Teure Personalkosten - Gute Pflege braucht Zuwendung
Seit fast 15 Jahren laufen den Krankenhäusern in Deutschland die Personalkosten davon. 1994 beschloss der Gesetzgeber, die Einnahmen der Krankenhäuser ungeachtet der Kostensteigerungen für Personal, Energie Medizintechnik, Arzneimittel oder Lebensmittel stark zu begrenzen. Anders als Unternehmen in anderen Branchen können Kliniken also an der Preisschraube nicht drehen und haben daher in den letzten Jahren Lohnsteigerungen meist über Personalabbau refinanziert. Zumeist in der Pflege, obwohl gerade dort die Arbeitsverdichtung von Jahr zu Jahr zunimmt. Denn immer mehr und immer kränkere Patienten müssen in immer kürzerer Zeit betreut werden.
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Für Klinikum-Vorstand Dr. Alfred Estelmann ist das ein untragbarer Zustand: ?Ein Krankenhaus ist keine Medizinfabrik, in dem wir einfach Personal kürzen können. Gute Medizin und Pflege brauchen Zeit, Zuwendung und qualifiziertes Personal. Wir sind bald an einem Punkt angelangt, an dem es uns an der Zeit für die Patienten fehlt.? Estelmann rechnet für das Klinikum Nürnberg mit seinen 5.500 Pflegekräften, Ärzten, MTRAs, Medizinphysikern, Controllern oder Schreibkräften allein in diesem Jahr mit um 7,7 Millionen höheren Personalkosten. Durch die vom Gesetzgeber verordnete ?Deckelung? des Budgets entsteht dem Klinikum allein dadurch eine Lücke von 5,8 Millionen Euro. An der Personalschraube drehen will Estelmann aber nicht. Mit einem Zuwachs im Pflegedienst von 70 Mitarbeitern seit 2.004 auf derzeit 2.032 Krankenschwestern und ? pfleger schwimmt das Klinikum gegen den bundesweiten Trend. ?Die Mitarbeiter brauchen mehr Zeit, mit den Patienten zu sprechen, sie zu begleiten oder beim Essen zu unterstützen.? Zudem haben mehr als 90 Prozent der Pflegekräfte im Klinikum eine abgeschlossene dreijährige Ausbildung, eine in Deutschland selten hohe Qualifizierungsquote. Um diesen Standard zu halten, fordert der Klinikum-Vorstand, dass Krankenhäuser nicht nur die Personalkostensteigerungen in vollem Umfang refinanzieren können, sondern dass die Häuser, die sich solch eine hochwertige Qualitätspflege leisten, diesen Aufwand auch entsprechend vergütet bekommen. |
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Die Arbeitszeitverdichtung im Stationsalltag spürt zum Beispiel Anna Körber, Krankenschwester und stellvertretende Stationsleiterin auf der Fast-Track-Station im Klinikum Nürnberg Süd, am eigenen Leib. ?Kein Patient bleibt länger als 72 Stunden bei uns?, berichtet Körber. 82 Prozent werden nach einigen Stunden wieder entlassen, die anderen auf Stationen verlegt. Für die Pflegekräfte bedeutet dieser rasante Wechsel an Patienten einen ungeheuren Dokumentations- und Verwaltungsaufwand. Daneben führen sie Untersuchungen durch oder organisieren diese, lagern Patienten oder kümmern sich um die Einnahme von Medikamenten. ?Zeit für die Patienten bleibt da nur wenig?, bedauert die Krankenschwester, die sich für das Plakat ?Zuwendung ist unwirtschaftlich ...? bei ihrer Arbeit fotografieren ließ.
?Meine Mitarbeiter sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen?, bestätigt Hannelore Erb, Pflegedienstleiterin in der Onkologie, Hautklinik und Nuklearmedizin. Neben den hohen fachlichen Anforderungen an die pflegerische Leistung sind vor allem die Information und Anleitung von Patienten und ihren Angehörigen sehr zeitaufwändig. ?Die Diagnose Krebs bedeutet eine existenzielle Bedrohung. Mit diesem Schock muss man erst einmal fertig werden. Studien belegen, dass Patienten im ersten Gespräch nur etwa 30 Prozent der ihnen gebotenen Informationen aufnehmen?, erklärt Erb. Mit einem Gespräch ist es also nicht getan. Pflegekräfte brauchen heute eine gehörige Portion an kommunikativen Fähigkeiten, um den Patienten ein Gefühl von Sicherheit zu geben.
Dazu komme die immense Verantwortung, die sie unter den erschwerten Bedingungen eines Rund-um-die-Uhr-Schichtbetriebs tragen müssen. ?Unter dem hohen Arbeitsdruck müssen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig Prioritäten setzen, entscheiden was in diesem Augenblick das Wichtigste ist und was noch etwas warten kann.? Eine ungeheure Belastung sei dies für jede Krankenschwester und jeden Krankenpfleger. ?Noch ist Zuwendung bei uns selbstverständlich?, darauf ist Erb stolz. Doch in ihren Augen droht ein Qualitätsverlust, wenn sich nicht bald etwas ändert.Autorin/Autor: Bernd Siegler

