Klinik-Clowns in der Kinderklinik - Die Spaßmacher im Ernstfall
In einem Krankenhaus lässt sich prima auf einer Giraffe reiten, mit der Hühnerkeule telefonieren, ein Rap tanzen, mal kräftig rülpsen oder der jungen Mutter einen dicken Kuss auf die Wange drücken. Zumindest gilt dies alle zwei Wochen. Dann erobern bunte Gestalten mit zweifelhaften Manieren die Stationen der Kinderklinik und Kinderchirurgie im Klinikum Süd und setzen die gewohnten Regeln außer Kraft. Ihr Name: Fanta und Annerösli, Clowns mit hohem Ansteckungspotenzial. Ihre Bühne sind die Flure, Warteräume und Patientenzimmer ? ihre Kunst ist mal laut, mal leise. So, wie heute, denn es ist endlich wieder Freitag?
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Plötzlich dringt ein Rülpsen aus Zimmer 698, dazu ein kräftiger Furz: ?Das kannst Du hier nicht machen, das ist unhöflich, Fanta!? ? ?Das war ich nicht, sie war das?, und der Finger von Fanta zeigt auf die Mutter der 14-jährigen Patientin, die hier wegen heftiger Bauchschmerzen stationär untersucht wird. Mutter und Tochter lachen herzhaft, die Szene mit dem deftigen Einstieg trägt. Neugierig schauen sich die Clowns im Zimmer um. Ihre Blicke bleiben an der Notrufanlage hängen. Man könnte ja mal kurz auf den roten oder blauen Knopf drücken und schauen, was passiert. Die Clowns diskutieren, ob ja, ob nein ? schon ist daraus ein Rap geboren, der richtig gut in die Beine geht: ?Wir rufen den Doktor und die Schwester nicht - nein, nein, nein ? das tun wir nicht ??. Doch im Zimmer ist noch eine weitere Patientin, die mit ihrem Handy auf dem Bett liegt. Grund genug für Fanta, daraus einen spontanen szenischen Einstieg zu machen: ?Du, meine Karte ist abgelaufen, kannst Du mir mal Dein cooles Handy leihen? Ich möchte gerne mal mit Annerösli telefonieren.?
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Alle 14 Tage im Einsatz
Alle zwei Wochen verwandeln die ausgebildeten Schauspielerinnen Judith Niehaus (Fanta) und Lea Schmocker (Annerösli) die Stationen der Kinderklinik und Kinderchirurgie für zwei, drei Stunden in eine einzige große Bühne. Beide Frauen verdienen sich als freie Künstlerinnen mit Engagements bei verschiedenen Theaterproduktionen ihren Lebensunterhalt. Die 45-jährige Schmocker ist seit einem Jahr beim Clown-Projekt dabei, die 44-jährige Niehaus seit vier Jahren. Nach Rücksprache mit Ärzten und Pflegekräften der Kinderklinik besuchen sie Kinder, für die der Clownbesuch eine willkommene Abwechslung ist: ?Wir wählen die Kinder nach Krankheit, ihrem momentanen Zustand und ihrem Alter aus?, erklärt Pflegedienstleiterin Judith Peltner.
Es sind kleine und größere Patienten mit ganz unterschiedlichen Diagnosen und Therapien. Da fallen zum Beispiel die Haare im Laufe einer Chemotherapie aus, da ist der Bauch von Narben gezeichnet, da sind plötzlich Schläuche, die aus dem Körper kommen. Heute sind geistig wie körperlich behinderte Kinder darunter; dazu ein achtjähriger Junge, der mit einer verkürzten Speiseröhre zur Welt kam und seit Jahren schon als Stammkunde in der Kinderklinik behandelt wird; ein Teenie, der auf dem Schulhof unglücklich gestürzt ist und über Kopfschmerzen klagt, oder ein zehnjähriges Mädchen, das den Clowns bei ihrem Besuch erklären wird, dass bei ihr ?der große Darm den kleinen gefressen? habe. Karin Neußer, Stationsleiterin in der Kinderchirurgie, hat die Patientenbesuche mit Fanta und Annerösli abgestimmt: ?Für unsere Patienten sind die Clowns eine willkommene Abwechslung zwischen Therapie und Diagnostik. Und viele unserer wiederkehrenden Patienten fragen gleich nach, wo denn die Clowns bleiben.?
Mit dem eng beschriebenen Zettel in den Händen planen die beiden Spaßmacher im Ernstfall ihren Rundgang. Die Notizen sind nur knapp gefasst: die Nummer des Zimmers, Alter, Geschlecht und ? wenn erforderlich ? ein Hinweis auf die Erkrankung. Die wichtigen Informationen sind im Kopf gespeichert. Vorsichtig spähen sie durch die Jalousie am Türfenster zu Zimmer 685. Darin liegt der zehnjährige Tim* mit seinem Kuscheltier im Arm und sieht fern. Behutsam öffnen sie die Tür, leise gehen die beiden Clowns zum Fernseher, der schräg unter der Decke hängt. Fanta klettert auf den Tisch und zieht den Stecker raus. Protest? Nein. Tim lächelt und ist vielmehr neugierig, was seine Besucher denn hier veranstalten. Die Clowns machen ihr eigenes Programm: Fanta führt Annerösli den Stecker ans Ohr und schon geht?s los mit Clown-TV.
Hohe Kunst der Improvisation
Die hohe Kunst der Clownerie in einem Krankenhaus liegt in der Improvisation, denn die beiden Künstlerinnen wissen nie genau, was sie erwartet. ?Wir haben ein paar einstudierte Sachen?, erklärt Judith Neuhaus alias Fanta, ?der Schwerpunkt liegt aber eindeutig darin, je nach Situation aus dem Stegreif etwas zu machen.? Darin besteht für beide auch der besondere Reiz ihrer Arbeit: ?Gerade das Unvorhersehbare ist für mich erfüllend und schön?, betont Lea Schmocker, alias Annerösli, ?ich kann mich an sehr berührende Situationen erinnern. So etwa mit einem gehörlosen Jungen auf der Dialysestation: Wir saßen still beieinander, hielten uns an den Händen und ich spürte seine ganz eigene Art von Humor.?
Schwierig wird es, wenn Eltern und Kinder nicht das gleiche wollen. Die einen wollen unterhalten werden, den anderen ist es peinlich. Und wenn es mal gar nicht geht, weil die gesundheitliche Situation einfach zu belastend ist? ?Sensibilität ist für unsere Arbeit ganz wichtig. Meistens kriegen wir die Kurve, gehen auch mal nicht rein, wenn wir merken, es passt jetzt einfach nicht?, erzählt Niehaus. Ebenso gilt das Prinzip, die Stationsabläufe zu beachten. Wenn also gerade mal eine kurze Arztvisite ansteht, besuchen Fanta und Annerösli zunächst die anderen Kinder auf der Liste.
Ohne Vorhang
Der Unterschied zur ganz normalen Bühne liegt dabei auf der Hand. ?Sonst ist es wie eine Verabredung, das Publikum kommt zu mir und hat bezahlt?, so Schmocker, ?hier komme ich zu den Kindern, gehe auf sie zu und nehme ihre Stimmungen und Schmerzen wahr.? Ein Clown sollte deshalb nie hineingehen und sagen: Ich mache jetzt etwas Lustiges. Und er dürfe vieles nicht persönlich nehmen, denn ein Krankenhaus ist eben eine ganz besondere Bühne. Die Aufmerksamkeit ist nicht ungeteilt: Da piepst das Überwachungsgerät, die Tür geht auf, die Schwester bringt die Medikamente oder die zahlreiche Verwandtschaft füllt das ganze Patientenzimmer: ?Es gibt hier keinen Vorhang?, so Niehaus, ?vielmehr ist alles offen, es wird von allen Seiten geschaut ? und das Publikum ist sehr sensibel.?
Auch wenn die Leistung der Clowns nicht messbar ist, wache Gesichter, glänzende Augen oder ein herzliches Lachen sind Beweis genug für die Wirkung. Requisiten setzen die beiden nur sehr spärlich ein. Ausgestattet mit einem knallbunten Täschchen (Fanta) und einer fast vornehmen braunen Damenhandtasche (Annerösli), setzen sie vor allem auf die Vielseitigkeit ihrer Körperkunst und ihre Phantasie. So darf heute der kleine Ricky* mal helfen, einen roten Luftballon aufzublasen. Fanta hat den noch schlaffen Ballon im Mund, ihr Arm ist der Hebel für die Pumpe - und mit jeder Hebelbewegung von Ricky strömt Luft in den Ballon, der sich zusehends füllt. Zum Abschied gibt es eine rote Nase für den sichtlich stolzen Helfer und den Ballon mit einer Widmung, den Ricky gleich seiner Mutter überreicht. Zurück bleiben Mutter und Kind, die für Minuten völlig vergessen haben, warum sie eigentlich hier sind.
Eroberung der Kinderherzen
Mal tanzend, mal jodelnd oder auf die neckische Art, wenn sie mit den Zehen eines kranken Mädchens einen Abzählreim spielen oder fragen, ob in dem Krankenbett noch ein Platz frei ist, erobern sie viele Kinderherzen im Nu. Mit dem Zauberstab in der Hand macht Fanta aus Annerösli auch schon mal ein aufgeregtes Huhn, ein verspieltes Schwein oder eine selbstverliebte Kuh. Dabei an Grenzen zu stoßen, gehört dazu: ?Schwierig wird es? so Niehaus, ?wenn Kinder unterschiedlichen Alters und mit sehr verschiedenen Erkrankungen in einem Zimmer sind.?
In Zimmer 696 erwartet sie heute eine solche Herausforderung. Hand-in-Hand gehen sie vorsichtig hinein, nehmen Blickkontakt mit den Kindern auf, sprechen lange kein Wort und arbeiten mit einem Tuch, das sie aufwändig falten. Irgendwann greift der behinderte Tom* zu seiner Spielzeug-Gitarre. Die Clowns steigen mit ein und versuchen weitere Kinder im Zimmer für ein Orchester zu gewinnen. Zögernd und scheu machen sie mehr oder weniger mit.
?Hat es Dir gefallen??, fragt Annerösli ganz offenherzig ein Kind und nimmt sehr wohl den schüchternen Blick wahr. ?Du musst nicht klatschen?, gibt sie dem Fünfjährigen noch auf den Weg, dreht sich mit Fanta zur Tür, denn die nächste Bühne wartet schon ? und sieht nicht mehr, wie sich der kleine Junge mit großen Augen und Kusshand auf seine stille Art und Weise von ihnen verabschiedet.Autorin/Autor: Axel Bredehöft

