Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Prof. Wolfgang Söllner - "Es gibt keine Krebspersönlichkeit"

Prof. Wolfgang Söllner - "Es gibt keine Krebspersönlichkeit"

Die Diagnose Krebs ist für jeden niederschmetternd. Warum gerade ich, fragen sich viele und suchen nach Gründen. Nicht wenige machen sich selbst verantwortlich und führen psychische Faktoren wie Stress, belastende Lebensereignisse oder Depression als Ursache für die Krebsentstehung an. Verschiedene wissenschaftliche Studien scheinen dies auch zu belegen, andere werden ungeachtet ihrer genauen Ergebnisse verkürzt mit scheinbar eindeutigen Botschaften publiziert.

Prof. Wolfgang Söllner, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg, kommt nach der Auswertung von mehr als 100 groß angelegten Studien zu einem eindeutigen Ergebnis: „Ein direkter Einfluss psychischer Faktoren auf die Entstehung von Krebs ist nicht gesichert.“ Gleichzeitig warnt er vor „unrealistischen und überhöhten Erwartungen an Heilung durch Psychotherapie in der Behandlung“. Seine Ergebnisse veröffentlichte Söllner in der Fachzeitschrift „PiD – Psychotherapie im Dialog“ (2/2010).

 

 

 

Wie viele wissenschaftliche Studien gibt es eigentlich zum Thema „Psyche und Krebs“?

Prof. Wolfgang Söllner: „Psyche und Krebs“ ist ein uraltes Thema. Schon in der Antike vermutete man einen Zusammenhang von Krebs und Melancholie, in der französischen und englischen medizinischen Schule des 18. und 19. Jahrhunderts wurden schwer belastende Lebensereignisse wie zum Beispiel der Tod naher Angehöriger als ursächlich für Krebs diskutiert. Im letzten Jahrhundert wurden diese Hypothesen aufgegriffen und in zahlreichen Studien untersucht. 1981 wurde in den USA dann zum ersten Mal die Existenz einer so genannten Krebspersönlichkeit postuliert. Dies löste ein großes Echo in der Öffentlichkeit aus und stimulierte die Forschung zu Zusammenhängen zwischen Krebs und Psyche. In den letzten 30 Jahren wurden daraufhin zahlreiche Untersuchungen publiziert, die der Frage nachgingen, ob psychische und soziale Faktoren die Entwicklung und den Verlauf von Krebserkrankungen beeinflussen. In meine Untersuchung habe ich weit über 100 Studien einbezogen.

Hat diese Vielzahl von Studien für Klarheit gesorgt oder eher Verwirrung gestiftet?

Eines vorneweg: Die Erforschung, ob psychosoziale Faktoren die Entstehung von Krebs verursachen, ist methodisch schwierig und aufwändig. Das liegt u.a. daran, dass die meisten Krebsarten sich extrem langsam entwickeln und erst spät erkennbar werden. Nur bei den wenigsten Untersuchungen sind aber die Beobachtungszeiträume entsprechend lang, und so gut wie nie wird die psychische und soziale Lage des Patienten mehrfach ausreichend erhoben. Dazu kommt, dass bestimmte psychische Merkmale wie z.B. Depressionen durch die Krebserkrankung oder auch durch deren Behandlung, beispielsweise durch eine Chemotherapie oder Immuntherapie, ausgelöst bzw. verstärkt werden können. Unter dem Strich muss ich feststellen, dass die Studienlage inhomogen und widersprüchlich ist.

Was heißt das?

Eines kann man klar sagen: Es gibt keinerlei Belege für die Annahme einer Krebspersönlichkeit. Es erkranken also nicht jene Menschen eher an Krebs, die ihre Gefühle unterdrücken, wenig selbstbestimmt handeln und zu Hilflosigkeit neigen. Manche Studien bringen Stress oder Depressionen, andere Verlusterlebnisse oder Hoffnungslosigkeit ursächlich mit einer Krebserkrankung in Verbindung. Andere belegen das nicht. Aber es gibt einen indirekten Einfluss über Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht, falsche Ernährung oder Bewegungsmangel. Diese so genannten Lebensstilfaktoren werden von chronischem Stress, Depression, massiver Belastung nach kritischen Lebensereignissen sowie von sozialer Isolation oder Unterstützung beeinflusst. Der direkte Einfluss psychischer Faktoren auf die Entstehung von Krebs ist also möglich und biologisch auch erklärbar über eine negative Beeinflussung des Immunsystems, das der Abwehr von Krebszellen dient, aber wissenschaftlich nicht gesichert.

Mal konkret, wie sieht die Erkenntnislage bei Stress und Krebs aus?

Von 165 methodisch als ausreichend gut bewerteten Studien konnte in 127 Fällen kein Zusammenhang gefunden werden. 30 Studien wiesen einen positiven und acht einen negativen Zusammenhang auf. Am deutlichsten waren positive Zusammenhänge bei Lungenkrebs.

Und bei Depression?

Bei Depression ist die Studienlage unklar, das liegt auch daran, dass Depressionen sehr unterschiedlich definiert werden. Prospektive Studien an großen Bevölkerungsstichproben in Skandinavien fanden bei tabakassoziierten Krebsarten wie Lungen- oder Kehlkopfkrebs einen positiven, bei Gebärmutterhals- und Enddarmkrebs einen negativen Zusammenhang. Bezüglich des Brustkrebses kommt eine große Studie zum Ergebnis, dass Depression nicht als unabhängiger Risikofaktor betrachtet werden kann. Gesichert ist aber, dass Depressionen Verhaltensweisen begünstigen können, die ein Krebsrisiko darstellen wie verstärktes Rauchen, Alkoholgenuss, Übergewicht oder eine Vernachlässigung von Vorsorgeuntersuchungen.

Können denn psychische Faktoren den Verlauf von Krebserkrankungen beeinflussen?

Eine Verminderung von Risikoverhalten, also die Verringerung des Alkohol- oder Nikotinkonsums oder mehr Bewegung, kann bei manchen Krebsarten den Verlauf beeinflussen, ebenso wie eine gute Mitarbeit bei der Behandlung. Um diese Mitarbeit zu fördern, versuchen viele Ärzte beim Patienten eine hoffnungsvolle, kämpferische Haltung anzuregen und zu unterstützen. Doch die Hoffnung, dass Patienten durch Kampfgeist zu einem längeren Überleben beitragen konnten, hat sich nicht bestätigt. Dass man den Krebs mit positivem Denken niederringen könne, ist ein gefährlicher Irrglaube. Denn wem das nicht gelingt, der ist dann anfällig für Versagensängste und Schuldgefühle. Insgesamt scheinen sich anhaltende Hoffnungslosigkeit und sozialer Rückzug negativ und je nach Persönlichkeit des Patienten eine aktive Haltung des offenen Umgangs mit der Erkrankung oder eine stoische Haltung mit der Suche nach Ablenkung positiv auf den Krankheitsverlauf auszuwirken.

In Ihrer Habilitation haben Sie 1998 in Innsbruck „Krankheitsverarbeitung und psychosoziale Unterstützung bei Krebspatienten“ untersucht. Wie stark ist denn nach Auswertung aller Studien der Einfluss von Psychotherapie während der Behandlung einzuschätzen?

Die allzu optimistischen Erwartungen, dass Psychotherapie zu einem längeren Überleben mit Krebs oder gar zu einer Heilung beitragen könnte, wurden durch verschiedenste Studien auf den Boden der Realität zurückgeholt. Um bei den Patienten nicht falsche Erwartungen zu wecken, ist ein kritisches Wissen und Hinterfragen der wissenschaftlichen Befunde zum Zusammenhang von Krebs und Psyche für jeden Psychotherapeuten, der mit Krebspatienten arbeitet, unabdingbar.

Die Klinik für Psychosomatische Medizin bietet im Klinikum im Rahmen von Konsiliar-/Liaisondiensten Beratung und Unterstützung für Krebspatienten an. Was ist die Aufgabe dieser Psychotherapeuten?

Wir bieten Unterstützung durch psychoonkologisch ausgebildete Therapeuten in allen Tumorzentren und in der Palliativstation des Klinikums an. Es geht darum, die individuellen Reaktionen des Krebspatienten auf die Erkrankung zu verstehen, sie ernst zu nehmen und länger andauernde Zustände von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Depression zu behandeln. Schließlich geht es darum, unter Einbeziehung der Angehörigen die emotionale Unterstützung des Patienten zu fördern und damit die Lebensqualität für ihn und seine Angehörigen zu verbessern. Eine schwere Erkrankung wie Krebs beinhaltet ja auch die Chance, das bisherige Leben zu überdenken und manches zu verändern. Diese positiven Überlegungen sind wichtig, um solch eine Chance auch nutzen zu können. Zusätzlich kann die psychotherapeutische Mitbehandlung von Patienten und Angehörigen auch das onkologische Behandlungsteam entlasten und in ihrer belastenden Arbeit unterstützen.      

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
Es öffnet sich eine Seite auf klinikum-nuernberg.de mit Notfallinformationen
Bitte spenden sie
Abstandhalter
AbstandhalterMarke Stadt Nürnberg

Übersicht

Aktuelles

Unternehmen

Bildung

Partner

Service

Zentren