Schwindel - Wenn sich die Welt plötzlich im Kreise dreht
?Da wird mir ganz schwindelig?, denkt sich manch einer angesichts der Millionen und Milliarden an Euro, mit denen in der Finanzkrise jongliert wird. Anderen schwindelt beim Blick vom Kirchturm hinab auf den Marktplatz. Kreislaufschwäche oder drohende Bewusstlosigkeit werden ebenfalls von einem Schwindelgefühl begleitet. Und manchem ist vom Schwindel so schlecht, dass er sich stundenlang erbricht und vom Notarzt unverzüglich in die nächste Notaufnahme gebracht wird. Ein einziges Wort also, das völlig verschiedene und höchst subjektive Wahrnehmungen beschreibt.
Medizinisch ist Schwindel dagegen eindeutig definiert als ?wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich selbst und der Umwelt?, erklärt Dr. Martin Krása, Oberarzt in der HNO-Klinik. Die Ursachen von Schwindelgefühlen sind vielfältig. Doch wie entsteht unser Gleichgewicht überhaupt? ?Im Körper gibt es eigens Sensoren dafür, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, die Augen, sowie Rezeptoren in Muskeln, Gelenken und Wirbelsäule?, erklärt Krása. Diese überprüfen ständig unsere Stellung im Raum. Alle diese Informationen werden über das Kleinhirn verschaltet und im Gleichgewichtszentrum im Stammhirn ausgewertet, das das Gleichgewichtsgefühl herstellt. Läuft alles normal, sind wir im Gleichgewicht.
Fällt jedoch das Gleichgewichtsorgan in einem Ohr plötzlich aus oder verändert es sich, ist unser Gleichgewichtsgefühl dahin. Die Welt um uns dreht sich unaufhörlich, was Übelkeit und heftiges Erbrechen auslöst. Wie stark der Schwindel erlebt wird, hängt von der Stärke der Veränderung im Gleichgewichtssystem ab. Die Ursache dafür kann u.a. eine Infektion des Gleichgewichtsnervs, eine Mittelohrentzündung, ein Tumor oder auch eine Autoimmunreaktion sein. Beim Morbus Meniere kommt es neben Hörverlust und Tinnitus zu einem heftigen Drehschwindel.
Neben Störungen im Gleichgewichtszentrum lösen noch viele andere Erkrankungen Schwindel aus. So können sich Schlaganfälle auf das Gleichgewichtszentrum auswirken. Diabetes, Epilepsie, Bluthochdruck oder Medikamente können unter Umständen ebenfalls zu Schwindelgefühlen führen. Für eine optimale Diagnostik und Therapie ist daher eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Fachdisziplinen unerlässlich.
Die Zahl der Menschen, die über Schwindel klagen ist beträchtlich. ?In der HNO-Klinik behandeln wir mindestens 15 bis 20 Patienten in der Woche?, berichtet Krása. Darunter befinden sich Patienten mit Dreh-, Schwank- oder Lagerungsschwindel, die über die Notaufnahme in die HNO-Klinik kommen. Die HNO-Ärzte werden auch oft zu Patienten anderer Fachkliniken des Klinikums gerufen, die an Schwindelgefühlen leiden. Darüber hinaus untersuchen sie regelmäßig Patienten der Neurologie, im Gegenzug kommen die Neurologen in die HNO-Klinik. ?Jeder Patient mit Schwindel muss sorgfältig untersucht und befragt werden, um die Ursache herauszufinden?, erläutert der Oberarzt. Die Therapie richtet sich dann nach der Erkrankung.
Bei so manchem Schwindel helfen gezielte Bewegungsübungen. Dabei wird in einer sicheren Situation, z.B. im Bett, bewusst Schwindel ausgelöst, um den Gleichgewichtssinn zu trainieren. Denn der ist äußerst lernfähig. So gelingt es ihm meist, sich nach einer bestimmten Zeit auf die neue Situation einzustellen. Es richtet sein Gleichgewicht neu aus, und die Beschwerden klingen ab.Autorin/Autor: Doris Strahler

