Bruchlinie in das Gelenk hinein und kommt es dabei zu einer Fehlstellung, müssen wir oft operieren, ansonsten reicht in der Regel ein Gips“, betont Unfallchirurg Ebert.

Da aber die Bruchstelle im Knochen bei B. nicht exakt aufeinander steht, muss der Knochen entsprechend eingerichtet werden. „Reponieren“ nennen das die Experten. Dazu bekommt Angela B. in den Bruchspalt ein Betäubungsmittel gespritzt. Während sie nun auf der höhenverstellbaren Liege liegt, setzt Krankenpfleger Schülein den so genannten „Mädchenfänger“ ein. Das ist eine kleine Röhre aus Bastgeflecht mit einem Haken an einem Ende.

Den „Mädchenfänger“ stülpt Schülein über den rechten Daumen der Patientin und hängt ihn mit dem Haken an eine Stange. Wenn nötig, erhält der Zeige- oder der Mittelfinger auch noch solch eine Baströhre verpasst. Durch den Zug verengt sich das Geflecht so stark, dass der rechte Arm der Patientin nun am Haken in die Höhe hängt. „Das Ziehen in den Fingern ist nicht so richtig angenehm“, meint das Sturzopfer – zumal nun auch noch am Oberarm Gewichte angehängt werden.

Das Ziel ist es nun, die Bruchstelle im Knochen so auszurichten, dass sie anschließend passgenau aufeinander steht. Für kompliziertere Brüche gibt es eigens dafür einen so genannten „Extensionstisch“. Das Reponieren erfolgt dann nicht selten in Vollnarkose. „Gerade bei Sprunggelenksbrüchen kommt es auf eine exakte Rekonstruktion an“, betont Oberarzt Ebert. Jede Fehlstellung, die über einen Millimeter hinausgeht, könne schwere Schäden für das Gelenk und damit für die spätere Mobilität des Patienten nach sich ziehen.

Nach wenigen Minuten an den „Mädchenfängern“ oder am Extensionstisch entspannen sich die Muskeln, und der gebrochene Knochen richtet sich in vielen Fällen spontan richtig aus. Tut er das nicht, dann muss der Arzt unter Röntgenkontrolle etwas nachhelfen. „Die Kunst des Gipsers ist es nun, das Repositionsergebnis im Gips zu konservieren“, betont Ebert. Ob alles sitzt, beweist eine abschließende Röntgenaufnahme.

Vor dem eigentlichen Gipsen zieht Schülein routiniert einen Stülpe-Verband über Hand und Arm von B. und wickelt als Polsterung in „halbüberlappenden Touren“ Watte darüber. Anschließend kommt bei weißem Mineralgips zur Isolierung und mit dezenter Stützfunktion noch eine Krepppapierbinde darüber. Dann beginnt das eigentliche Gipsen.

In einem Edelstahlbecken werden die 3,6 Meter langen aufgerollten Gipsbinden zwei bis drei Sekunden in etwa 20 Grad warmes Wasser eingetaucht. „Auch die innerste Schicht muss feucht sein, das geht nach Gefühl“, betont der Gipser. Dann legt er die Binde rasch in gleichmäßigen runden Bewegungen um Handgelenk und Arm. „Das muss laufen, da darf man nicht anziehen wie ein Kesselflicker.“ Der Verband muss so sitzen, dass er stützt, ohne Blutgefäße und Nerven einzuengen. „Faltenfrei und straff“, lautet die Devise.

Ist der Gips etwas angetrocknet, dann wird er modelliert. „Einen Gips muss man immer streicheln“, lacht Schülein. Er weiß, dass der Gips nicht nur funktionell sein muss, sondern auch gut aussehen soll. Schließlich trägt ihn der Patient zwischen zwei Wochen und mehreren Monaten mit sich herum. Schülein investiert dafür viel Zeit. „Der Gipsverband ist das Aushängeschild einer Notaufnahme“, meint der Krankenpfleger.

Dass der Gips abbindet und fest wird, merkt B. an der Wärmeentwicklung unter dem Verband. Beim Kunststoffgips geht dieser Prozess ganz schnell, ein normaler Gips braucht eine Stunde bis er belastbar ist. Richtig ausgehärtet ist er erst nach zwei Tagen. Nicht nur weil sie eher belastbar sind, sind seit über 20 Jahren Kunststoffverbände auf dem Vormarsch. Es gibt sie außerdem etwas schicker in Blau, Grün, leuchtendem Orange und in Creme, sie sind wasserabweisend, luftdurchlässig und einfacher zu tragen, weil sie erheblich leichter sind als Mineralgips. „Trotzdem ist der Weißgips, der Urvater der Ruhigstellung, aus der Erstversorgung von Knochenbrüchen nicht wegzudenken“, betont Oberarzt Ebert.

Nach etwa 10 bis 15 Minuten ist Schülein mit dem Eingipsen der Fraktur von Angela B. fertig. Ein Oberschenkelgips hätte bei dem erfahrenen Gipser ungefähr 20 bis 25 Minuten gedauert. „Zum Gipsen braucht man Routine, handwerkliches Geschick und Fingerspitzengefühl und jede Menge anatomisches Wissen“, betont Peter Weis, Stationsleiter der Notaufnahme im Klinikum Süd. „Gipsen sieht leicht aus, aber man kann viele Fehler machen.“ So kann die exakte Position der Bruchstelle beim Eingipsen verrutschen oder Falten können schmerzhafte Druckstellen verursachen.

 

Immer mehr Frauen beim Gipsen

Da zu allen Zeiten Stürze und Unfälle passieren, braucht Stationsleiter Weis jeden Tag rund um die Uhr qualifizierte Gipser – und Gipserinnen. Doris Dannhorn ist in der Notaufnahme im Klinikum Süd eine der ersten Frauen, die in die einstige Männerdomäne der Gipser vorgestoßen sind. Vor fünf Jahren hat die 41-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin das Gipsen gelernt. „Man muss es schon mögen“, meint sie. Für den Patienten sei ein Knochenbruch meist mit Schmerzen verbunden und für den Gipser mit viel Genauigkeit, Flexibilität und auch Kreativität. Am liebsten würde sie aus jedem Gips ein kleines Kunstwerk machen, wenn sie die Zeit dafür hätte.

Von 44 Pflegenden in der Notaufnahme sind 20 qualifizierte Gipser, darunter sechs Frauen. Immer wieder sucht Stationsleiter Weis Gipsernachwuchs. „Es ist ein langer Prozess zum vollwertigen Gipser“, betont er. Diese Qualifizierung hat jüngst Oliver Schönig erfolgreich absolviert. Zuerst studierte der 24-jährige Krankenpfleger eingehend den umfangreichen und ausführlich bebilderten „Leitfaden zur Gips- und Kunststoffanlagetechnik“, den Stationsleiter Weis mit seinen Kollegen Schülein und Ivan Kovac zusammengestellt hat. Danach schaute er erfahrenen Gipsern über die Schulter und durfte ausschließlich unter Anleitung Hand an Arme, Beine und Gelenke anlegen, bevor er selbstständig gipsen durfte. „Am Anfang hatte ich schon großen Respekt vor dem Gipsen, denn man kann sehr viel falsch machen“, räumt Schönig ein.

 

Ausgefeilte Platten und Schrauben

Schülein findet es schade, dass die jungen Kollegen heute nicht mehr die ganze Bandbreite des Gipsens erleben. „Es wird viel mehr operiert als früher.“ „Gerade in der Implantatversorgung von Frakturen hat die Medizintechnik große Fortschritte gemacht“, bestätigt Oberarzt Ebert. Platten, Schrauben und Nägel werden immer ausgefeilter. Obwohl sie immer dünner werden, sorgen sie für höhere Stabilität. Die Bruchstelle lässt sich mit solchen Implantaten oft exakter und dauerhafter ausrichten.

Trotzdem führt am Gipsen kein Weg vorbei. „Gipsen von schwierigen Frakturen ist Teamarbeit“, betont Ebert. Arzt und Pflegekraft arbeiten dabei Hand in Hand zusammen. Bevor Angela B. mit ihrem Gips nach Hause gehen darf, bekommt sie von Krankenpfleger Schülein und Oberarzt Ebert noch einige Instruktionen mit auf den Weg. So soll sie am nächsten Tag ihren Arzt zur Nachkontrolle aufsuchen. Sollte unter dem Verband etwas drücken oder sollten gar die Finger pelzig werden, dann müsse sie sofort wieder in die Notaufnahme kommen. „Wer über Schmerzen im Gips klagt, hat prinzipiell immer recht“ betont Stationsleiter Weis. Dann wird sofort reagiert, eine Röntgenaufnahme gemacht und der Gips erneuert.

Nach rund vier Wochen kommt die Verkäuferin wieder in die Notaufnahme im Klinikum Süd. Dann wird ihr die oszillierende Säge, mit der Krankenpfleger Schülein den Gips aufschneidet, noch einmal einen gehörigen Schrecken einjagen. „Da passiert nichts“, beruhigt Schülein. Sobald er mit der mit hoher Drehzahl vibrierenden Säge auf weichen Untergrund wie Haut stößt, merkt er das sofort. „Der Rest ist“, so Schülein, „wie das Gipsen selbst wieder eine Mischung aus Gefühl und Routine.“   

Weiteres zu diesem Thema finden Sie auf der Internetseite der Notaufnahme.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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