Chemotherapie - Hochwirksam mit berechenbaren Nebenwirkungen
Die Chemotherapie bei Krebs wird oft als „Chemische Keule“ oder „Giftkur“ diffamiert. Doch für Prof. Martin Wilhelm, den Chefarzt der Onkologie im Klinikum Nürnberg, sind Zytostatika, also Stoffe, die Krebszellen an der Teilung hindern und zum Absterben bringen, keine angstmachende Sache. Im Gegenteil: „Es handelt sich um differenzierte hochwirksame Medikamente mit Nebenwirkungen, die im hohen Maße berechenbar und auch beherrschbar sind.“
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Wenn es den an Krebs erkrankten Menschen und ihren Angehörigen nicht soviel Angst machen würde, dann läge in dieser Verteufelung der „Chemotherapie“ sogar eine gewisse Ironie: „Mit dem Begriff „chemisch“ sollen diese Medikamente in einen Gegensatz zu guten, weil natürlichen Substanzen gebracht werden. Doch gut die Hälfte aller heute in der Chemotherapie eingesetzten Substanzen wird aus natürlichen Wirkstoffen z.B. aus Pilzen oder Pflanzen wie dem Immergrün Vinca-Rosea hergestellt.“ Der Onkologie-Chefarzt verwendet in Gesprächen mit seinen Patienten daher den unbelasteten Begriff der Systemtherapie. Und gerade die hat in den letzten Jahrzehnten eminente Fortschritte gemacht. Im individuellen Therapieplan ist dabei die Chemotherapie nur ein Baustein neben anderen wie z.B. einer Antikörpertherapie und begleitenden so genannten supportiven Maßnahmen, die die Nebenwirkungen lindern bzw. auf vielfältige Weise die Lebensqualität verbessern können. |
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Gemeinsames Therapieziel
Doch Zytostatika sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil einer Systemtherapie. Für Wilhelm ist entscheidend, „vor Behandlungsbeginn das Therapieziel gemeinsam mit dem Patienten zu besprechen“. Für diese Gespräche nimmt man sich in der Onkologie des Klinikums viel Zeit. Kann und will man den Tumor zerstören oder will man „nur“ sein Wachstum stoppen? Geht es um eine Heilung, für die man mehr Nebenwirkungen akzeptieren würde, oder ist die Lebensverlängerung mit einer akzeptablen Lebensqualität das vorrangige Therapieziel?
„Der Patient muss das mit entscheiden, wir müssen daher über alle Behandlungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Nebenwirkungen genau aufklären, damit der Patient sehenden Auges in die Therapie geht“, erläutert Wilhelm. Schließlich sind Chemotherapien, so der Chefarzt, „die Medikamente mit der kleinsten therapeutischen Breite“. Wirkung und Nebenwirkung liegen also sehr nahe beieinander. Da die Chemotherapie in den Stoffwechsel der Zellen eingreift, ist sie um so wirksamer, je unterschiedlicher der Stoffwechsel zu gesunden Zellen ist und je häufiger sich die Tumorzellen teilen. Doch auch gesunde Zellen verschiedener Organsysteme teilen sich und reagieren damit empfindlich auf die Chemotherapie, wodurch es zu Nebenwirkungen und Komplikationen kommen kann. Diese können aber heute in vielen Fällen besser behandelt oder sogar vermieden werden.
So ist Übelkeit dank verschiedener neuer Medikamente wesentlich seltener ein Problem. Der Haarausfall ist vor allem für viele Patientinnen belastend, lässt sich aber bei manchen Therapiekombinationen nicht vermeiden und die Haare kommen wieder. Wirkungen auf das Blutbild oder das Immunsystem lassen sich durch Begleitmaßnahmen verringern. Schmerzhaften Entzündungen der Mundschleimhaut, die bei einer Hochdosis-Chemotherapie vor und nach Knochenmark- und Stammzelltransplantationen auftreten können, werden in der Onkologie des Klinikums mit einem Niedriglaser erheblich reduziert.
„Angesichts der hohen Patientenzahlen über Jahrzehnte hinweg ist unsere Erfahrung in der Onkologie, was selbst sehr seltene Nebenwirkungen und deren Bekämpfung betrifft, sehr groß“, betont der Chefarzt.
Neue „zielgerichtete“ TherapienDoch nicht nur die supportiven Maßnahmen werden immer ausgereifter, es stehen auch neue Waffen gegen den Krebs zur Verfügung. „Im Mittelpunkt dieser neuen Generation von Krebsmedikamenten stehen so genannte Rezeptoren, die wie Empfangsantennen an der Zelloberfläche sitzen und Wachstumssignale an den Zellkern weiterleiten“, erläutert der Chefarzt. Gibt es zu viele solcher Rezeptoren oder entsteht eine Art Kurzschluss in der Antennenleitung, reproduzieren sich die Wachstumssignale. Die Krebszellen werden also mit Wachstumssignalen überflutet, sie teilen und vermehren sich unkontrolliert.
Antikörper sorgen nun dafür, dass die Wachstumssignale nicht mehr übertragen werden. Doch nicht nur das: Zusätzlich aktivieren sie die körpereigene Immunabwehr, indem die Tumorzellen mit dem Antikörper markiert werden. Die Folge: Das Immunsystem erkennt die Tumorzellen, greift sie an und zerstört sie. Andere, neu entwickelte Medikamente sind so klein, dass sie in die Tumorzelle eindringen und den „Kurzschluss“ beseitigen können.
Wilhelm setzt große Hoffnungen auf die neuen, sehr zielgerichteten, aber auch teuren Medikamente, die bislang im Klinikum Nürnberg meistens in einer Kombination mit herkömmlichen Zytostatika zum Einsatz kommen. „Die Systemtherapie bietet viele Möglichkeiten, doch letztendlich sind sie alle nur Bausteine eines mit dem Patienten abgestimmten individuellen Behandlungsplanes“, erläutert der Chefarzt.
Die ambulanten Chemotherapien im Klinikum Nürnberg sind im AmbulantenBehandlungsCentrum (ABC) im Klinikum Nord zusammengefasst. Weitere Informationen unter (0911) 398-3061.
ABCAutorin/Autor: Bernd Siegler

