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Stammzellenspende - Ein Beutel voller Leben

Ein Käsebrötchen, ein weiches Ei und ein Stück Schokocroissant turnen durch meinen Magen. Ganz normal frühstücken, hat es geheißen. Meine Haut klebt an den grünen, Plastik beschichteten Tüchern, die die Krankenschwester unter meine Arme geschoben hat. „Mir ist übel“, informiere ich Schwester Renate. Sie sagt mit fränkischem Akzent, ich solle an etwas Schönes denken, an den Strand zum Beispiel. Doch der Strand ist weit weg von hier – vom Klinikum Nürnberg Nord, Onkologie, Station 12/I SW, hämatologische Intensivstation mit Stammzellseparation.

Die Ärztin, Dr. Ulrike Proß, zieht weiter Blut aus meiner rechten Ellenbeuge. Fragt mich, wo ich herkomme, was ich mache. Vor lauter Anspannung verstehe ich ihre Fragen kaum, antworte mit wenigen Worten, automatisch. „Dorf zwischen Donauwörth und Augsburg, Journalistik-Studium.“

Dr. Proß nimmt das Blutröhrchen von der Nadel. Dann befestigt sie Schläuche an den Zugängen zu meiner Armvene und zur Vene in meinem rechten Handgelenk. Die anderen Enden der Schläuche sind an ein rechteckiges Gerät angeschlossen.

Schwester Renate schaltet es ein. Ein schnelles Tacken, ein hohes Sirren und ein Brummen in Basstonlage breiten sich im Raum aus. Mein Blut wird aus der linken Armbeuge herausgezogen, läuft durch das Gerät, den Zellseparator. Mithilfe einer Zentrifuge wird es darin in seine Bestandteile aufgeteilt.

Dr. Ulrike Proß legt die Zugänge an der Vene
 

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich das Blut dann durch den Rücklaufschlauch drückt, der an meinem rechten Handgelenk endet. So bekomme ich mein ganzes Blut zurück – bis auf die Stammzellen, die im Separator herausgefiltert werden. Auf die wartet nämlich irgendwo auf der Welt ein todkranker Mensch. Ich weiß nicht, wieso, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es ein Mann ist, um die 40 Jahre alt. Tatsächlich weiß ich gar nichts von ihm – außer, dass er Leukämie hat und dass meine Stammzellen ihm das Leben retten könnten.Ich schließe die Augen, bekomme nicht mehr mit, was um mich geschieht. Schwester Renate reißt mich aus dem Dämmerzustand. „219 Minuten dauert die Separation!“ Sechser-Einmaleins. 60 Minuten, eine Stunde. 6, 12, 18, 24. Knapp vier Stunden ruhig sitzen, die Arme nicht bewegen, abwarten. Wie lange der Patient, der meine Stammzellen bekommen soll, wohl schon wartet?

 

Dezember 2007 – März 2008

Meine Wartezeit war sehr kurz – von der Typisierung bis zur Spende dauert es nur ein halbes Jahr. Im Dezember 2007 lasse ich mich in die Deutsche Knochenmarksspenderdatei DKMS aufnehmen und werde prompt bereits im Februar angeschrieben, dass ich vielleicht als Spenderin in Frage käme. Bestimmte Gewebemerkmale eines Leukämiepatienten stimmen mit meinen überein. Zur genauen Überprüfung lasse ich mir beim Hausarzt Blut abnehmen.

 

April 2008

Einige Wochen später, ich stecke mitten in der Lernphase vor dem Vordiplom, kommt ein Brief von der DKMS: Das Untersuchungsergebnis liegt vor und besagt, dass „Ihre Gewebemerkmale mit denen des Patienten übereinstimmen und Sie die geeignete Spenderin wären.“ Ich rufe Sabine Gebhardt von der DKMS an. Sie erklärt mir die beiden Möglichkeiten der Spende: Operative Knochenmarksentnahme durch Punktion des Beckenkamms oder Apherese, also ambulante Stammzellenentnahme aus dem peripheren Blut. Übers Wochenende soll ich mir überlegen, ob ich beiden Arten zustimmen würde.

Ich telefoniere mit meiner Schwester Hilde. Sie ist Ärztin, zwar keine Spezialistin auf diesem Gebiet, hat aber Bedenken bei der Apherese. Dabei müsste ich mir nämlich einen hormonähnlichen Wachstumsfaktor spritzen, der die Zahl der Stammzellen im peripheren Blut erhöht. „Der Stoff kommt zwar im Körper vor, aber ich bin da ein bisschen skeptisch. Es gibt nämlich keine Studie zu Langzeitfolgen“, erklärt mir Hilde. Sie redet davon, dass der Faktor meine gesunden Blutkörperchen dazu bringen könnte, sich krankhaft zu vermehren. Im Internet suche ich stundenlang nach Informationen. Ich finde zwar keine Hinweise darauf, dass Langzeitfolgen zu erwarten sind – aber ich denke trotzdem, dass sie nicht vollständig auszuschließen sind.

„Ich stehe nur für eine Punktion zur Verfügung“, teile ich Sabine Gebhardt mit. „Da müssen wir mal schauen, die Klinik des Patienten hat nämlich nur eine Apherese angefordert“, antwortet sie. Bei unserem letzten Gespräch hat sich das noch anders angehört. „Es gibt aber noch einen Ersatzspender.“ „Kann man sagen, ob einer von uns beiden besser oder schlechter passt?“ Sie verspricht mir, das herauszufinden. Ich bin vollkommen durcheinander, kann mich kaum aufs Lernen konzentrieren. Was, wenn ich besser passe? Könnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, trotzdem nicht zu spenden? Aus im Vergleich zum Schicksal meines Patienten lächerlich wirkender Angst?

Kurz nach der letzten Prüfung, Politik mündlich. Ich bin total aufgedreht. Ein Anruf von Sabine Gebhardt reißt mich aus meiner Hochstimmung: „Sie passen wohl tatsächlich ein kleines bisschen besser als der Ersatzspender. Die Klinik des Patienten wartet Ihre Entscheidung ab.“ Insgeheim habe ich gehofft, dass mir die Entscheidung abgenommen wird. Dass die Krankheit beim Patienten so akut wird, dass kein Aufschub mehr möglich ist und Stammzellen des Ersatzspenders transplantiert werden.

Gebhardt gibt mir Bedenkzeit. Die letzte Etappe meines Entscheidungsmarathons. Ich spreche mit meinen drei Schwestern, meinen Eltern, mit Freunden. Nehme ich die Langzeitfolgen vielleicht nur als willkommene Ausrede für meine Angst? Irgendwann in diesen Tagen fange ich trotz aller Bedenken an, mich langsam an den Gedanken zu gewöhnen: Stammzellen spenden, die Apherese durchziehen, dem Krebs ins Gesicht spucken.

Bis morgen muss ich mich entscheiden. Ich sitze mit meinen Eltern am Küchentisch, diskutiere die Sache zum hundertsten Mal, merke, wie meine Augen anfangen zu brennen. Ich will nicht weinen, aber ich kann nicht anders. So vieles hat sich aufgestaut, dieses ständige Hin und Her, der Prüfungsstress, meine Angst. „Wenn ich dich so sehe, denke ich, du solltest es lassen“, sagt mein Vater. Mein Kopf sagt das auch. Aber mein Bauch? „Ich habe das Gefühl, ich muss es machen. Auch, wenn es einen Ersatz gäbe. Man gewöhnt sich an den Gedanken zu spenden.“

Die Überzeugung, dass die Spende eine geringere Belastung für mich wäre, als wenn ich meinen Ängsten nachgeben und kneifen würde, wird immer stärker. Natürlich habe ich Angst. Vor der Spende, vor unbekannten Spätfolgen. Und doch: Ich tu's. Ein riesiger Druck fällt von mir ab. Hilde schreibt mir eine E-Mail: „Manche Dinge muss man machen, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häufchen Dreck – nicht vor anderen, sondern vor seinen eigenen Idealen.“

 

Mai 2008

Mitte Mai bin ich zur Voruntersuchung im Klinikum Nürnberg Nord: Blutabnahme, Ruhe-EKG, Ultraschall. Ein paar Tage später die Mitteilung, dass die Ergebnisse in Ordnung sind und die Spende stattfinden kann. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Die Ärzte meines Patienten werden damit beginnen, sein krankes Knochenmark zu zerstören. Bekommt er dann keine Stammzellen von mir, hat er keine Überlebenschance. Ich denke immer „der Patient“ oder „der Mann“, habe dabei ein genaues Bild vor Augen: Er hat dunkles Haar, ist kräftig gebaut.

 

Juni 2008

Vier Tage vor der Spende muss ich das erste Mal den Wachstumsfaktor spritzen. Neun Spritzen, Zwölf-Stunden-Rhythmus. Mein Vater setzt die Nadel an meinen Bauch, seitlich unterhalb des Bauchnabels. Ein Stich, ein leichtes Brennen – nicht schlimm.

Am Abend versuche ich, mir die Spritze selbst zu geben. Ich bin unruhig, habe das Gefühl, das Zeug in meinem Blut beschert mir nicht nur Gliederschmerzen und Kopfweh, sondern macht mich auch weinerlich. „Nee, ich glaube, das kann ich nicht. Mach's du“, bitte ich meinen Vater. Er zieht die Spritze auf. Vom anderen Ende des Wohnzimmers höre ich die deutsche Nationalmannschaft singen, kurz vor Anpfiff des EM-Gruppenspiels gegen Polen. Papa sticht.

Die Nacht vor der Spende schlafe ich im Hotel in Nürnberg. Mein Herz rast, im Zimmer ist es stickig, ich strample die Decke weg, wälze mich hin und her. Um 3.15 Uhr schaue ich zum letzten Mal auf die Uhr, kurz darauf schlafe ich endlich ein. Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Ein lang gezogener Piepton. Pause. Wieder Piep. Pause. Die Nadel in der linken Ellenbeuge vibriert leicht. Der Zellseparator hat angehalten und schlägt Alarm. Schwester Renate schaltet das Gerät wieder ein. Ich schiele auf die Anzeige: 165 Minuten habe ich schon hinter mir. Bisher ist die Zeit ganz gut vergangen, mit Dösen und DVD-Schauen. Aber jetzt – eine Minute kommt mir vor wie zehn. Ich rutsche auf dem Stuhl herum, fühle mich gerädert. Meine Hände und mein Gesicht rund um die Nase kribbeln.

Ich zähle die Zeit runter. Minute 186... Minute 203... Minute 219. Dr. Proß zieht die Nadel aus dem linken Arm. Währenddessen läuft das restliche Blut durch den Rücklauf in die Vene in meinem rechten Handgelenk. Dr. Proß nimmt mir nochmal Blut ab. „Es waren schon viele Röhrchen, die wir bei Ihnen abnehmen mussten“, sagt sie. „Woran liegt das?“ „Das bestimmt die Empfängerklinik. Und weil der Mann wohl etwas größer und kräftiger ist. Wir glauben zumindest, dass der Empfänger ein Mann ist, weil wir so viele Stammzellen brauchen.“ Ein Mann – wie ich mir immer gedacht habe. Nachmittags rufe ich auf der Station an, um zu erfahren, ob die gesammelten Stammzellen schon ausreichen. Schwester Renate nimmt den Hörer ab. „Ja, Sie sind fertig und dürfen heimfahren!“

Vier Tage später telefoniere ich mit Isabelle Carrion von der DKMS. Meine Stammzellen sind nach Belgien gegangen. Ähnlich wie bei einer Infusion wurden sie meinem Patienten ins Blut geleitet und suchen sich nun selbst den Weg ins Knochenmark. Dort bilden sie neue Zellen. „Nach etwa hundert Tagen geben wir Ihnen Bescheid, wie es der Patientin geht. Sie ist schon ein bisschen älter, 66 Jahre.“ Sie? Mein Bild vom dunkelhaarigen, kräftig gebauten Mann um die 40 fällt zusammen. Eine 66-jährige Frau! Ich glaube, ihr schwarzes Haar ist kinnlang und von grauen Strähnen durchzogen. Und sie trägt eine Brille. Und sie schafft's. Bestimmt.       

 

Weitere Informationen zur Stammzellenspende unter Tel. (0911) 398 -3650.

Autorin/Autor: Johanna Kempter

 
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