Geriatrie - Eine Zeitreise ins hohe Alter
Der Einstieg in eine Zeitreise von 60 Jahren dauert im Klinikum nur wenige Minuten: Dazu braucht es zum Beispiel dicke Handschuhe und Stoffbänder, die Finger und Hände umschließen, Stöpsel in den Ohren, eine gelb eingefärbte Brille auf der Nase, die den Augen nur einen kleinen Durchblick gestattet und Bandagen mit Gewichten an Armen und Beinen, die eine Bewegung sehr erschweren.
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Wer dabei noch versucht, Treppen zu steigen, den Beipackzettel vom Medikament zu lesen oder gar die Tablette selbst aus der Verpackung zu fingern, ist angekommen im schwierigen Alltag älterer, oft über 80-jähriger Patienten. Das Konzept, das dahinter steht heißt „Instant Aging“ und bedeutet sinngemäß schnelles Altern. Es verfolgt das Ziel, Studenten der Medizin oder Sozialpädagogik die Lebensbedingungen älterer und multimorbider Patienten besser zu vermitteln. „Durch den Perspektivenwechsel in die Lage eines alten Menschen mit mehrfachen Behinderungen und chronischen Erkrankungen konnten wir eine deutliche Einstellungsänderung der Studenten zum Alter nachweisen“, erläutert Dr. Walter Swoboda, Leitender Oberarzt in der Geriatrie des Klinikums Nürnberg und am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Erlangen-Nürnberg tätig. „Absolut eindrucksvoll, alle Wege werden so lang, alles ist anstrengend“ oder „Ich verstehe jetzt viel besser, wie ein alter Mensch sich fühlt“, sind typische Reaktionen nach dem insgesamt 1,5 Stunden währenden Instant Aging-Erlebnis. |
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In Gruppen von bis zu zehn Personen durchlaufen die Studenten in den Räumen des Instituts für Biomedizin des Alterns drei Stationen häufig auftretender Erkrankungen: Dazu zählen unter anderem Gelenkarthrose, Parkinson („Schüttellähmung“), Bechterew („Wirbelsäulenverkrümmung“) oder Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung, die durch unterschiedliche Ausstattungen simuliert werden. Dazu kommen das oft eingeschränkte Sehfeld (Brille) und das schlechte Hören (Ohrstöpsel). „Die Studenten erfahren am eigenen Körper“, so Swoboda, „wie schwer es ist, durch eine Drehtür zu gehen, ein Brot zu schmieren oder in der Pillenbox die richtige Tablette zu erkennen, geschweige denn zu greifen.“
Eine Erfahrung, die vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft dringend notwendig ist. Das Konzept von „Instant Aging“ ist ein erprobter Baustein, um geriatrische Themen in der Ausbildung von Medizinstudenten, Pflegekräften und Therapeuten stärker zu gewichten. Nicht zuletzt fließen die Erfahrungen in die Entwicklung und Handhabung von Hilfsmitteln ein, die etwa in der geriatrischen Früh-Rehabilitation zum Einsatz kommen. Da gibt es spezielle Aufsätze für Flaschen, um diese auch mit arthrosegeschädigten Fingergelenken öffnen zu können oder Frühstücksbretter, auf denen seitlich befestigte Zapfen sowie ein kleiner zweizackiger Spieß die Brotscheibe halten und fixieren.Autorin/Autor: Axel Bredehöft

