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Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2010 >> Ausgabe 3 >> Krieg und Traumatisierung - Den Frauen ihre Würde wieder zurückgeben

Krieg und Traumatisierung - Den Frauen ihre Würde wieder zurückgeben

Vor 17 Jahren, mitten im Bosnienkrieg, wurde auf Initiative der Ärztin und Gynäkologin Dr. Monika Hauser die Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale gegründet. Die Organisation will Frauen in Kriegs- und Nachkriegsgebieten unterstützen, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden. Heute ist die Organisation in Bosnien-Herzegowina, in Albanien, im Kosovo, in Afghanistan und Liberia vertreten und unterstützt Frauenprojekte in vielen weiteren Ländern.

Mit ihrer Arbeit trug medica mondiale dazu bei, ein weltweites Tabu zu brechen: Über Kriegsvergewaltigungen von Frauen und Mädchen sprach man nicht. Heute steht die Ächtung von Kriegsvergewaltigungen wie selbstverständlich auf der Agenda von Uno, EU, internationalen Hilfsorganisationen und Regierungen. Für diese Leistung hat Monika Hauser – stellvertretend für medica mondiale – viele Preise erhalten, darunter 2008 den alternativen Nobelpreis. Ende März nahm Hauser am Kongress „Migration und seelische Gesundheit – Depression, Stress, Suizidalität“, veranstaltet von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Nürnberg und der Stadt Nürnberg teil.

 

Konkrete Hilfe: Dr. Monika Hauser gründete medica mondiale
 

Frau Hauser, Sie haben medica mondiale 1993 gegründet – mitten im Bosnienkrieg. In Zenica haben Sie mit bosnischen Mitstreiterinnen innerhalb von vier Monaten ein Frauentherapiezentrum aufgebaut. Was war für Sie der Anstoß für dieses Engagement?

Dr. Monika Hauser: Als ich von den Vergewaltigungen in Bosnien hörte, wollte ich etwas tun. Aus meiner Arbeit als Ärztin wusste ich bereits, wie sehr Frauen unter den psychischen und somatischen Folgen dieser Traumatisierung leiden und dass sie nicht so leben können, wie sie leben wollen. Nur hat kaum jemand darüber gesprochen, die Ärzte nicht und auch nicht die Frauen. Vor vielen Jahren habe ich ein Modellprojekt in Deutschland mit gegründet, das vergewaltigten Frauen einen geschützten Raum geben wollte.

Diesen geschützten Raum herzustellen, war später auch die Idee von medica mondiale in Bosnien. In Zenica habe ich sehr schnell bosnische Ärztinnen und Psychologinnen gefunden, die bereit waren, dieses Projekt mit mir auf die Beine zu stellen. Daraus ist medica zenica entstanden, das inzwischen über 30.000 Frauen und junge Mädchen betreut hat.

Die Gründungsfrauen von Medica Zenica haben damals hautnah miterlebt, dass vergewaltigte Frauen keine Hilfe bekommen haben. Viele der Frauen waren nach den Vergewaltigungen schwanger und wollten sich selbst töten. Trotzdem meinte der Chefarzt des Krankenhauses, er könne den Frauen nicht helfen. Ein Schwangerschaftsabbruch sei unmöglich. Viele der Frauen haben sich dann tatsächlich umgebracht.

 

Welche Arbeit leisten die einheimischen Mitarbeiterinnen vor Ort?

Uns ist es wichtig, einen geschützten Raum für die Frauen zu schaffen und ihnen ein medizinisches und psychosoziales Angebot machen, das auf Wertschätzung, Verständnis und Empathie beruht. Die psychosoziale Beratung ist das A & O dafür, dass die Frauen wieder einen Schritt zurück ins Leben machen können. Dafür brauchen wir eigene Räume. Wie die Arbeit konkret aussieht, hängt von der jeweiligen Situation vor Ort ab.

Unsere einheimischen Mitarbeiterinnen vor Ort müssen Strategien finden, wie sie die Frauen erreichen können. Dabei reden sie mit allen: dem Bürgermeister, dem Mullah oder dem Dorflehrer. In einem Dorf im Kosovo hat uns der Dorflehrer den Weg geebnet, nachdem uns der Dorfälteste des Dorfes verwiesen hatte. Der Lehrer kam zu uns und sagte: „Ich weiß, dass 90 Prozent der Frauen unseres Dorfes vergewaltigt worden sind und dass es das ungeschriebene Gesetz gibt: schweigt, schweigt, schweigt. Doch wir müssen unseren Frauen helfen, sonst wird unser Dorf sterben.“

 

Wie bereiten Sie Ihre Mitarbeiterinnen auf ihre Aufgaben vor?

Wir verwenden viel Energie und Ressourcen darauf, unsere Mitarbeiterinnen zu schulen, denn es ist sehr anstrengend, in dieser extremen Situation von Hilflosigkeit Hilfe leisten zu wollen. Viele unserer Kolleginnen könnten sich auch hinsetzen und sagen: „Das Gleiche habe ich erlebt.“ Es sind die Ärztinnen, Pflegerinnen und Hebammen, die den Frauen helfen können, weil sie um die Gewalt gegen Frauen wissen. Für diese Aufgabe müssen sie geschult sein, z.B. in Traumaarbeit.

 

medica mondiale leistet auch Rechtsberatung und politische Lobbyarbeit.

Ja, es geht immer auch um juristische und politische Unterstützung. medica zenica hat für die Frauen in Bosnien viel erreicht. So ist Bosnien das erste Nachkriegsland, in dem Frauen aufgrund ihrer Kriegsvergewaltigung ein Anrecht auf medizinische und psychologische Betreuung haben, ähnlich den Kriegsveteranen. In unserer Arbeit geht es darum, dass die Frauen ihre Würde wieder erhalten. Dafür müssen wir auch die Regierungen und die internationale Politik in die Pflicht nehmen.

 

Seit 2002 arbeitet medica mondiale in Afghanistan. Gibt es Erfolge?

Ja, auf alle Fälle. Mittlerweile haben wir rund 50 einheimische Mitarbeiterinnen dort. Es ist unglaublich, welch schwierige Arbeit diese Frauen Tag für Tag leisten. Schade, dass unsere Medien nur über militärische Ereignisse und Anschläge berichten, nicht aber über die unglaubliche Aufbauarbeit der Frauen in diesem Land. Die Arbeit ist schwierig, aber wenn man sie hartnäckig und lange genug macht, ist sie erfolgreicher, als es zunächst den Anschein hat.

Wir haben 2002 in einem Kabuler Gefängnis mit unserer Arbeit begonnen. Dort saßen über 40 Frauen und junge Mädchen wegen so genannter moralischer Verbrechen ein. Das waren überwiegend junge Mädchen, die sich einer Zwangsverheiratung verweigert haben. Sie liefen von zuhause weg, wurden von der Polizei aufgegriffen und ins Gefängnis gesteckt. Sie wussten überhaupt nicht, warum sie im Gefängnis sind.

Wir haben daher afghanische Juristinnen fortgebildet und mit der Rechtsvertretung dieser Mädchen beauftragt. Mehr als 2.000 Frauen wurden dank des Einsatzes unserer Anwältinnen freigesprochen oder bekamen ein geringeres Urteil, aber das ist nur ein Teil der Arbeit. Noch während die Frau im Gefängnis sitzt, gehen wir in die Familie und zum Mullah, um zu sehen, ob die Frau in ihre Familie zurückkehren kann. Ob die Familie das will.

Es hat Jahre an politischer Aufklärungsarbeit gebraucht, bis wir ein Verständnis für die Auswirkungen der Gewalt auf die Gesundheit erzeugen konnten. Das ist anfangs völlig ignoriert worden, obwohl 90 Prozent der Frauen davon betroffen sind. Man hat lieber von innerfamiliärer Gewalt gesprochen. Auch da haben unsere Kolleginnen nach einem langen Kampf einiges erreicht.

 

Warum ist diese Konzentration auf Kriegsvergewaltigung und ihre Folgen so wichtig?

Kriegsvergewaltigung, wenn sie verschwiegen wird, bedeutet ja nicht nur die Traumatisierung der Frauen, sondern auch ihre gesellschaftliche und soziale Ausgrenzung. Es waren die bosnischen Frauen, die erstmalig den Mut hatten der internationalen Weltpresse davon zu berichten. Sie wollten, dass die Welt weiß, was ihnen passiert ist.

Aber sexualisierte Kriegsgewalt ist kein spezifisch bosnisches oder afghanisches Problem. Sexualisierte Gewalt gehört zu allen Kriegen dieser Erde. Deswegen müssen wir Wege finden, damit Frauen über das reden können, was ihnen geschehen ist. Die verletzte Menschenwürde dieser Frauen muss wieder hergestellt werden. Wenn sie in ihrer eigenen Familie, in ihrer eigenen Gesellschaft nicht darüber sprechen können, gehen die Verletzungen weiter.

 

Sie halten immer wieder Vorträge in Deutschland, sprechen mit Vertretern von Regierungen und Verbänden. Warum ist Ihnen die Arbeit in Deutschland wichtig?

Auch in Deutschland konnten die Frauen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden, nie darüber sprechen. Erst jetzt, als alte Frauen, beginnen sie darüber zu reden. Und auch in Konzentrationslagern und in den besetzten Gebieten wurden Frauen vergewaltigt.

Dazu kommen die Flüchtlingsfrauen und Migrantinnen, die sehr oft die Erfahrung sexualisierter Gewalt aus ihren Heimatländern nach Deutschland mitbringen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Einrichtungen, mit denen diese Frauen zu tun haben, sind oft nicht darin geschult, mit traumatisierten Menschen, Frauen wie Männern, umzugehen. Sie müssen dafür sensibilisiert werden.

Denn Gewalterfahrung wird oft nicht offen angesprochen, sondern verschlüsselt in Sätzen: „Im Lager mussten wir mit den Serben immer Kaffee trinken“, heißt es dann.       

 

Weitere Informationen im Internet unter www.medicamondiale.org, Spendenkonto: 45 000 163, BLZ 370 501 98, Sparkasse Köln-Bonn

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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