Krebsforschung - Grüner Tee als Krebskiller?
„Grüner Tee verhindert Krebs“ oder „Neues vom Tausendsassa: Wie grüner Tee Krebs stoppt“ – Beiträge in Internet-Gesundheitsportalen, aber auch in seriösen Magazinen preisen die krebshemmende und –vorbeugende Wirkung von grünem Tee an. Schon der Genuss von zwei bis drei Tassen täglich könne diesen gesundheitsfördernden Effekt hervorrufen. Dabei berufen sie sich auf einzelne wissenschaftliche Studien und auf die Wirkungen der Catechine, einer Gruppe so genannter sekundärer Pflanzenstoffe im grünen Tee.
|
Dr. Markus Horneber, Arzt in der Onkologie und Leiter der Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie, widerspricht solchen Aussagen. Nach Auswertung von 51 internationalen Studien mit über 1,6 Millionen Teilnehmern kommt er zu einem kritischeren Urteil: „Hier liegt ein heilloses Durcheinander von widersprüchlichen Ergebnissen über die Wirkung von grünem Tee in Bezug auf Krebserkrankungen vor.“ Eine allgemeine vorbeugende Wirkung von grünem Tee auf die Entstehung von Krebserkrankung sei mit diesen Ergebnissen nicht nachzuweisen. „Und wer glaubt, das Trinken größerer Mengen grünen Tees oder gar die Einnahme von Grünteeextrakten über einen längeren Zeitraum könne zumindest nicht schaden, irrt.“ |
|
In einem Team von sieben Spezialisten und in Zusammenarbeit mit der Universität Exeter in England, dem dänischen Gesundheitsministerium und der Deutschen Krebshilfe hat Horneber für die renommierte „Cochrane Collaboration“ im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit alle seit den 80er Jahren erschienenen Studien zur Wirkung von grünem Tee auf die Entstehung von Krebserkrankungen beim Menschen durchforstet, verglichen und bewertet. Ähnliches hatte sein Team zuvor schon über die Wirkung von Mistel- und Thymusextrakten, Selen und Wachstumsfaktoren gemacht.
Bei dem aktuellen Projekt ging es den Forschern nicht um einen Feldzug gegen den grünen Tee, das Getränk, das zusammen mit schwarzem Tee weltweit nach Wasser am meisten getrunken wird. Es ging vielmehr um das Erarbeiten verlässlicher Informationen zu den vielen Behauptungen und Aussagen über gesundheitliche Wirkungen und darum, keine vorschnellen Schlüsse aus einzelnen Studien zu ziehen.
Die Ergebnisse des Cochrane-Reports zum grünen Tee haben nun vor allem in der US-amerikanischen Presse für Aufsehen gesorgt. Kein Wunder, wird doch das in den 90er Jahren auch in Deutschland in Mode gekommene Getränk in seiner krebshemmenden und –vorbeugenden Wirkung gründlich entzaubert.
Demnach bietet der Konsum von grünem Tee wahrscheinlich keinen Schutz vor einer großen Gruppe von Krebserkrankungen und in seltenen Fällen, beispielsweise bei Harnblasenkarzinomen, könnte er sogar das Erkrankungsrisiko erhöhen. „Allerdings gibt es für hormonabhängige Tumoren z.B. in Prostata, Brust oder Gebärmutter Hinweise in Richtung eines präventiven Einflusses“, erläutert Horneber. Seiner Meinung nach sollte daher insbesondere die Einnahme konzentrierter Extrakte aus grünem Tee „wie ein richtiges Medikament behandelt werden“.
Tückische WirkungDas ist umso wichtiger, betrachtet man neuere Studien über die Wechselwirkung von grünem Tee und einem neuen Krebsmedikament mit dem Wirkstoff Bortezomid. Eigentlich sollte dieser Wirkstoff in die Krebszellen eindringen und deren Stoffwechsel blockieren. Flavanoide aus dem grünen Tee, insbesondere
das Epigallocatechin-Gallat (EGCG), binden aber den Wirkstoff der Arznei und machen ihn dadurch unwirksam. „Das ist besonders tückisch“, erläutert der Krebsspezialist, „da sich die Patienten, die mit diesem Medikament behandelt werden, nach der Einnahme von Produkten, die Grünteeextrakte beinhalten, besser fühlen könnten.“ Dies hänge aber damit zusammen, dass die Nebenwirkungen des Krebsmedikaments nicht mehr auftreten, weil das Medikament nicht mehr wirke.
Den Ausweg aus dem „Durcheinander widersprüchlicher Ergebnisse“ sieht das Forschungsteam in gut geplanten randomisierten und kontrollierten Studien, in denen z.B. der mögliche Einfluss von Extrakten aus dem grünem Tee auf die Entstehung und den Verlauf hormonabhängiger Tumoren untersucht wird. „Wir streben derzeit eine solche Studie an“, kündigt Horneber an. „Das Tässchen Tee kann man sich aber auch weiterhin schmecken lassen.”Autorin/Autor: Bernd Siegler

