Anästhesie - "Vor der Narkose braucht sich niemand zu fürchten"
Jens Wagner* hört sehr genau zu. Nach einem Sturz vom Mofa muss sich der 19-Jährige am rechten Ellbogen operieren lassen. Nun ist er im Klinikum Nürnberg Süd zur Narkoseaufklärung, der Eingriff ist noch für diesen Nachmittag geplant.
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Ihm gegenüber sitzt Dr. Klaus Pfeiffer. Der Oberarzt der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin klärt den jungen Mann über die Möglichkeiten der Betäubung bei diesem kleineren Eingriff – Vollnarkose oder Regionalanästhesie – auf. „Ich rate ihnen zur Regionalanästhesie, bei der nur die Nerven betäubt werden, die den rechten Arm versorgen“, sagt Pfeiffer. Der Patient bliebe während des Eingriffs wach und erfahrungsgemäß seien danach die Schmerzen auch nicht so stark wie nach einer Vollnarkose. Wagner lächelt. Das Gleiche hat ihm seine Tante Karin vor ein paar Tagen geraten: „Das tut überhaupt nicht weh, und während der OP kannst du dich mit dem Arzt unterhalten oder Musik hören“, erzählte sie ihm. Ihr handchirurgischer Eingriff vor drei Jahren sei „total locker“ gewesen. |
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Keine Angst vor der Narkose
Wagner ist sich da nicht ganz so sicher: Vielleicht wäre schlafen gar nicht so schlecht, überlegt er. Einfach nicht merken, was passiert. Letztlich entscheidet er sich dann doch für die Regionalanästhesie, ergänzt durch ein starkes Beruhigungsmittel. Denn noch mehr als den Eingriff fürchtet er den Kontrollverlust bei einer Vollnarkose. Zudem überzeugt ihn, dass dabei weniger Schmerz- und Narkosemittel eingesetzt werden müssen.
Werner Schmidt* dagegen blieb keine Wahl. „Er hatte große Angst vor der Narkose“, erinnert sich Oberarzt Dr. Michael Herold an das verpflichtende Aufklärungsgespräch vor der Operation. Doch von der ganzen OP bekommt der 67-Jährige, vormals Chefarzt in einem Krankenhaus, überhaupt nichts mit. Er schläft, während die Herzchirurgen sein Brustbein öffnen, seinen Kreislauf an die Herz-Lungen-Maschine anschließen und ihm in einer über zweistündigen Operation mehrere Bypässe legen. Ohne diese künstlichen Umleitungen der verkalkten Herzkrankgefäße wäre ein Herzinfarkt unausweichlich gewesen.
Immer an seiner Seite
Während der ganzen OP weicht Herold nicht von der Seite des Patienten. Stets hat er, der Anästhesist mit Schwerpunkt Herzchirurgie, den Monitor im Blick, lauscht seinem gleichmäßigen Piepsen. Es ist alles im Lot. „Diese Operation wird glatt laufen“, ist sich Herold sicher. Der Patient habe eine gute körperliche Konstitution und eine gute Herzfunktion. Die Herz-Lungen-Maschine arbeitet. Das Herz wird ständig mittels Ultraschall beobachtet. Pausenlos zeigt der Monitor die Vitalparameter des Patienten wie Blutdruck oder Sauerstoffsättigung sowie die Tiefe der Betäubung. „Das EEG“, sagt Herold, „würde jede Stressreaktion des Körpers sofort anzeigen.“
Doch darauf lässt es der erfahrene Anästhesist gar nicht erst ankommen. Über einen venösen Katheter kann er jederzeit die kontinuierlich gegebene Dosis an Narkose- und Schmerzmitteln per Hand ergänzen. Und er tut es – bei diesem Eingriff sogar mehrmals. Es ist daher mehr als unwahrscheinlich, dass der Patient auch nur das Geringste vom Eingriff mitbekommt. Trotzdem, das weiß Herold, haben viele Patienten genau davor Angst. „Völlig unnötig“, findet er.
Während die Herz-OP in Saal sechs konzentriert weiterläuft, bereitet der Anästhesie- und Intensivpfleger Jürgen Fuchs draußen im Einleitungsraum das Material für die nächste Narkose vor. Einer älteren Frau sollen neue Herzklappen eingesetzt werden, sonst droht auf Dauer eine Herzschwäche, die nicht mehr behoben werden kann. Der Wechsel von einer Operation zur nächsten muss reibungslos laufen, sind doch die elf Säle im Zentral-OP des Klinikums Süd wie auch der kleinere OP im Zentrum für operative Kurzeingriffe, kurz ZOK genannt, voll ausgebucht.
Plaudern mit dem Arzt
Drüben im ZOK leitet Pfeiffer derweil eine Regionalanästhesie ein. Die 64-jährige Martha Schneider* wird wegen einer schmerzhaften Daumensattelgelenksarthrose operiert. Mit Hilfe des Ultraschallgerätes führt Pfeiffer, der Spezialist für Regionalanästhesie im Klinikum, die Spritze mit dem Betäubungsmittel an die Nerven in der Achselhöhle heran, die den Arm und die Hand versorgen. „Damit“, sagt er, „kann ich exakt verfolgen, ob das Medikament die Nerven umschließt oder vom Nerv weg ins Gewebe fließt.“
Weil bei jedem Menschen die Anatomie ein bisschen anders sei, könne man nicht exakt voraussagen, wohin das Schmerzmittel fließe. Doch von der Ausbreitung des Betäubungsmittels hängt letztendlich die Qualität der Betäubung ab. „Am Ultraschallgerät sehe ich, ob die Anästhesie wie geplant läuft.“
Es klappt. Schon nach wenigen Minuten kann die Frau ihren Arm nicht mehr bewegen und spürt auch nichts mehr. Der Eingriff kann beginnen. Doch auch für den Fall, dass das Narkosemittel nicht den Weg nimmt, den es nehmen soll, ist Pfeiffer gewappnet. Für die Vollnarkose wäre alles vorbereitet. Während des 20-minütigen Eingriffs unterhält sich der Oberarzt mit seiner Patientin, über die Kinder und Enkel und den letzten Türkeiurlaub. Und schon ist alles vorbei.
Bei sehr schmerzhaften Eingriffen z.B. im Bauch- und Brustraum bzw. bei großen schmerzhaften Gelenkeingriffen werden die beiden Verfahren – Vollnarkose und Regionalanästhesie – kombiniert. Zusätzlich zur Vollnarkose werden Schmerzmittel rückenmarksnah über den so genannten Periduralkatheter oder über spezielle Schmerzkatheter gegeben. „Damit kommen wir bei sehr großen Eingriffen mit weniger Schmerzmittel aus als bei einer reinen Vollnarkose“, erklärt Pfeiffer. Darüber hinaus bekommt der Patient auch nach der OP ein Schmerzmittel über den Katheter. Dies beeinflusst den gesamten Heilungsverlauf positiv.
Das Herz schlägt wieder
Die Bypass-OP im Saal 6 nähert sich inzwischen dem Ende. Der Blutzufluss zum Herzen wird wieder geöffnet, das Herz beginnt zu schlagen. Nach und nach wird die Herz-Lungen-Maschine abgestellt, das Herz übernimmt wieder die gesamte Pumparbeit. Während die Herzchirurgen das Brustbein schließen, wird der Patient an einen mobilen Überwachungsmonitor angeschlossen. Zehn Minuten später ist er unterwegs auf die Intensivstation. Dort wird er einen Tag bleiben, anschließend erfolgt die Verlegung auf die Normalstation.
Draußen in der Schleuse wartet schon Irina Smirnowa* auf die OP-Vorbereitung. Die Narkoseeinleitung übernimmt Chefarzt Prof. Axel Junger. „Bei verkalkten Arterien den richtigen Zugang zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach“, erklärt er. Doch zuerst prüft er noch einmal die Patientenunterlagen und die Identität der Patientin. „Wie heißen Sie“, fragt er ruhig. „Was soll bei Ihnen heute gemacht werden?“ Die 68-Jährige beantwortet jede dieser Frage völlig gelassen und mit einem leisen Humor. Was in diesen Minuten wirklich in ihr vorgeht, sieht man nicht.
Der Anästhesie- und Intensivpfleger Jürgen Fuchs bringt derweil die Elektroden für das Monitoring am Körper der Frau an, Junger legt die für die Narkose nötigen Katheter. Dann geht alles ganz schnell: Der Chefarzt gibt das Narkosemittel, und binnen Sekunden ist die Patientin eingeschlafen. Jetzt noch die künstliche Beatmung anschließen und einen Katheter in die Halsvene sowie den Blasenkatheter legen. Dann geht es in den OP, der in den wenigen Minuten zwischen den beiden Operationen gereinigt wurde. Hier laufen die Vorbereitungen der Herzchirurgen auf Hochtouren. In etwa zwei Stunden wird auch diese OP vorüber sein.
Schon ist alles vorbei
Noch am gleichen Tag wird Jens Wagner – wie Martha Schneider auch – das Klinikum Süd wieder verlassen. Seine Tante wird ihn abholen, das hat sie sich nicht nehmen lassen. Den Eingriff hier im ZOK hat er wahrscheinlich schnell wieder vergessen. Irina Smirnowa und Werner Schmidt werden die Nacht auf der Intensivstation verbringen. Für diese beiden wird es sicherlich nicht so einfach: Sie werden in Zukunft auf ihr Herz achten müssen. ds
*alle Namen der Patienten von der Redaktion geändert
Präzisionsarbeit hinter den Kulissen
Die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin ist mit 140 Ärztinnen und Ärzten sowie 380 Krankenpflegerinnen und -pflegern die größte Klinik des Klinikums. Zu ihren Aufgaben zählen neben der Anästhesie bei allen kleineren und größeren chirurgischen Eingriffen das gesamte OP-Management für die insgesamt 33 OP-Säle sowie Eingriffsräume an den Standorten Nord und Süd, die Versorgung der Patienten im Aufwachraum sowie auf den Stationen der Operativen Intensivmedizin und die Schmerztherapie.
Im Jahr 2009 führte die Klinik etwa 32.000 Anästhesien durch, davon entfielen rund 20 bis 25 Prozent auf Regionalanästhesien. Den Aufwachraum, in dem Patienten unmittelbar nach der Operation betreut werden, durchlaufen im Jahr 23.000 Patienten, auf den Stationen der Operativen Intensivmedizin und der Intermediate Care werden 4.500 Patienten behandelt.
Alle Mitarbeiter sind für ihre Aufgaben speziell qualifiziert, sei es als Facharzt für Anästhesie, Pflegekraft für Anästhesie und Intensivpflege oder als Schmerztherapeut. Und alle sind auf das monotone Piepsen der Monitore geeicht – egal ob im Dienst oder schon auf dem Weg in den Feierabend. Der Alarm des Monitors jagt allen den Blutdruck nach oben: Im Ernstfall geht es dann um ein Menschenleben.Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin
Autorin/Autor: Doris Strahler
