Apotheke im Klinikum - Sichere und schnelle Hilfe auf Rezept
Zufrieden blickt Martina von Stockhausen auf das Patientenblatt: 30 Gramm Gewichtszunahme in einer Woche sind hier eine gute Nachricht. Kein Wunder, denn der Patient ist erst wenige Tage alt und wiegt gerade mal 1.600 Gramm. Die Apothekerin kennt sich aus mit dem Leben am Limit, denn sie arbeitet in der so genannten Satellitenapotheke, Tür an Tür mit der Kinderklinik im Klinikum Süd. Das Apothekenteam ist hier gefordert, wenn Frühchen geboren werden. In enger Absprache mit den Kinderärzten und Pflegekräften der intensivmedizinischen Behandlung von Neu- und Frühgeborenen werden täglich die Ernährungspläne festgelegt; 50 Beutel mit genau abgestimmten Ernährungslösungen hat die Pharmazeutisch-Technische-Assistentin (PTA) Hilda Schwarzer eigens dafür heute früh im Labor hergestellt.
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Überprüfung der häuslichen Medikation
Die Apotheke im Klinikum, eine der größten in Deutschland, hat viele Facetten. Darunter den Klinischen Dienst: Nur wenige Treppen weiter ist die Apothekerin Dr. Gisela Hofmann im Einsatz und bespricht auf einer Station der Unfallchirurgie die optimale Medikation für einen neu aufgenommenen Patienten. Aus gutem Grund, denn Hofmann hat die Erfahrung gemacht, dass im Umgang mit Arzneimitteln leicht Fehler passieren können: ?Es fängt schon damit an, dass die Unterlagen für die Medikation unvollständig, zweifelhaft oder schlichtweg falsch sind. Dazu kommen Fehler in der Dosierung, ein falscher Zeitpunkt bei der Einnahme des Medikaments oder ungünstige Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Wirkstoffen.? Schon seit vielen Jahren bietet die Apotheke den Service, die häusliche Medikation von Patienten zu prüfen. Begleitend dazu wertet Hofmann die Daten in einer Statistik aus. Seit dem Jahr 2000 wurden rund 15.000 Patienten und ihnen zugeordnete 61.000 Medikamente erfasst. ?Im Durchschnitt?, erklärt Hofmann, ?haben wir also Patienten, die vier verschiedene Arzneimittel über den Tag verteilt einnehmen. Bei jedem fünften Patienten war die Medikation nicht in Ordnung.? |
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Doch es tauchen auch seitens der Stationsmitarbeiter immer wieder Fragen auf, die kurzfristig geklärt werden müssen. Etwa beim Umgang mit besonderen, seltenen Arzneimitteln, hinsichtlich der Haltbarkeit bei einer angebrochenen Tropfenflasche oder bei täuschend ähnlich aussehenden Medikamenten. Im Sinne einer höheren Arzneimittelsicherheit hat der Klinische Dienst unter Leitung der Apothekerin Dr. Cordula Lebert deshalb viele Informationen auch online aufbereitet: Derzeit sind es rund 100 Dokumentationen und zu jeder wichtigen Eigenherstellung eine vollständige Produktinformation, die alle regelmäßig aktualisiert werden.
Sicherheit hat oberste PrioritätSicherheit wird nicht nur im Umgang mit den Medikamenten, sondern auch bei der Herstellung groß geschrieben. Etwa zehn Prozent der im Klinikum benötigten Arzneimittel kommen aus der hauseigenen Apotheke. Bei einem Umsatz von 1,1 Millionen Euro konnte 2007 ein Erlös von rund 660.000 Euro erzielt werden. Zu den umsatzstärksten Artikeln zählen Antibiotika, Antimykotika (bei Pilzinfektionen) Zytostatika (für die Krebstherapie) oder Heparine, die eine hemmende Wirkung bei der Blutgerinnung haben. In aufwändigen Verfahren prüft die Analytik die Qualität der Rohstoffe wie auch die der selbst hergestellten Produkte: ?Dabei ist es egal?, erklärt der stellvertretende Leiter der Apotheke, Dr. Uwe Mann, ?ob wir nur 20 Abfüllungen von einem Produkt benötigen oder 100.000. Die Qualität muss in jedem Fall gewährleistet sein.?
Neben der Technik spielt auch das geschulte Auge eine wichtige Rolle: In einem Kontrollraum der Apotheke arbeitet Maria Pisarov und prüft abgefüllte Lösungen auf ihre Partikelfreiheit. Erst wenn auch diese letzte Hürde für einen selbst hergestellten Blutdrucksenker genommen ist, kann das Medikament von ihr etikettiert und verpackt werden.
Eigenherstellung eng am BedarfOb ein Medikament eigens hergestellt oder auf dem freien Markt eingekauft wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Laut Dr. Günther Scherbel, seit 1984 Leiter der Apotheke im Klinikum, sollte das 1.500 Arzneimittel umfassende Lagersortiment möglichst konstant gehalten werden. Routine, Vertrauen und Sicherheit im Umgang mit den Medikamenten seien dafür die entscheidenden Argumente: ?Es gibt darunter Produkte, die wir schon seit Jahrzehnten führen?, betont Scherbel, ?dennoch müssen wir bei 80 bis 100 Artikeln jedes Jahr auf Veränderungen reagieren, weil die Hersteller sie aus dem Sortiment nehmen oder sie aufgrund einer zu geringen Lagerhaltung nicht lieferfähig sind.?
Unabhängig, schnell und flexibel auf den Bedarf von Patienten, Ärzten und Pflegekräften reagieren zu können, ist ein wichtiger Aspekt, der für die Eigenherstellung spricht. Vom Gesetzgeber her erlaubt ist dies allerdings nur für so genannte Generika, also Arzneimittel, die nicht mehr einem Patentschutz unterliegen und in gleicher Zusammensetzung wie das als Markenzeichen eingetragene Präparat angeboten werden dürfen.
Und nicht zuletzt muss sich der Schritt in die Eigenproduktion für die Apotheke auch rechnen. ?Beim künstlichen Speichel?, weiß der für die Arzneimittelherstellung verantwortliche Apotheker Dr. Andreas Rutz, ?sind die Kosten je Sprühflasche zwar gering, aber die riesige Menge, die wir Jahr für Jahr benötigen, hilft uns, richtig Geld zu sparen.? Häufig erhalten Krebspatienten den künstlichen Speichel, weil sie unter einem trockenen Mund leiden, eine mögliche Nebenwirkung onkologischer Medikamente.
Auf den ersten Blick sieht es im Herstellungslabor wie in einer Großküche aus: Herdplatten und Kochtöpfe stehen hier neben Ansatzkesseln aus Edelstahl, dazu kommen verschiedene Dosiermaschinen wie etwa für die Abfüllung in Sprühflaschen. Wie ausgefeilt manches Produkt für den Stationsalltag entwickelt worden ist, zeigt das Beispiel eines Blutdrucksenkers, abgefüllt in 50 Milliliter-Stechampullen: ?Ein solcher Artikel war genau in dieser Abfüllungsgröße nicht auf dem Markt zu bekommen, also haben wir die Produktion selbst übernommen?, erklärt Rutz. ?Die Pflegekraft braucht mit der Spritze nur einmal in die Ampulle stechen, zieht die Flüssigkeit heraus und füllt sie in einen Perfusor, eine genau dosierende Spritzenpumpe. Das geht schnell, ist hygienisch und vermindert die Bruchgefahr, weil nur wenige Handgriffe erforderlich sind.
Halbautomatische KommissionierstraßeSchräg gegenüber schlägt das Herz der Apotheke: die halbautomatische Kommissionierstraße. Von unsichtbarer Hand gesteuert werden hier die Auftragseingänge bearbeitet. Sozusagen die schnelle Hilfe auf Rezept: Tausende von Artikeln werden für die Stationen zusammengestellt und versandfertig gemacht. Grüne Förderbänder kommen von verschiedenen Seiten und transportieren Augentropfen, Tees, Tabletten, Cremes, Salben, spezielles Verbandsmaterial, Injektionslösungen und vieles mehr.
Besondere Aufträge bearbeiten Mitarbeiter wie Petra Pandel in der Kommissionierung manuell: Ihr Blick geht immer wieder auf das Display ihres so genannten Handhelds ? einem Mini-Computer im Hosentaschenformat ? der ihr beständig neue Auftragsdaten übermittelt. Die gewünschten Produkte legt sie auf das Förderband; feuergefährliche und besonders bruchempfindliche Artikel werden allerdings nur per Hand bewegt.
Mittendrin im Geschehen steht, grau und etwa zwei Meter hoch, die zentrale Erkennungseinheit. Eine darin integrierte Kombination aus Scanner, Kamera und Computer erfasst die auf den Förderbändern transportierten Artikel und gleicht sie mit den Informationen aus der Datenbank ab. Zunächst wird dafür der Barcode eingelesen. Ist dieser nicht vorhanden, kann das Gerät den Artikel auch über das Verpackungsdesign erkennen. Doch nicht nur das: Es steuert die Förderbänder exakt so, dass die bestellten Artikel einer Station in dem dafür zugeordneten Transportkasten landen ? und das in der logischen Reihung von zuerst schweren, mittelschweren und dann leichten Artikeln, um eine Beschädigung zu vermeiden.
?Die Maschine lässt sich nicht täuschen?, schmunzelt Apotheker Mann, dreht geschwind vor dem Kontrollpunkt ein Medikament so, dass der Barcode verdeckt ist, und blickt auf den Monitor: ?Sehen Sie, der Artikel wurde trotzdem richtig erkannt, aber jetzt über das Bild.?
Online-BestellungWas selbst diese intelligente Einheit aber nicht erkennen kann, sind unklare Angaben bei der Bestellung. Um schnell und möglichst fehlerlos bestellen zu können, wurden eigens Formulare für die Arzneimittelanforderung entwickelt. ?Auf den Vorlagen?, erklärt Mann, ?haben wir bereits eine Hitliste mit den rund 90 am häufigsten bestellten Artikeln der betreffenden Station aufgeführt. Hier müssen dann nur noch die entsprechenden Mengen eingetragen werden.?
Weichen die Einträge aber auffällig von den Durchschnittswerten ab oder sind unklare Angaben gemacht worden, müssen die Apotheker rasch Rücksprache mit den Stationen halten, um mögliche Fehler zu vermeiden: ?Artikel, die zurückgesendet werden sind für uns natürlich die teuersten Posten und machen enorm viel Arbeit.? Deshalb ist die Einführung einer Online-Bestellung für den stellvertretenden Apothekenleiter ?ein ganz wichtiger Schritt für die Zukunft?.
Eine der größten Apotheken in Deutschland
Knapp 50 Mitarbeiter der Apotheke im Klinikum Nürnberg versorgen pro Jahr 90.000 stationäre und fast 70.000 ambulante Patienten mit verschiedensten Medikamenten und Dienstleistungen rund um eine erfolgreiche Behandlung. Seit Juli 2007 kommt dazu noch die Belieferung der drei Kliniken mit insgesamt 350 Betten im Nürnberger Land (Altdorf, Hersbruck und Lauf), die seit drei Jahren zum Verbund des Klinikums gehören. Weiterhin versorgt die Apotheke noch das NürnbergStift, die Feuerwehr und die Deutsche Flugrettung am Flughafen Nürnberg. Mit den zent-ralen Bereichen Logistik, Klinischer Dienst und der Herstellung von Arzneimitteln zählt die Apotheke zu den größten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland.
Im Sinne einer Versorgung auf kurzem Wege hat die Apotheke neben ihrem Hauptsitz im Klinikum Süd einen weiteren Standort im Klinikum Nord sowie eine Satellitenapotheke in der Kinderklinik. Rund 200 Präparate werden speziell für die Patienten des Klinikums produziert und in der Analytik laufend geprüft sowie überwacht. Dazu zählen zum Beispiel (alle Zahlen aus 2007): 11.000 Zubereitungen für Ernährungslösungen von Früh- und Neugeborenen; 27.000 Zubereitungen von Zytostatika für die Krebsbehandlung; 145.000 Abfüllungen für Injektionen und Infusionen; 33.000 Zubereitungen für äußerliche (topische) Anwendungen. Insgesamt werden 400 Stationen und Labors versorgt, pro Jahr werden etwa 500.000 Einzelpositionen ausgeliefert. Eine wichtige Dienstleistung liegt im Bereich der Information und Beratung, um eine sichere und wirtschaftliche Therapie zu unterstützen. Die Apotheke ist seit August 1998 zertifiziert nach DIN EN ISO 9001:2000.
Autorin/Autor: Axel Bredehöft

