Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2009 >> Ausgabe 4 >> Migranten als Patienten - Missverständnisse, Überversorgung und Unzufriedenheit

Migranten als Patienten - Missverständnisse, Überversorgung und Unzufriedenheit

Die Zahl der Patienten mit Migrationshintergrund wird weiter zunehmen. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der über 60-jährigen Personen mit ausländischer Herkunft bis 2030 auf 2,8 Mio. anwachsen. Dazu kommt, dass der Gesundheitszustand von Migranten und ethnischen Minderheiten oft schlechter als jener der durchschnittlichen Bevölkerung ist. Sprachliche Barrieren und Missverständnisse im Bereich der interkulturellen Kommunikation sorgen dabei für eine Vielzahl von Problemen.

„Das reicht in Deutschland von vermehrten oft aufwändigen Untersuchungen über eine erhöhte Einnahme von Medikamenten und längeren Behandlungszeiten als beim Durchschnittspatienten bis zur Fehleinschätzung von Diagnosen, und sorgt damit für Unzufriedenheit bei allen Beteiligten“, wissen Johanna Myllymäki-Neuhoff vom Zentrum für Altersmedizin und Lars Bergmann, Ergotherapeut von der Schmerztagesklinik im Klinikum Nürnberg.

In einer Studie haben sie Daten von 425 Patienten der Schmerztagesklinik im Zeitraum von 2004 bis 2009 ausgewertet. Nahezu jeder dritte Patient hatte einen Migrationshintergrund. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Patienten mit Migrationshintergrund suchten demnach häufiger mehrere Ärzte gleichzeitig auf, hatten eine deutliche höhere Anzahl von Diagnosen, bekamen wesentlich mehr Medikamente gleichzeitig verordnet, hatten eine höhere Anzahl von Krankenhausaufenthalten und mussten sich sehr viel häufiger einer Untersuchung mit Ultraschall oder Computertomographie unterziehen, als Patienten ohne Migrationshintergrund.

Fehlentwicklung: Patienten mit Migrationshintergrund haben mehr Diagnosen und bekommen mehr Medikamente verordnet als Patienten ohne einen solchen Hintergrund.
 

Probleme zwischen deutschen Ärzten und ausländischen Patienten offenbar mit einem Mehr an Diagnostik und einem Mehr an Arzneimittelverordnungen behoben werden.“ Das sage aber nichts über die Qualität der Therapie aus. Der Griff zum Rezeptblock signalisiere dem Patienten nur, dass der Arzt das Problem erkannt habe und dass der Patient die Konsultation jetzt beenden könne.

Nicht nur Sprachbarrieren

Doch Sprachbarrieren sind nicht die einzigen Probleme. Aus dem Umgang mit Schmerzpatienten mit Migrationshintergrund weiß Bergmann, dass nicht nur überhöhte Erwartungen an das deutsche Gesundheitssystem vorliegen, sondern „oft auch ein erheblich anderes Verständnis von Gesundheit und Krankheit“. Aus diesen unterschiedlichen Vorstellungen und der besonderen sozialen Lage vieler Migranten ergäben sich zudem andere persönliche Bewältigungsstrategien und Erwartungen innerhalb der Familien.

Um dieses Thema anzugehen, startete die Schmerztagesklinik im Klinikum Nord vor drei Jahren mit dem neunwöchigen teilstationären Therapieprogramm „Schmerztherapie für Migranten“ ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt. Die Kurse wandten sich gezielt an türkische Frauen. Auf dem Terminplan standen u.a. Entspannungsübungen, Physiotherapie, Schulungen zum Thema Schmerz, Ergotherapie, psychotherapeutische Schmerzbewältigung und Deutschunterricht. Das Programm wurde von zwei Dolmetschern begleitet. Dem Team wurde zudem soziokulturelles Hintergrundwissen über Herkunftsland, Religion oder Migration als Stressfaktor, aber auch die Reflexion des eigenen kulturellen Hintergrunds vermittelt.

Um die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter im Gesundheitswesen zu verstärken, hat Myllymäki-Neuhoff an der Entwicklung des Fernlehrgangs „Migrantinnen und Migranten im Gesundheitswesenheit“ mitgewirkt. Er wird seit 2005 im Centrum für Kommunikation, Bildung und Information (cekib) des Klinikums angeboten.

Das erfolgreiche Modell der Schmerztagesklinik und die Erkenntnisse des Fernlehrgangs wollen Myllymäki-Neuhoff und Bergmann nun im Klinikum ausdehnen: „Multikulturelle Personalentwicklung stellt ein wichtiges und notwendiges Aufgabengebiet dar, um die medizinische und pflegerische Betreuungsqualität ohne Über- oder Unterversorgung bestimmter Gruppen aufrechterhalten zu können.“ Dies schaffe Zufriedenheit und spare zeitliche sowie finanzielle Ressourcen.

Dabei orientieren sich beide sich an der „Amsterdamer Erklärung für migrantenfreundliche Krankenhäuser in einem ethnisch und kulturell vielfältigen Europa“. Sie entstand im Mai 2005 im Rahmen eines Pilotprojekts der Europäischen Union, an dem zwölf Krankenhäuser aus zwölf Ländern teilgenommen haben.

„Es geht darum, den Blickwinkel für die Probleme zu schärfen und eingefahrene Abläufe zu überdenken“, betont Bergmann. So lehnten es Frauen mit türkischer Herkunft oft ab, allein zum Röntgen zu gehen. Eine Begleitperson störe aber schnell im engen Zeitrahmen des Klinikalltags. „Da könnte man Zeiten suchen, wo dies nicht als störend empfunden wird, und diese für solche Patientinnen reservieren“, meint Myllymäki. „Oft sind es kleine Dinge, die große Wirkung erzielen.“

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
Es öffnet sich eine Seite auf klinikum-nuernberg.de mit Notfallinformationen
Marke Stadt Nürnberg

Übersicht

Aktuelles

Unternehmen

Bildung

Partner

Service