Migräne - Schmerzattacken im Gehirn
„Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat“, schrieb Erich Kästner in „Pünktchen und Anton“. Der Literat bediente damit das Bild von Menschen, die unter Migräne leiden, als eingebildete Kranke.
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Andere qualifizieren Kopfschmerzen als Ausrede ab – nach dem Motto: „Die nimmt mal wieder ihre Migräne“ – oder schreiben sie dem vermeintlich hysterischen Wesen der Frau zu. „Solche Vorstellungen sind weit verbreitet. Sie erschweren Diagnose und Therapie, denn die Betroffenen gehen nicht oder viel zu spät zum Arzt“, meint Privatdozent Dr. Andreas Bickel. Bickel ist leitender Oberarzt der Neurophysiologie und Spezialist in Sachen Kopfschmerzen im Klinikum Nürnberg. Immer wieder stellt er fest, dass sich die von Migräne geplagten Menschen erst nach einer langen Leidenskarriere und nach vielen Versuchen der Selbstmedikation an einen Experten wenden. Für ihn der falsche Weg: „Wenn Kopfschmerzen an mehr als zehn Tagen pro Monat auftreten, wenn sie mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-, Seh-, oder Gleichgewichtsstörungen einhergehen oder wenn sie in ihrer Intensität stark zunehmen, dann reicht der Gang zum Hausarzt bzw. in die Apotheke nicht mehr.“ Es sollte dann ein Neurologe oder ein auf Kopfschmerzen spezialisierter Schmerztherapeut aufgesucht werden. |
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Das gilt insbesondere für häufige Migräne-Attacken. Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter diesen klopfenden, pochenden, pulsierenden und meist halbseitigen Kopfschmerzen. Gehen sie mit Übelkeit, Überempfindlichkeit gegen Licht oder auch mit Lähmungserscheinungen einher, dann spricht man von einer Migräne mit Aura. Migräne- Attacken dauern zwischen vier Stunden und drei Tagen. An normales Alltags- und Berufsleben ist zu diesen Zeiten für die Betroffenen nicht mehr zu denken. Deshalb stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO die Migräne auch in die zehn am schwersten behindernden Erkrankungen der Menschheit ein.
„Während vor der Pubertät Mädchen und Jungen gleichermaßen von Migräne betroffen sind, verschiebt sich danach das Geschlechterverhältnis“, weiß Bickel. Bis zum 40. Lebensjahr leiden dreimal mehr Frauen als Männer unter Migräne. „Warum dies so ist, weiß man noch nicht, aber in den letzten 20 Jahren ist das Wissen über die Migräne stark gewachsen“, erläutert der Oberarzt, der aufmerksam alle Studien verfolgt. So gilt als gesichert, dass Migräne eine genetische Veranlagung ist. Als spontane Auslöser kommen Stress oder ein Wechsel im Schlaf-Wach-Rhythmus in Frage.
Hartnäckig hält sich jedoch auch die Meinung, Schokolade, Süßigkeiten, Erdnüsse oder Käse seien die Auslöser von Migräne-Attacken. Das kann Bickel nicht bestätigen: „Heute weiß man, dass der Heißhunger auf hochkalorische Lebensmittel oft Vorboten einer Migräneattacke sind, aber nicht Auslöser“. Gesichert ist dagegen, dass der Konsum alkoholischer Getränke, insbesondere von Rotwein, bei manchen Migränepatienten tatsächlich regelmäßig zu Attacken führt.
Was bei der Migräne im Kopf des Betroffenen passiert, ist ebenfalls seit längerem bekannt. Bestimmte Auslöser führen zu einer Übererregbarkeit der Nervenzellen, Botenstoffe werden unkontrolliert freigesetzt und verursachen an den großen Gefäßen in der Hirnhaut und im Hirnstamm lokale Entzündungen in den Gefäßwänden. Genau diese Entzündungen sind für die quälenden Schmerzen verantwortlich.
Abhilfe verschaffen die so genannten Triptane. „Sie sind bei schweren Migräneattacken das Mittel der ersten Wahl“, betont der Neurologe. Sieben Wirkstoffe stehen momentan zur Verfügung, die die Freisetzung von Entzündungsstoffen stoppen und die Schmerzweiterleitung im Gehirn verhindern – wenn sie nicht zu spät eingenommen werden.
„Allerdings sollten Triptane nur an maximal zehn Tagen pro Monat genommen werden“, warnt Bickel. Bei einer häufigeren Einnahme könne ein Kopfschmerz durch eine zu hohe Dosis von Medikamenten entstehen. Dieser medikamenteninduzierte Kopfschmerz wird in seiner Bedeutung stark unterschätzt. Man geht davon aus, dass bei fünf bis zehn Prozent aller Kopfschmerzpatienten die Schmerzen auf einen vorherigen Übergebrauch von Schmerzmitteln zurückzuführen ist. Viele erwachen dann bereits mit Kopfschmerzen und leiden den ganzen Tag unter einem diffusen, dumpf-drückenden Dauerschmerz. Bickel setzt dann auf einen Schmerzmittelentzug und den Aufbau einer Migräneprophylaxe zum Beispiel durch Betablocker oder Antiepileptika.
Im Klinikum Nürnberg erfolgen Abklärung und Behandlung von chronifizierten Kopfschmerzen in der Abteilung für Neurologie im Klinikum Süd oder in der Schmerztagesklinik im Klinikum Nord. Informationen unter Tel. (0911) 398-2700 und auf der Internetseite der Schmerztagesklinik
Autorin/Autor: Bernd Siegler
