Prof. Dr. Michael Christ - "Es gilt, Hightech-Medizin mit Menschlichkeit zu verknüpfen"
Immer mehr und immer teurere Hightech-Geräte halten in der Medizin Einzug. Oft werden sie nicht nur als segensreicher Fortschritt betrachtet, sondern sie lösen auch Ängste aus. Ihr Einsatz wird als „Apparatemedizin“ diffamiert, die der so genannten sprechenden Medizin zunehmend den Rang ablaufe. Als Chefarzt der Klinik für Notfallmedizin und Internistische Intensivmedizin im Klinikum Nürnberg hat Prof. Dr. Michael Christ (45) tagtäglich mit neuester Medizintechnik zu tun und wird nicht selten mit massiven Ängsten der Angehörigen konfrontiert. Er versteht die hochtechnisierten Geräte als Hilfsmittel des Arztes, die aber das direkte Gespräch und die Untersuchung nicht ersetzen können und dürfen.
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Vor 1900 stießen neue Entwicklungen wie Thermometer und Blutdruckmesser bei den arrivierten Ärzten auf breite Ablehnung. Die Ärzte fürchteten damals durch den Einsatz von Diagnosetechniken den Verlust ihrer Autorität. Heute gibt es Ultraschall, Röntgen, CT, Kernspin und Szintigramm. Ist eine Diagnose ohne solch bildgebende Verfahren noch denkbar?
Prof. Michael Christ: Nein, eigentlich nicht. Insgesamt hat ein erheblicher Wandel in der Medizin weg von der Orientierung auf Glauben oder von einem auf illustre Vorstellungen basierendem Wissen hin zu einer wissenschaftlichen Medizin stattgefunden. Zu einer solchen wissenschaftlichen Medizin gehört zum einen ein fundiertes ärztliches Grundwissen. Aber man hat auch technische Hilfsmittel an der Hand und die sollte ein Arzt neben seinen eigenen Sinnen nutzen.
Sie haben die Sinne angesprochen. Wie wichtig sind der Blick des Arztes und das Gespräch mit dem Patienten überhaupt noch? |
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Im Studium habe ich gelernt, dass der Arzt mehr als 80 Prozent der richtigen Diagnosen durch das Anamnesegespräch, durch das Erheben der Krankengeschichte, erstellen kann. Ich muss zugeben, ich stand dieser Aussage damals sehr kritisch gegenüber. Heute muss ich zugeben, dass man diese Zahl vielleicht sogar noch höher ansetzen müsste. Ähnlich verhält es sich mit den standardisierten ärztlichen Untersuchungstechniken, also der Inspektion, dem Betrachten, der Palpation, dem Abtasten, und der Auskultation, dem Abhören mit dem Stethoskop. Damit kann man einen Großteil der korrekten Diagnosen stellen. Damit kann man auch die richtige Indikation für den Einsatz von bildgebenden Verfahren stellen, um eine Diagnose bestätigen oder verwerfen zu können.
Ist das schon Wunschdenken oder sieht die Realität nicht eher so aus, dass erst einmal automatisch eine Serie von Bildern gemacht wird?
Das hängt von der Expertise des Arztes ab und von der Art, wie er fachlich ausgebildet wurde. Ein erfahrener Arzt setzt sein Wissen und Können ein, erhebt zunächst die Krankengeschichte, nimmt dann eine körperliche Untersuchung vor und entscheidet dann, ob und welche bildgebende oder laboranalytische Diagnostik eingesetzt werden muss. Eines ist doch klar: Die Evidenz medizinischer Bilder gibt es nicht. Letztendlich sind die Röntgenaufnahmen und Bilder eines Computertomografen oder eines Kernspintomografen Interpretationen von Messwerten, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Geht es um den Einsatz medizinischer Geräte, dann heißt es oft, es werde zu früh, zu oft oder zu lange auf diverse technische Geräte vertraut. Fehlen die finanziellen Anreize für ein längeres Gespräch mit dem Patienten, muss da nicht im Abrechnungssystem umgesteuert werden?
Eine schwierige Frage. Ich denke schon, dass es im Abrechnungssystem ein Missverhältnis derart gibt, dass ärztliches Können, ich nenne das einmal die ärztliche Gehirnarbeit, weniger honoriert wird als Untersuchungen mit teuren Geräten. Ich glaube aber nicht, dass der häufige Einsatz medizintechnischer Hilfsmittel abrechnungsbedingt ist, sondern eher rechtlicher Natur ist. Ein Arzt glaubt, sich über den Einsatz von Medizingeräten bzw. über die Ergebnisse, die er damit erhebt, rechtlich abzusichern. Er glaubt, dann habe er alles richtig gemacht und es könne ihm nichts mehr passieren. Aber der mithilfe eines Geräts getroffene „Ausschluss“ einer Erkrankung heißt nicht unbedingt, dass die Erkrankung auch wirklich nicht vorhanden ist. Bestes Beispiel ist die Lungenembolie. Im CT oder in der Szintigrafie lässt sich das Vorliegen einer solchen Embolie nicht immer 100-prozentig ausschließen. Da darf man nicht zu sehr der Technik vertrauen.
Sie sind Chefarzt der Aufnahmeklinik und der internistischen Intensivmedizin im Klinikum Nürnberg Nord. Eine Intensivstation ist ohne hochtechnisierte Überwachungsgeräte nicht denkbar. Hat das Wort Apparatemedizin für Sie einen negativen Anklang?
Nein, hat es nicht. Man muss immer entscheiden, ob es sinnvoll ist, Apparate einzusetzen und damit ans Limit zu gehen oder ob man aus bestimmten Überlegungen heraus eine Änderung des Therapiezieles vornimmt und sich auf eine andere ärztliche Aufgabe, nämlich das Lindern von Leiden, beschränkt. Das sind keine einfachen Entscheidungen, aber sie müssen getroffen werden.
Hier die unpersönliche Gerätemedizin, dort die sprechende Medizin – ist dieser Gegensatz nur konstruiert?
Das halte ich in der Tat für konstruiert. Wir wollen die internistische Intensivmedizin im Klinikum Nürnberg Nord in die Richtung weiter entwickeln, dass wir die Gerätemedizin und die menschliche Gesprächsmedizin zusammenbringen. Die Qualität einer Intensivmedizin macht sich nicht nur an der Senkung der Sterblichkeit fest. Dazu gehört auch die Zufriedenheit der Patienten, der Angehörigen und der Mitarbeiter. Da gilt es, geeignete Maßnahmen zu treffen.
Welche Maßnahmen wären da vorstellbar?
Hightech-Medizin mit Menschlichkeit zu verknüpfen, das ist der Weg der Zukunft und das betrifft ganz wesentlich die Kommunikation. Man muss fähig sein, in angemessener Weise mit den Angehörigen zu sprechen, ihnen Ängste zu nehmen, aber auch die Tatsachen und Wahrheiten zu formulieren. Es kommt darauf an, die Angehörigen in den medizinischen Entscheidungsprozess mit einzubeziehen. Geht es um Gespräche, ob eine Therapie weitergeführt oder das Therapieziel geändert werden soll, legen wir besonderen Wert darauf, dass alle Beteiligten mit am Tisch sitzen, dass ein fachlich kompetenter ärztlicher und pflegerischer Mitarbeiter am Gespräch teilnehmen und jeder sein Anliegen formulieren kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Mitarbeiter entsprechend methodisch versiert sind. Dafür gibt es bei uns beispielsweise Kurse zur ärztlichen und pflegerischen Kommunikation.
Werden Sie auf der Intensivstation oft mit Ängsten der Angehörigen oder mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins konfrontiert?
Auf jeden Fall. Wir hatten jetzt aktuell eine junge Patientin in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft. Sie hatte sich mit der Neuen Grippe angesteckt und litt zusehends unter Atemnot. Sie musste notfallmäßig mit Kaiserschnitt entbunden werden und wurde dann zur weiteren Therapie in unsere Klinik verlegt. Die Patientin wurde mit Hightech-Geräten beatmet, und die Angehörigen hatten massive Ängste, was mit ihrer Tochter bzw. mit der Ehefrau passieren würde. Wir führten mehrere intensive Gespräche mit den Angehörigen. Diese wissen in der Regel wenig über den Krankheitsverlauf sowie über den Sinn bzw. den Nutzen der hochmodernen Medizintechnik und glauben daher, der Patient sei den Apparaten hilflos ausgeliefert. Nach sechs Wochen Hightech-Medizin und begleitenden Angehörigengesprächen wachte die Patientin wieder auf, erholte sich rasch und gab uns in der Genesungsphase ein sehr positives Feedback. Auch die Angehörigen formulierten ihre Zufriedenheit. Angesichts der extremen Ängste im Vorfeld ergibt das doch ein schönes rundes Bild. So muss es sein.
Ist es auf Intensivstationen für Pflegende und Ärzte ein Problem, dass der Kontakt mit dem Patienten endet, ohne dass sie miterleben, dass sich der Kampf um das Überleben gelohnt hat?
Das glaube ich nicht. Ärzte und Pflegende werden im Laufe ihres Berufslebens mit vielen positiven, aber auch frustrierenden Erlebnissen konfrontiert und können diese gut bewerten. In vielen Fällen wissen die Mitarbeiter über den Erfolg ihrer Arbeit im Voraus Bescheid und arbeiten genau daraufhin. Neben einem direkten positiven Feedback noch auf der Intensivstation gibt es immer wieder Patienten, die sich schriftlich oder auch persönlich für die Zeit bei uns bedanken. Das ist für meine Mitarbeiter eine große positive Bestärkung.
Viele Patientenverfügungen untersagen Apparatemedizin. Es herrscht große Angst, am Lebensende das Selbstbestimmungsrecht über die Therapie zu verlieren. Ist eine solche pauschale Formulierung des Ausschlusses von Apparatemedizin sinnvoll?
Meines Erachtens ganz und gar nicht. Medizin ist nicht schwarz oder weiß, sondern in der Regel sehr komplex. Nehmen sie einen 75- oder 80-Jährigen mit einer Lungenentzündung, der künstlich beatmet werden muss. Da gibt es den einen, der nur diese spezielle Erkrankung hat und damit auch eine extrem gute Prognose, da gibt es aber auch den anderen, der verschiedenste chronische Krankheiten hat und bei dem die Lungenentzündung das letzte Tüpfelchen auf dem I ist. Hier muss man sehr individuelle Entscheidungen treffen. Statt eines solch pauschalen Ausschlusses von Gerätemedizin niederzulegen, würde ich das Gespräch mit den Angehörigen und Freunden des Patienten suchen. Denn die sollten in einer derartigen Situation, in der solch schwierige Entscheidungen anstehen, seinen Wunsch genau kennen. Da hat uns die Schweiz einiges voraus. Dort wird weitaus offener im vertrauten Kreis über solche Grenzsituationen des Lebens gesprochen als in Deutschland.
Autorin/Autor: Bernd Siegler
