Krisenintervention vor Ort - "Die Quelle war mein Leben"
Das Aus für das Traditionsunternehmen „Quelle“ war für die Region ein schwerer Schlag. Zahlreiche Rettungsaktionen verliefen zunächst im Sand, dann gingen Tausende Arbeitsplätze verloren, und zum Schluss wurden die Restbestände an Waren im wohl größten Ausverkauf der deutschen Geschichte zu Schnäppchenpreisen an den Mann gebracht.
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Ende Oktober, als die Situation mit einer großen Entlassungswelle eskalierte, war nicht nur das Arbeitsamt bei Quelle in der Fürther Straße vor Ort, sondern – in Deutschland bislang einmalig – auch Teams zweier Kliniken. Ärzte und Psychologen der Kliniken für Psychiatrie und für Psychosomatische Medizin des Klinikums boten Krisenintervention für Quelle-Mitarbeiter, die nicht mehr wussten, wie es weitergehen sollte. „Der Verlust des Arbeitsplatzes ist neben starken Gefühlen wie Wut, Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit oft auch mit einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls verbunden, das erfordert eine massive seelische Anpassungsleistung. Jeder kann dadurch vorübergehend in eine seelische Krisensituation geraten“, erläutern Dr. Dr. Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, und Prof. Wolfgang Söllner, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Daher schickten beide Kliniken in der Woche, in der tausende Quelle-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verloren, erfahrene Mitarbeiter vor Ort. |
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„Wichtig war es in den zum Teil sehr langen Gesprächen, den Sorgen und Ängsten der nun ohne Arbeitsplatz dastehenden Mitarbeiter Raum zu geben, die verschiedenen Aspekte dieser Ängste und persönliche Bewältigungsmöglichkeiten zu klären und damit entlastend zu wirken“, schildert Christoph Faulstich, Psychologe in der Klinik für Psychosomatische Medizin, die Vorgehensweise. Viele, die das Gesprächsangebot wahrnahmen, zeigten schon typische psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Nervosität, Reaktionen der Haut wie z.B. verstärkte Schuppenflechte oder Magen- und Verdauungsbeschwerden.
Was Dr. Bettina Flieth, Ärztin in der Klinik für Psychiatrie, bei den rund 40 Gesprächen besonders auffiel, war die enge Verbundenheit der Quelle-Mitarbeiter mit dem Betrieb. „Für viele war die Quelle ihr hauptsächlicher Lebensinhalt“, berichtet sie. Sätze wie „Die Quelle war mein Leben“, „Alle meine Freunde arbeiteten bei Quelle“, „Dort habe ich meinen Mann kennen gelernt“ oder „Wir bei Quelle waren eine große Familie“ bekam sie immer wieder zu hören. Mitarbeiter erzählten sogar, sie hätten Bilder der Unternehmensgründer Gustav und Grete Schickedanz daheim in der Wohnung hängen.
„Die Menschen bei Quelle haben viel Freizeit, viel Beziehungsarbeit investiert und sich sehr stark mit dem Betrieb identifiziert“, berichtet Flieth. Faulstich kann das bestätigen. Zu ihm kamen Mitarbeiter, die als 14-Jährige bei Quelle anfingen und nun mit 55 Jahren vor dem beruflichen Aus stehen: „Sie haben einen Teil ihrer Jugend und die Zeit des Erwachsenseins mit Heirat und Kindern bei Quelle verbracht.“
Für viele sei daher mit dem Aus für die Quelle, so Flieth, „eine Welt zusammengebrochen, sie haben regelrecht den Boden unter den Füßen verloren“. Kein Wunder, dass manche im Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit gar mit dem Gedanken an Selbstmord spielen. Bei vier Quelle-Mitarbeitern, die das Gesprächsangebot wahrnahmen, war es daher mit einem Gespräch nicht getan, sie werden in der Klinik weiter behandelt.
„Ziel bei solchen Gesprächen ist es“, so Dr. Harald Henninger, Leiter der Psychiatrischen Institutsambulanz im Klinikum Nord, „den Menschen ihre inneren Ressourcen deutlich zu machen. Das Leben ist ja nicht vorbei, wenn der Arbeitsplatz verloren geht.“
So riet Flieth vielen Mitarbeitern, die bei Quelle geknüpften sozialen Kontakte auch nach dem Aus der Firma aufrechtzuerhalten oder sich eine Auszeit zuzugestehen, „um sich seelisch wieder zu sortieren“. Faulstich versuchte, „in den Gesprächen gemeinsam auszuloten, wo es individuelle Handlungsspielräume gibt“. Das helfe das Gefühl der Hilflosigkeit einzudämmen. Die Betroffenen müssten aus der Opferrolle herauskommen und wieder zu Handelnden werden, ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen.
Dass das mit einem Gespräch nicht zu machen ist, da geben sich Flieth und Faulstich keinerlei Illusionen hin. Es gehe um Anstöße, um die Lösung von Spannungszuständen und das Aufzeigen von konkreten nächsten Schritten zur Bewältigung der persönlichen Krise. Bestehe noch Gesprächsbedarf, könnten weitere Termine vereinbart werden. „Oft ist es auch so, dass starke emotionale Reaktionen erst nach einiger Zeit auftreten“, wissen die Chefärzte Söllner und Niklewski aus Erfahrung. Deshalb bieten die beiden Kliniken weiterhin unterstützende Gespräche im Klinikum Nord an.
Terminvereinbarung von Montag bis Freitag von 9.30 bis 12.00 Uhr und von 13.00 bis 15.00 Uhr bei der Institutsambulanz der Klinik für Psychiatrie unter Tel. (0911) 398-2199 und bei der Klinik für Psychosomatische Medizin unter Tel. (0911) 398-2839.
Autorin/Autor: Bernd Siegler

