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Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2008 >> Ausgabe 4 >> Teure Extremkostenfälle - ?Dem Tod immer näher als dem Leben?

Teure Extremkostenfälle - ?Dem Tod immer näher als dem Leben?

?Ich war schon mehr oder weniger tot?, erzählt der 64-jährige Wolf-Dieter Blumtritt. Genauer kann er es nicht beschreiben, denn von seinem Kampf um Leben und Tod weiß er nur sehr wenig. Es war irgendwann in der Nacht des 29. November 2006. Der Lehrer, der stets mit Engagement an der Grundschule Scharrerstraße unterrichtet hatte, muss mitten in der Nacht aufgestanden sein, unbemerkt von seiner Frau. Die findet ihn dann am nächsten Morgen bewusstlos und nur noch schwach röchelnd im Wohnzimmer und ruft den Notarzt. Mit Blaulicht geht es ins Klinikum Nord auf die Intensivstation 39 Erde.

Die Diagnose lautet Lungenentzündung mit Blutvergiftung. Die Keime streuen im ganzen Körper. Es folgen Leber- und Nierenversagen, Pilzinfektionen und Herzinfarkt ? ?das volle Programm eben?, wie sich Oberarzt Dr. Hans-Jürgen Heppner erinnert. ?Herr Blumtritt war dem Tod immer näher als dem Leben, in einem Kreiskrankenhaus wäre er wahrscheinlich gestorben.? Nach fünf Wochen künstlichem Koma und insgesamt 50 Tagen im Klinikum wird der Lehrer in die Rehabilitation entlassen. Heute, Blumtritt ist inzwischen pensioniert, lebt er wieder in seinem Haus in Pillenreuth im Süden Nürnbergs und lässt es sich nicht nehmen, den Rasen selbst zu mähen. Zurück geblieben ist ein etwas wackeliges Knie aufgrund einer Nervenschädigung und die Einstellung, dass er jetzt nur noch ?Tag für Tag lebt?. ?Langfristig plane ich nichts mehr, ich genieße jeden Tag.?

Zurück geblieben im Klinikum ist nicht nur der Stolz, einen Menschen gerettet zu haben. Zurück geblieben ist ein Minusbetrag von genau 47.224 Euro und acht Cent. Für die aufwändige Behandlung des Patienten, der mit dem höchsten Schweregrad 4 eingestuft wurde, erbrachten Intensivstation, Nephrologie und Kardiologie des Klinikums Leistungen in Höhe von 89.039,43 Euro, erstattet wurden aber nach dem Fallpauschalensystem nur 41.815,35 Euro
Hochleistungsmedizin: Wolf-Dieter Blumtritt (oben) kann wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen
 

Aufgrund dieser Rechnung gilt Wolf-Dieter Blumtritt im Klinikum als ?Kostenausreißer? oder als so genannter Extremkostenfall. Das sind Patienten, deren Behandlungskosten mindestens um das 1,5-fache höher sind als die Vergütung und bei denen die Klinik auf mindestens 10.000 Euro sitzen bleibt. Blumtritt ist kein Einzelfall. Auch Prof. Joachim Ficker, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, kann von einem Fall einer 66-jährigen Frau aus Schweinau berichten. Schon seit zehn Jahren fährt sie im Herbst mit ihrem Mann für zwei Wochen ans Mittelmeer. So auch im letzten Jahr. Doch dann weitete sich am Urlaubsort ein Husten zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung mit Sepsis aus. Per Rettungsflug kommt die Frau ins Klinikum auf die Intensivstation. Ein vorbestehendes Vorhofflimmern und eine Diabetes führen zu weiteren Komplikationen. ?Da blieb uns keine Zeit, nach preiswerten Antibiotika zu suchen?, erklärt der Chefarzt. 135.000 Euro kostete die 86-tägige Behandlung auf der Intensivstation, die Krankenkassen erstatteten jedoch nur 82.000 Euro. Auf dem Differenzbetrag von 53.000 Euro blieb das Klinikum Nürnberg ebenfalls sitzen.

Von einem ähnlichen Fall berichtet Prof. Jan-Holger Schiffmann, Chefarzt der Klinik für Neugeborene, Kinder und Jugendliche. Seiner Klinik kostete die Behandlung eines Frühchens rund 63.000 Euro. Davon wurden jedoch nur 43.000 von den Krankenkassen bezahlt. Angefangen hatte alles ganz harmlos, damals am 27. Oktober 2006: Martina Großhauser aus Spalt erwartet Zwillinge. Es treten Komplikationen auf. Im Klinikum Süd kommen die Zwillinge Noah und Paula in der 29. Schwangerschaftswoche zur Welt. Beide wiegen weniger als 1.000 Gramm. Nach dreieinhalb Wochen stirbt Noah an einer Infektion, Paula weist die typischen schwerwiegenden Erkrankungen von Frühgeborenen auf. Doch maschinelle Beatmung, Bluttransfusionen und Darmspülungen machen es möglich: Nach 74 Tagen auf der Kinderintensiv- und Frühchenstation im Klinikum Süd wird Paula im Januar 2007 nach Hause entlassen. Sie wiegt 2.760 Gramm und ist 46 Zentimeter groß, die Befunde sind gut. Heute ist Paula zwei Jahre alt. ?Sie ist ein quietsch-fideles Kind und hat sich sehr gut entwickelt?, ist ihr Vater, Martin Hoffmann, glücklich.

Im Jahr 2007 gab es im Klinikum Nürnberg insgesamt 450 solcher so genannter Kostenausreißer, die dem Klinikum ein Minus von 7,4 Millionen Euro bescherten. Der Grund dafür liegt im Vergütungssystem, in dem sich komplexe Behandlungen nicht richtig abrechnen lassen. Lediglich die Hauptdiagnose wird zu 100 Prozent vergütet, die zweite Diagnose nur noch zu 50 Prozent. Für das Herzproblem von Wolf-Dieter-Blumtritt bekam das Klinikum beispielsweise nur noch ein Sechzehntel des Vergütungsansatzes.

Von 89.000 Patienten im Jahr sind ein halbes Prozent solche Kostenausreißer. ?Wir als Krankenhaus der Maximalversorgung können und wollen solche Patienten behandeln, aber diese besondere Qualität muss bei der Bezahlung auch berücksichtigt werden?, fordert Klinikum-Vorstand Dr. Alfred Estelmann. Als Lösung dieses Dilemmas könnte er es sich vorstellen, dass die ?großen Krankenhäuser die teuersten ein Prozent ihrer Patienten gesondert abrechnen dürfen?. Der Klinikum-Vorstand verhehlt nicht, dass es im geltenden Abrechnungssystem auch lukrative Krankheitsbilder gibt, mit denen sich sehr wohl Geld verdienen lässt. Doch genau um diese Fälle gebe es einen harten Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern. ?Wo es aber um Patienten mit unzureichend finanzierten Krankheitsbildern geht, sind die großen Kliniken, die der öffentlichen Daseinsvorsorge verpflichtet sind, allein?, betont Estelmann.

Er verweist darauf, dass große kommunale Krankenhäuser besonders viele teure Patienten haben, weil sie niemanden abweisen und schwere Fälle von kleineren Häusern überwiesen bekommen. ?Wir stehen am Ende der Versorgungskette?, sagt denn auch Oberarzt Heppner, ?nach uns kommt keiner mehr, das muss doch berücksichtigt werden.?         

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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