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Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2009 >> Ausgabe 3 >> Notaufnahme - Jede Sekunde zählt, doch Geschwindigkeit ist keine Hexerei

Notaufnahme - Jede Sekunde zählt, doch Geschwindigkeit ist keine Hexerei

Es ist neun Uhr morgens. Shirin M. und ihr Mann Farid sitzen geduldig im Warteraum der Notaufnahme im Klinikum Nord. Nur eilige Schritte und leise Gespräche durchbrechen hin und wieder die Stille. Wie gerade jetzt. Farid blickt kurz hinüber zum Empfang. Rettungssanitäter bringen gerade eine alte, sehr blasse Frau. „Bauchschmerzen und Durchfall seit vier Uhr morgens“, sagt der Rettungssanitäter.

Ingrid Pfaff, die an diesem Vormittag am Empfang Dienst hat, ruft sofort nach der Ärztin. Dr. Barbara Weber eilt herbei. Sie lässt sich das Wichtigste zur Krankengeschichte der alten Dame berichten. „Ich werde mich gleich um sie kümmern“, sagt sie und kehrt in den Untersuchungsraum zu Dirk M. zurück, der auf dem Weg zur Arbeit einen Schwächeanfall erlitten hat. Der 56-Jährige ist sehr beunruhigt. Erst kürzlich war ihm beim Einkaufsbummel mit seiner Frau schwindelig geworden, doch da genügte noch eine kurze Rast, um ihn wieder auf die Beine zu bringen.

Seine Vitalparameter wie Temperatur, Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz sind in Ordnung, allerdings wirkt der Mann noch recht erschöpft. Trotzdem darf dieser Schwächeanfall nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Eingehende Untersuchungen wie ein 12-Kanal-EKG und ein Orthostase-Test sollen Aufschluss über die Ursache geben, entscheidet die Ärztin. Da Herr M. auch über zunehmende Atemnot klagt, meldet Krankenpfleger Christian Kostka ihn vom Stützpunkt aus – dem Zentrum der Notaufnahme, in dem alle Informationen zusammenlaufen – zusätzlich in der Radiologie für eine Röntgenaufnahme der Lunge an. Dort herrscht wie immer um diese Tageszeit Hochbetrieb. Herr M. wird sich etwas gedulden müssen.

Rund um die Uhr: Die Informationstheke ist Anlaufstelle für alle Patienten und Angehörigen, hier erfahren sie, wie es weitergeht
 

Extra Station für unklare Bauchschmerzen

Der 16-jährige Kevin dagegen packt fröhlich seine Sachen. Gestern früh, noch vor Schulbeginn, wurde er von seinen Eltern wegen heftiger Bauchschmerzen in die Notaufnahme gebracht. Die Untersuchung ergab keine rechte Ursache dafür. Sicherheitshalber blieb Kevin eine Nacht lang auf der Kurzliegerstation der Notaufnahme, neudeutsch Fast Track genannt. Speziell für Patienten wie ihn wurde hier die „Abdominal Pain Unit“ eingerichtet. „Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten, die mit Bauchschmerzen zu uns kommen, lässt sich keine organische Ursache finden“, erklärt Prof. Michael Christ, Chefarzt der Notaufnahme. Da man kein Risiko eingehen wolle, blieben die Patienten bis zu 48 Stunden zur Überwachung hier. Sicher ist sicher.

Farid M. blickt derweil besorgt auf seine Frau. Im Stillen dankt er der Ärztin, dass seine Frau nun keine Schmerzen mehr hat. Die Schmerzmittel haben offensichtlich gewirkt. Endlich winkt die Ärztin das junge Paar in den Untersuchungsraum. „Vermutlich eine Eileiterschwangerschaft“, sagt Dr. Barbara Weber. „Sie werden zunächst in der Gynäkologie zur weiteren Untersuchung vorgestellt.“ Vorsorglich wird die junge Frau sowohl in der Station wie auch im OP der Frauenheilkunde angemeldet. Wenn alles reibungslos läuft, wird sie am frühen Nachmittag operiert werden.

 

Auf keinen Fall länger als drei Stunden

Farid M. sieht nicht mehr, wie sich das Tempo in der Notaufnahme plötzlich verändert. Ohne zu Zögern bringen die Rettungssanitäter eine Frau mit akutem Darmverschluss gleich in den Untersuchungsraum, wo Dr. Marc Krumrey sie bereits erwartet. Noch während der Erstuntersuchung wird die 67-Jährige bereits mit oberster Dringlichkeit in der Radiologie angemeldet. Schon nach 40 Minuten wird die Patientin in die Allgemeinchirurgie verlegt. Nicht immer geht es so schnell. Länger als drei Stunden darf es allerdings nicht dauern, bis die Therapieentscheidung gefällt ist.

Inzwischen ist es Mittag. In der Notaufnahme herrscht ein reges Kommen und Gehen. Zahlreiche Patienten werden von Rettungssanitätern gebracht, andere kommen mit einem Einweisungsschein vom Hausarzt, wieder andere suchen wegen starker Schmerzen oder akuter Verletzungen von sich aus um Hilfe nach. Auch im Klinikum Süd herrscht nach einem relativ ruhigen Tagesanfang wieder Hochbetrieb. Die vier Betten des Überwachungsraums sind fast ständig belegt.

 

Exakte Ablaufplanung statt Hektik

Unter ihnen sind fast immer Schlaganfall- oder Herzpatienten, die auf Untersuchungsergebnisse und ihre Verlegung in die Fachklinik warten. Auch der Warteraum ist zu dieser Stunde gut besetzt. Christina M. zum Beispiel sitzt dort. Die sportliche junge Frau ist beim Joggen umgeknickt. Das Fußgelenk ist dick angeschwollen und schmerzt bei jeder Bewegung. „Gebrochen ist wahrscheinlich nichts, hat der Arzt gesagt“, erzählt sie. Sie wundert sich, dass sie mit „ihrer Bagatellverletzung“, wie sie es nennt, fast eine Stunde warten musste. „Es ist doch überhaupt nichts los“, meint sie.

Doch da täuscht sich die junge Frau, auch wenn von einer aufgeregten Atmosphäre, wie sie in Fernsehserien wie „Emergency Room“ gezeigt wird, weit und breit nichts zu spüren ist. Denn die Arbeit der Ärzte und Pflegekräfte spielt sich größtenteils hinter verschlossen Türen ab, den Blicken der wartenden Patienten und ihrer Angehörigen entzogen. Außerdem hat eine effektive Notfallmedizin mit Eile oder gar Hektik nichts tun. Vielmehr kommt es auf eine detaillierte Ablaufplanung an. Jeder Handgriff muss sitzen.

Dafür sorgen strukturierte Abläufe, die jeden Schritt von der Aufnahme bis zur Therapieentscheidung genau festlegen. Dies gilt für Bauchschmerzen, Schlaganfall oder Herzinfarkt ebenso wie für polytraumatisierte Patienten. Damit meint die Notfallmedizin Patienten, die mit mehreren schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Hier tritt das Schockraumkonzept in Aktion, das jeder beteiligte Mitarbeiter in- und auswendig beherrschen muss.

 

Keine Sekunde verlieren

Peter Weis, pflegerischer Stationsleiter im Klinikum Süd, deutet auf die beiden Alarmknöpfe im Stützpunkt. Einer ist grün, der andere rot. Meldet der Rettungsdienst einen Patienten mit Polytrauma an, werden über den grünen Knopf alle Kliniken alarmiert, die in das Polytraumamanagement eingebunden sind. „Die Ärzte und Pflegekräfte wissen nun, dass sie in 15 Minuten hier im Schockraum sein müssen. Wird der rote Knopf gedrückt, sind alle binnen Minuten da und jeder weiß genau, was zu tun ist.“

 

Einschätzung der Dringlichkeit

Doch wer zählt zu den schwer Kranken, die sofort behandelt werden müssen, und wer kann ein wenig warten, ohne dass dies auf Kosten seiner Gesundheit geht? Diese Frage muss gleich beim Eintreffen des Patienten beantwortet werden. Zum A und O einer guten Notfallmedizin gehört daher ein funktionierendes Konzept der Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit, in der Fachsprache „Triage“ genannt. Kurz gesagt: Eine Prellung am Knöchel kann ein wenig warten, doch bei vielen Patienten hängt das Behandlungsergebnis von einer optimalen Versorgung in den ersten Stunden ab. Also werden sie vorrangig behandelt.

Für Menschen mit nur leichteren Beschwerden sind damit oft längere Wartezeiten verbunden. Dies führt immer wieder zu Beschwerden. Daher tüftelt Pflegedienstleiter Uwe Stadelmeyer schon seit Jahren an Ablaufkonzepten und differenzierten Schichtplänen, um die Wartezeiten weiter zu verringern. „Doch lassen sich Notfälle einfach nicht vorhersehen“, erklärt er das Dilemma. Deshalb ließen sich Wartezeiten wahrscheinlich nie ganz vermeiden. Aber Wartezeiten zwischen einzelnen Untersuchungsabschnitten haben noch einen anderen, überaus plausiblen Grund: „Es dauert eine gewisse Zeit, bis alle benötigten Untersuchungsergebnisse vorliegen. Und erst dann kann der Arzt die richtige Entscheidung treffen.“

 

Keine Nachtruhe

Inzwischen geht es auf Mitternacht zu. In der Notaufnahme im Klinikum Süd ist es ruhiger geworden. Aber wirklich ruhig wird es nie. Stunde um Stunde kommen weiterhin Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten, aber auch Menschen, die auf dem Nachhauseweg gestürzt sind, in eine Schlägerei verwickelt wurden – oder was immer sie mitten in der Nacht in eine Notlage brachte, in der sie dringend Hilfe brauchen. Im Stützpunkt telefoniert Krankenpfleger Joachim Graeser nahezu ununterbrochen, nimmt Anmeldungen der Rettungsdienste entgegen, meldet Patienten zum Röntgen oder im Gipsraum an und organisiert die Verlegung in eine Station.

Draußen am Empfang fragen besorgte Angehörige, ob man schon wisse, wie es mit ihren Liebsten weitergehe. Krankenpflegerin Viola Kratzer gibt geduldig und freundlich Auskunft. Sie kennt und versteht die Sorgen der Menschen. Im Untersuchungsraum schließt Richard Schülein mit sicheren Handgriffen den alten Mann mit den starken Brustschmerzen und der großen Angst an die Überwachungsgeräte an, während Dr. Andreas Hofschneider die Krankengeschichte erhebt, erste Untersuchungen durchführt und im Kopf bereits die weitere Behandlung plant.

Um 6 Uhr morgens ist die Nachtschicht für Kratzer und Schülein vorbei. Die junge Frau wird noch eine Runde joggen, bevor sie ins Bett fällt. Schülein wird noch in aller Ruhe bei einer Tasse Tee die Zeitung lesen. In der Notaufnahme dagegen läuft der Betrieb ohne Unterbrechung weiter.       

 

Zwei Standorte, 75.000 Patienten

Die interdisziplinäre Notaufnahme des Klinikums Nürnberg mit ihren beiden Standorten Nord und Süd zählt zu den größten Notaufnahmen Deutschlands. 2008 kamen 75.000 Patienten hierher, darunter 36.000 chirurgische und 39.000 internistische sowie neurologische Notfallpatienten.

Je nach Fachrichtung werden zwischen 40 und 70 Prozent der Notfallpatienten stationär weiterbehandelt. Die anderen gehen nach der Notfallversorgung wieder nach Hause.

Nicht nur tagsüber herrscht hier Hochbetrieb. Auch nachts zwischen 22 und 6 Uhr ist einiges los. Zwischen 80 und 100 Patienten suchen während dieser Zeit eine der beiden Notaufnahmen auf. Dass der Betrieb 24 Stunden am Tag reibungslos läuft, dafür sind insgesamt 76 Pflegekräfte der Aufnahmeklinik und über 30 Ärzte in der Notaufnahme im Einsatz.

Nicht mitgezählt sind die zahlreichen Spezialisten aus den anderen Kliniken und Instituten: die Radiologen und Medizinisch-Technischen Assistenten im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, die Fachkräfte in den Labors, in der Apotheke sowie aus der Medizinischen Physik, die internistischen und chirurgischen Spezialisten in den Fachkliniken und viele mehr.   

 

Notaufnahme 

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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