Leukämiestudie - Erhöhte Sicherheit bei Prognose und Therapie
Wann haben Leukämien eine gute Prognose, wann nicht? Woraus kann der behandelnde Arzt sehen, ob eine Chemotherapie ausreicht oder eine Knochenmarkstransplantation unerlässlich ist? Dieser Frage widmete sich eine große Studie, die federführend von Prof. Hannes Wandt, Oberarzt der Onkologie und Leiter der Einheit für Knochenmarkstransplantation im Klinikum Nürnberg, und der Universität Dresden durchgeführt wurde. Das Ergebnis war überraschend und hat sogar die Leukämie-Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verändert.
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Bislang ging die WHO davon aus, dass das Aussehen der Leukämiezellen und die Entwicklung der sie umgebenden Zellen entscheidend für Prognose und Therapie sind. Ergab die morphologische Untersuchung mit dem Mikroskop, dass die Leukämiezellen beispielsweise von vielen krankhaften Mutterzellen der Blutplättchen und von entwicklungsgestörten Zellen der roten Blutkörperchen umgeben sind, ging man davon aus, dass diese Patienten eine besonders schlechte Prognose haben und eine möglichst baldige Transplantation sinnvoll ist. Ob dies so stimmt, untersuchte Wandt im Rahmen einer Studie, an der sich mehrere bedeutende deutsche Leukämiezentren beteiligten. Insgesamt nahmen daran 1.766 Patienten im Alter zwischen 15 und 87 Jahren teil. Über einen Zeitraum von neun Jahren wurden deren Leukämiezellen und die sie umgebenden Zellen nicht nur unter dem Mikroskop untersucht, sondern auch zytogenetisch und molekulargenetisch. Zudem wurde der Verlauf der Erkrankung genau dokumentiert |
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Das Ergebnis war selbst für den Leukämie-Experten Wandt ?ein bisschen überraschend?. Das Aussehen der Leukämiezellen und die Entwicklungsstörungen der sie umgebenden Zellen erbrachte nämlich bezüglich der Prognose keine verlässlichen Hinweise. ?Im Gegenteil?, so Wandt, ?sie führten geradewegs in die Irre.? Manche Patienten, die nach der bisherigen WHO-Einteilung eine schlechte Prognose besaßen, benötigten gar keine Transplantation. Bei so manchem Patienten mit einer vermeintlich guten Prognose zeigte dagegen die Chemotherapie keine anhaltende Wirkung.
?Bei den Leukämiezellen ist es offenbar wie beim Menschen?, erläutert Wandt. ?Den soll man ja auch weder nach seinem Äußeren, noch nach der Verwandtschaft beurteilen, sondern nur nach seinen inneren Werten.? Die ?inneren Werte? der Leukämiezellen erkennt man aber nur bei der zytogenetischen und molekularbiologischen Analyse in spezialisierten Labors. Erst dann sieht man, wie viele Veränderungen die Chromosomen dieser Zellen aufweisen. ?Je mehr Veränderungen vorliegen, desto schlechter ist die Prognose und desto eher ist eine Transplantation nötig?, erläutert der Oberarzt.
Dieses eindeutige Ergebnis hat auch die WHO überzeugt. In ihrer neuesten Klassifikation werden die Leukämien noch mehr als in der alten Einteilung nach den Veränderungen der Chromosomen der Leukämiezellen eingeteilt und nicht mehr nach den im Mikroskop sichtbaren Veränderungen der Umgebungszellen. ?Da haben wir die Klassifikation schon ein wenig revolutioniert?, freut sich Wandt. Schließlich weiß der Patient und der Arzt jetzt genauer, wie die Therapieaussichten sind und welche Therapie die größte Chance zur Heilung bietet.
Autorin/Autor: Bernd Siegler

