Buchtipp - Kerstin Hensel - Lärchenau
?Doktor Lingott heilte vornehmlich mit dem, was die Natur bot. Nicht, dass er ein Verächter der Schulmedizin war, aber als Landarzt hatte er das Wissen und den Zugriff auf das, was ihm quasi vor Augen wuchs: heilkräftige Kräuter, Blüten und Beeren. Oftmals empfahl Doktor Lingott versehrten Patienten ein Bad im Menichensee.
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Der See, behauptete er, verfüge über eine besondere Algenart, der man eine gesundende Wirkung nachsage ... Bei weiblichen Patienten bevorzugte der Doktor subtilere Heilmethoden. Wie auf dem Land üblich, besuchte er die Kranken oft zu Hause. ... Vor allem den Witwen der Gegend tat der Doktor wohl ..." Denn dann spielte Landarzt Rochus Lingott in dem brandenburgischen Dörfchen Lärchenau auf seinem Flügel Bach, Mozart, aber auch Rag oder Swing als besondere Medizin. Auch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, ließ er von amerikanischer Musik nicht ab. Zum Verhängnis wurde ihm dann, dass er das Führerbild zwar pflichtgemäß in seiner Praxis an die Wand nagelte, jedoch darüber das Bild eines Wasserschierlings hängte. In seine Fußstapfen als Arzt tritt Jahre später sein Sohn. Er entwickelt bizarre Vorlieben und macht in der DDR, aber auch nach ihrem Zusammenbruch eine glänzende, aber fragwürdige Karriere. Kerstin Hensel, 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren, arbeitete lange Jahre als Krankenschwester bevor sie am Institut für Literatur in Leipzig studierte. Mit ?Lärchenau? hat sie einen grotesken Arztroman geschrieben, der mitunter völlig ins Surreale umschlägt, voller Traumtänzereien und entgleisender Lebensentwürfe, auf dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte.
Kerstin Hensel: Lärchenau, Luchterhand Literaturverlag, München 2008, 446 Seiten, 19,95 Euro |
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Autorin/Autor: Bernd Siegler

