Altersforschung - Wichtige Kopplung von Muskulatur und Nervensystem
Die Frage, wann ältere Menschen gebrechlich sind und warum sie gebrechlich werden, beschäftigt derzeit die Altersforschung weltweit. Zahlreiche Studien am Institut für Biomedizin des Alterns in Zusammenarbeit mit der Geriatrie des Klinikums Nürnberg kreisen um die Frage, wie dem rasanten Abbau der Muskelmasse im Alter Einhalt geboten werden kann. „Der Muskel steht immer im Zentrum“, berichtet Geriatrie-Oberarzt Dr. Jürgen Bauer.
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Wenn von Gebrechlichkeit die Rede ist, geht es um einen kontinuierlichen Prozess, der von vielen Faktoren abhängig ist. In seiner Entstehung spielen Krankheiten wie die Arteriosklerose und Herzinsuffizienz ebenso eine Rolle wie Diabetes oder ein fortschreitender Gewichtsverlust. Ältere Menschen mit Gebrechlichkeit – im Fachterminus „Frailty“ genant - sind sehr empfindlich für eine weitere Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, weil ihre physischen und psychischen Reserven vermindert sind. Dies führt oft zum Verlust der Selbstständigkeit und zu einer erhöhten Sterblichkeit. Oft reicht dann zum Beispiel ein Sturz, um das fragile Gesamtgebäude zum Einstürzen zu bringen. Um genau diesen zu vermeiden, genügt dabei nicht nur die Muskelkraft für den nötigen Ausfallschritt, dieser muss auch in einer entsprechenden Geschwindigkeit erfolgen. Hier kommt die Funktionalität der Muskeln und damit die Kopplung mit dem Nervensystem ins Spiel. Mit dieser neuromuskulären Steuerung beschäftigt sich derzeit Dr. Michael Drey. Der Geriatrie-Assistenzarzt betritt damit Neuland in der Altersforschung, die sich bislang vorwiegend mit den Ursachen für den Schwund der Muskelmasse beschäftigte. |
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Nach dem bisherigen Erkenntnisstand gehören dazu eine reduzierte körperliche Aktivität, Mangelernährung, chronische Entzündungsproesse oder hormonelle Veränderungen. „Neuere Studien zeigen aber, dass die Beziehung zwischen Hinfälligkeit und Muskelmasse schwächer ist als gedacht“, berichtet Bauer, „damit rückt die Funktionalität mehr und mehr ins Zentrum.“
Der verringerten Ansprechbarkeit der Muskulatur will Drey nun auf den Grund gehen. Die Funktionalität der Muskulatur spiegelt sich in messbaren Größen wie der normalen Ganggeschwindigkeit wider. „Wer klar schneller als einen Meter in der Sekunde geht, gilt als gesund, um 0,8 Meter pro Sekunde gilt man als gefährdet und wer nur noch langsamer vorwärtskommt, wird als gebrechlich eingestuft“, so der Assistenzarzt. Schaltungen von Fußgängerampeln in Deutschland nehmen beispielsweise Gesunde als Maßstab, denn sie sind auf eine Geschwindigkeit von 1,2 Metern pro Sekunde ausgelegt.
Drey misst nun bei betagten Menschen nicht nur die Muskelmasse, die sich ähnlich der Knochendichtemessung mit ganz niedriger Röntgenstrahlung feststellen lässt. Sein besonderes Augenmerk gilt der Anzahl so genannter Alphamotoneuronen, der Nervenzellen, die letztendlich für die Muskelkontraktion zuständig sind. Mit neueren Messverfahren lässt sich die elektrische Muskelaktivität messen und die Anzahl der motorischen Einheiten damit abschätzen.
Der Geriatrie-Assistenzarzt rechnet damit, nachweisen zu können, dass bei betagten Menschen der Verlust an solchen Alphamotoneuronen die eingeschränkte Funktionalität besser erklärt, als der reine Verlust an Muskelmasse. Um Gebrechlichkeit zu vermeiden, würde dies nicht nur eine Kombination aus gezieltem und angeleitetem Muskelkraft-Training, sondern auch eine höhere Aufnahme bestimmter Proteine und vor allem von Vitamin D über die Ernährung bedeuten. Denn Vitamin D fördert die Funktionalität der Muskeln. Grundlage ist und bleibt aber immer das richtige Training. „Wir brauchen mehr speziell für ältere Menschen ausgelegte Fitness-Angebote“, so Drey.Autorin/Autor: Bernd Siegler
