Flug zum Mars als Langzeitstudie - Kochsalz und Bluthochdruck
Etwa 15 bis 20 Millionen Menschen in Deutschland leiden an zu hohem Blutdruck. Das ist nicht ungefährlich, denn hoher Blutdruck trägt wesentlich zu Gefäßveränderungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenerkrankungen bei. Als Hauptursache für Bluthochdruck gelten schon länger Ernährungsgewohnheiten.
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Vor allem ein zu hoher Konsum von gewöhnlichem Kochsalz steht im Verdacht, den Blutdruck in die Höhe zu treiben. Diesen Zusammenhang zu untersuchen, hat sich Privatdozent Dr. Jens Titze von den Medizinischen Kliniken 4 des Klinikums Nürnberg und des Universitätsklinikums Erlangen zur Aufgabe gestellt. Eigens dazu wird derzeit eine 520-tägige Reise zum Mars simuliert. Am 4. Juni dieses Jahres startete in Moskau das Raumflug-Simulationsexperiment Mars 500, an dem Titze als Projektleiter beteiligt ist. In dem vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt unterstützten Experiment simulieren sechs Männer einen Flug zum Mars: 250 Tage Hinflug zum roten Planeten, 30 Tage Aufenthalt auf dem Mars und 240 Tage Rückflug zur Erde. Die „Astronauten“ sind dabei hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen. Als Raumkapsel fungiert ein Container mit einer Arbeits- und Wohnfläche von 180 Quadratmetern. |
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Das Experiment soll Erkenntnisse darüber liefern, wie die physische und psychische Leistungsfähigkeit eines Menschen unter den extremen Bedingungen einer Langzeit-Weltraummission aufrechterhalten werden kann. Dabei spielt die Ernährung eine große Rolle. Hier kommt der Spezialist für Nieren- und Hochdruckerkrankungen der beiden nephrologischen Kliniken in Nürnberg und Erlangen ins Spiel. Als Leiter der Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universitätsklinik für Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen hat Titze nicht nur den detaillierten Ernährungsplan für die „Astronauten“ ausgearbeitet, sondern auch die für den „Marsflug“ benötigten über 4.600 Portionen Fertignahrung von deutschen Herstellern ausgewählt.
Der Clou dabei ist, dass der Nierenspezialist die Gelegenheit beim Schopf ergriffen hat, unter diesen Laborbedingungen die Aufnahme von Kochsalz zu kontrollieren. „Nur so lässt sich der Salzkonsum steuern“, weiß Titze, „im normalen Alltag geht das nicht.“ Denn nicht das offensichtliche grobe Salz auf der Laugenbreze – etwas mehr als drei Gramm pro Breze – ist das Problem, auch nicht der Salzstreuer, mit dem das Essen nachgewürzt wird. „Das Problem sind die versteckten Salze in industriell gefertigten Lebensmitteln wie Konserven, Fast Food oder Tiefkühlpizza sowie in Wurst, Geräuchertem oder auch in Schwarzbrot“, betont der Facharzt für Innere Medizin.
Versteckte Salze
Diese Salze sind dafür verantwortlich, dass in Deutschland pro Kopf und Tag im Schnitt zwölf Gramm Kochsalz aufgenommen wird. Das ist doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen. „Kochsalz ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Nahrung. Medizinisch notwendig, um zum Beispiel den Kreislauf, das Blutvolumen und den Zellstoffwechsel aufrechtzuerhalten, sind jedoch nur drei Gramm“, erläutert Titze.
Bei der streng kalkulierten und kontrollierten Nahrungsaufnahme im Mars-Experiment lässt er nun die tägliche Salzzufuhr nach und nach von zwölf auf neun und dann auf sechs Gramm Salz reduzieren. Er will damit feststellen, ob sich der Eindruck bestätigt, dass eine Verminderung der täglichen Salzzufuhr geeignet ist, den menschlichen Blutdruck nachhaltig zu senken.
Dieser Eindruck hatte sich dem Arzt bereits bei der Vorläufer-Studie im Frühling 2009 massiv aufgedrängt. Damals verbrachten fünf Männer 105 Tage in einer „Raumkapsel“, und Titze reduzierte ohne deren Wissen die Salzzufuhr – mit eindeutigem Ergebnis: „Ich war überrascht, wie stark bei diesen gesunden Menschen der Blutdruck gefallen ist.“ Bemerkt haben die „Astronauten“ diese Salzreduktion nicht. „Beklagt, dass das Essen fade schmecke, hat sich keiner“, berichtet Titze.
Der Bluthochdruck-Spezialist hofft nun, dieses Ergebnis bei der Mars-500-Studie bestätigen zu können. Dann könnten die Erkenntnisse in die Präventionsarbeit einfließen und auch den Millionen von Menschen helfen, die bereits an Bluthochdruck leiden. „So nützt die Raumfahrt auch der Allgemeinheit“, meint Titze und ist sich sicher, dass sich in absehbarer Zeit auch die Lebensmittelindustrie für diese Ergebnisse interessieren muss. „Schließlich ist der Simulationsflug zum Mars die weltweit längste Stoffwechselstudie beim Menschen, die es je gab.“
Autorin/Autor: Bernd Siegler
