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Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2009 >> Ausgabe 1 >> Rückenschmerzen - Den Teufelskreis durchbrechen

Rückenschmerzen - Den Teufelskreis durchbrechen

Anita M. ist Altenpflegerin. Rückenschmerz kannte sie aus Erfahrung, aber jetzt tut es an einer Stelle richtig weh und das permanent. Sie geht zum Arzt, der findet  jedoch keine schwerwiegende organisch begründbare Schmerzursache. Sie konsultiert den nächsten, dann den übernächsten. Ohne Ergebnis. Die Dosis der Schmerzmittel wird immer höher. M. tut alles, um Bewegungen, die ihr Schmerzen bereiten, zu vermeiden. Sie bleibt arbeitsunfähig, zieht sich völlig von Freunden und Bekannten zurück und wird zunehmend depressiv. Der Schmerz hat die Kontrolle über ihr Leben übernommen.

?Eine typische Patientenkarriere?, weiß Dr. Susanne Eder, Fachärztin für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie. In der Interdisziplinären Schmerztagesklinik im Klinikum Nord suchen Patienten Hilfe, die unter chronischen Schmerzen leiden ? häufig auch unter Rückenschmerzen. Sie haben Massagen, Krankengymnastik, Akupunktur, Medikamente, Einrenkungen oder Operationen hinter sich ? der Schmerz blieb ihnen jedoch erhalten und beherrschte bald ihren Alltag.

Insgesamt 400 Patienten mit Rückenschmerzen werden in der Schmerztagesklinik im Jahr interdisziplinär eingehend untersucht. Etwa 100 Patienten davon durchlaufen ein umfassendes, vierwöchiges ?multimodales Schmerztherapieprogramm?. Ziel der speziellen Therapie, deren Kosten die Krankenkassen übernehmen, ist es, den Teufelskreis zu durchbrechen: Chronische Rückenschmerzen führen zu Schonhaltungen, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit geht verloren, Hilflosigkeit breitet sich aus. Am Ende stehen häufig Überforderung, Rückzug und Depressionen. Ärzte, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten sowie speziell geschulte Pflegekräfte arbeiten im Team zusammen, um die Betroffenen zu befähigen, besser mit ihren Schmerzen umgehen zu können.

Emotionale Komponente

Am Anfang stehen eine eingehende ärztliche und psychosomatische Eingangsuntersuchung. ?Bei Frau M.  wurde zwar ein kleiner Bandscheibenschaden festgestellt, der aber das Ausmaß der Schmerzen nicht ausreichend zu erklären vermochte?, erläutert Eder. In eingehenden Gesprächen und Übungen zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung gelang es dann, auch die ? wie es Psychologin Sandra Venkat nennt ? ?emotionale Komponente der Schmerzen? herauszuarbeiten. Die Erfahrung, in ihrer Schmerzproblematik bisher nicht ernst genommen worden zu sein, erlebte die Patientin als massive persönliche Kränkung. Dies mündete bei Frau M. in Wut und in Angst, als Simulantin stigmatisiert zu werden.

 

?Die Patienten lernen bei uns, festgefahrene Erlebens- und Verhaltensmuster zu hinterfragen?, berichtet Venkat. In der Gruppentherapie wird ihnen bewusst gemacht, wie der Schmerz ihr Verhalten bestimmen kann und was sie dagegen tun können. Imaginative Techniken helfen ihnen zum Beispiel, sich mit Hilfe positiver Bilder vom Schmerz abzulenken. Zugleich lernen sie, wie sich psychologische Faktoren und Schmerzen gegenseitig beeinflussen ?Es ist sehr viel erreicht?, so Venkat, ?wenn die Patienten den Schmerz nicht mehr nur als Feind, sondern auch als Begleiter betrachten können.?

?Den Schmerz zu akzeptieren, heißt aber nicht aufzugeben?, betont Ergotherapeut Lars Bergmann. Bei Physio- und Ergotherapie, im Bewegungsbad, beim Walken oder beim Qi Gong werden die Patienten an aktive, körperlich orientierte Schmerzbewältigungsmaßnahmen herangeführt. Sie lernen, Schon- sowie Zwangshaltungen aufzugeben und sich trotz Rückenschmerzen so zu bewegen, wie es im Arbeitsalltag gefordert ist. Freude an Bewegung, das Erlernen von Entspannungstechniken und ein Genusstraining sind weitere wesentliche Bestandteile des Programms, das auch ärztliche und psychologische Einzeltermine beinhaltet.

Am Ende des 20-tägigen Programms mit Gruppen- und Einzelangeboten von 8.00 Uhr morgens bis 15.30 Uhr sind die Patienten zwar nicht schmerzfrei, sie führen aber häufig ein Leben mit geringeren Schmerzen, sind weniger auf Medikamente angewiesen und erreichen  einen höheren Grad an Zufriedenheit und Lebenslust. Sie sind nicht mehr Opfer ihres Rückenschmerzes, sondern nehmen ihr Leben wieder selbst in die Hand. Drei Monate nach Abschluss des Programms treffen sich die Teilnehmer dann noch einmal für eine Woche zur Auffrischung.

Auch Anita M. hat nach den vier Wochen gelernt, den Schmerz im Kreuz besser zu bewältigen und ihm nicht mehr länger hilflos ausgeliefert zu sein. ?Sie hat ihre Medikamente reduziert, befindet sich in einer beruflichen Wiedereingliederungsmaßnahme, ist offener und selbstbewusster geworden?, freut sich Psychologin Venkat.            

 

Die Interdisziplinäre Schmerztagesklinik ist ein von den Kliniken für Anästhesie und Intensivmedizin, Neurologie, Physikalische Medizin sowie Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gemeinsam getragenes Behandlungszentrum. Informationen unter (0911) 398 -2700.

 

Schmerztherapie

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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