Psychosomatik - Unterstützung nach der Krebsdiagnose
Dass die Diagnose Krebs beim Betroffenen Angst und Niedergeschlagenheit auslöst, liegt auf der Hand. Dass jedoch das Ausmaß der psychischen Belastung und das Interesse an einer psychoonkologischen Unterstützung davon abhängt, welches Organ vom Krebs betroffen ist, hat nun eine Studie der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin im Klinikum herausgefunden. ?Wir haben im Lauf von drei Monaten alle Patienten, die mit einer Krebsdiagnose im Klinikum Nord neu behandelt wurden, befragt?, berichtet Chefarzt Prof. Wolfgang Söllner.
Insgesamt haben 285 von 289 befragten Krebspatienten den Fragebogen ausgefüllt. Nicht befragt wurden Patienten mit Prostatakrebs und Patienten mit Tumoren im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich. Der Fragebogen umfasste jeweils sieben Fragen zu den Themen Angst und Depression. Die Patienten sollten zum Beispiel angeben, ob sie manchmal ein ängstliches Gefühl in der Magengegend hätten, ob sie mit Zuversicht in die Zukunft blickten, ob sie das Interesse an ihrer äußeren Erscheinung verloren hätten, ob sie sich entspannen könnten oder sich in ihren Aktivitäten gebremst fühlten.
Die Auswertung ergab, dass sich Patienten, die schon mit Metastasen ins Krankenhaus gekommen waren, am meisten psychisch belastet fühlten. 85,7 Prozent litten erheblich unter der Diagnose. Patienten mit bösartigen Tumoren in Lunge, Leber und Bauchspeicheldrüse sowie mit Lymphomen litten zu 81 Prozent unter starker Angst und Depression. Bei Patienten mit Magenkrebs (60%), Hautkrebs (50%), Enddarmkrebs (44,4%) und mit Brustkrebs (33,3%) war der Anteil der erheblich Belasteten geringer ausgeprägt.
?Der Patient spürt oft schon, bevor ihm alle Befunde mitgeteilt wird, wenn die Prognose schlecht ist, er weiß, wie ernst es um ihn steht?, erläutert Söllner. So bedeuteten Metastasen in der Regel eine schlechte Prognose, und Lungenkarzinome würden meist erst spät entdeckt. ?Die Angst, keine Luft mehr zu bekommen, ist eine Urangst?, interpretiert der Chefarzt die Werte. ?Auf der anderen Seite?, so Söllner. ?wird heute Brustkrebs weitaus früher erkannt und die Patientinnen wissen, dass meist brusterhaltend operiert werden kann.? Auch bei Hautkrebs gingen viele davon aus, dass dieser chirurgisch geheilt werden könne.
Dass das Interesse an und die Bereitschaft für eine psychoonkologische Unterstützung in den letzten Jahren stetig gewachsen ist, freut Söllner. 89 Prozent der befragten Patienten gaben ein entsprechendes Interesse an. 36 Prozent hatten Interesse, Angebote jetzt in Anspruch zu nehmen und weitere 46 Prozent gaben an, dass sie noch gut zurecht kämen, aber später eventuell eine solche Hilfe annehmen würden. Bei einer ähnlichen Umfrage vor acht Jahren in Innsbruck, hatte Söllner die Erfahrung gemacht, dass die Patienten solchen Angeboten noch weitaus reservierte gegenüberstanden.
Die psychoonkologischen Angebote im Klinikum umfassen Einzelgespräche, Entspannungs- und Imaginationsübungen, aber auch die medikamentöse Behandlung der Angst z.B. vor der Strahlentherapie oder von Depressionen. Schon jetzt betreut die Psychosomatik sehr intensiv die Patienten in der Onkologie, im Brustzentrum, Darmzent-
rum, Lungentumorzentrum und in der HNO-Klinik. ?Wir stoßen damit an unsere personellen Kapazitätsgrenzen, aber die Zahlen zeigen, dass wir unsere Angebote noch ausbauen müssen, um den Patienten zu helfen, die unter erheblichen, psychischen Belastungen leiden?, betont Söllner. Um diese Belastung auch zu erkennen, schult seine Klinik derzeit Ärzte und Pflegende. Mit zwei weiteren Forschungsprojekten will der Chefarzt nun nachweisen, wie effektiv eine psychoonkologische Nachsorge bei Patienten mit Prostata- und Brustkrebs ist.Autorin/Autor: Bernd Siegler

