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Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2008 >> Ausgabe 4 >> Kommunale Großkrankenhäuser - Kampagne für eine leistungsgerechte Finanzierung

Kommunale Großkrankenhäuser - Kampagne für eine leistungsgerechte Finanzierung

Seit Wochen hängen Großflächenplakate in deutschen Großstädten mit dem provokativen Slogan ?Ihr zu helfen ist unwirtschaftlich ...?. Das Foto zeigt einen schweren Verkehrsunfall, daneben in wenigen Sätzen die Geschichte des Unfallopfers, einer Frau, die nach langem Krankenhausaufenthalt und zahlreichen Operationen heute wieder gesund ist. Ein Happy-End also, würde das behandelnde Krankenhaus dabei nicht auf einer hohen fünfstelligen Summe sitzen bleiben.

Das Plakat und die dazu gehörigen halbseitigen Anzeigen in überregionalen und regionalen Tages- und Wochenzeitungen ist nur eines von vier Motiven einer ungewöhnlichen Kampagne. Zehn kommunale Großkrankenhäuser von Berlin bis München, haben sich initiiert vom Klinikum Nürnberg zusammengetan, um eine ?leistungsgerechte Vergütung? einzufordern. Die sei, so ist auf den Plakaten und den Anzeigen zu lesen, ebenso selbstverständlich, wie die medizinische und pflegerische Hilfe in extrem schweren Fällen.

?Wir wollen mit dieser Kampagne auf die spezifischen Probleme der kommunalen Krankenhäuser aufmerksam machen, die einen besonderen Versorgungsauftrag haben und daher jeden Patienten aufnehmen?, betonte Joachim Bovelet, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vivantes Klinika Berlin, bei der Auftaktpressekonferenz Anfang September in Berlin. Er verwies darauf, dass in den rund 23.000 Betten der an der Kampagne beteiligten kommunalen Großkrankenhäuser in Berlin, München, Stuttgart, Nürnberg, Bremen, Augsburg, Dortmund, Braunschweig, Bayreuth und Bielefeld im Jahr über 850.000 Patienten stationär und weitere 1,5 Millionen ambulant von insgesamt 56.000 Mitarbeitern behandelt werden. ?Es sind alles Krankenhäuser, die?, so Bovelet, ?rund um die Uhr für alle Fälle gerüstet sind, ein umfassendes Leistungsspektrum in nahezu allen medizinischen Fachdisziplinen bieten und in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung eine wichtige Funktion weit über die jeweilige Stadtgrenze hinaus haben - und deswegen viele Leistungen erbringen, die nur ungenügend erstattet werden.?

: Die Geschäftsführer von fünf kommunalen Großkrankenhäusern, darunter Dr. Alfred Estelmann (2.v.r.) traten in Berlin vor die Presse, um eine leistungsgerechte
 

Kostenausreißer verursachen Millionendefizit

Neben dem Vivantes-Geschäftsführer traten in Berlin die Vorstände von Nürnberg, München, Stuttgart und Bielefeld auf. Sie stellten in ihren Beiträgen vier Themen in den Fokus, die exemplarisch die dramatische Unterfinanzierung der kommunalen Großkrankenhäuser demonstrieren. So rückte Dr. Alfred Estelmann, Vorstand des Klinikums Nürnberg, die unzureichende Vergütung bei so genannten Extremkostenfällen ins Blickfeld. Dabei handelt es sich um Patienten, deren Krankheitsverlauf besonders schwer verläuft und aufgrund von bestehenden Vorerkrankungen mit besonders vielen Komplikationen behaftet ist.

?Aufgrund unserer guten Ausstattung mit modernsten Geräten und hoch qualifiziertem Personal können und wollen wir solch schwierige Fälle behandeln, aber unsere Leistungen müssen auch entsprechend vergütet werden?, fordert Estelmann. 450 solcher ?Kostenausreißer? verursachten im Klinikum Nürnberg im letzten Jahr ein Minus von 7,4 Millionen Euro.

 

Teure Notfallversorgung und Facharztausbildung

Manfred Greiner, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums München, thematisierte die mangelhafte Vergütung der umfassenden medizinischen und pflegerischen Notfallversorgung der großen Krankenhäuser rund um die Uhr. Nacht für Nacht stünden in den vier großen städtischen Kliniken in München 133 Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen und 100 Pflegekräfte speziell für die Behandlung von Notfallpatienten bereit. ?Im Gesetz zur Krankenhausfinanzierung sind jedoch?, so Greiner, ?die tatsächlich anfallenden Kosten zum Beispiel für Ärzte und OP-Schwestern in der nächtlichen Notfallversorgung nicht berücksichtigt.? In München summiert sich dies auf rund 33.000 Euro pro Nacht, das sind über 12 Millionen Euro im Jahr.

Dr. Johannes Kramer, Geschäftsführer des Klinikums Bielefeld, kritisierte die fehlende Finanzierung der Facharztweiterbildung. Gerade die Weiterbildung von Assistenzärzten zu Fachärzten praktisch aller Fächer, einschließlich der seltenen und hochspezialisierten, sei Sache der großen Krankenhäuser. ?Das kostet Zeit und damit viel Geld, das nicht erstattet wird?, erläutert Kramer. In Bielefeld sind im Klinikum Mitte und in der Rosenhöhe insgesamt 282 Ärzte tätig. Davon befinden sich 115 in Weiterbildung.

 

Anstieg der Personalkosten

Mit den fehlenden Möglichkeiten, Personalkostensteigerungen zu refinanzieren, führt Dr. Ralf-Michael Schmitz, Geschäftsführer des Klinikums Stuttgart, ein Problem ins Feld, das alle Krankenhäuser in Deutschland gleichermaßen betrifft. Seit 15 Jahren sind die Budgets der Kliniken an die Entwicklung der Grundlohnsumme gebunden. Sie stiegen damit um 15 Prozent, während sich die Personalkosten im gleichen Zeitraum  um 45 Prozent erhöhten. Allein für das Klinikum Stuttgart bedeuten die Tarifabschlüsse 2007 und 2008 eine Mehrbelastung von 15,6 Millionen Euro, in 2009 kommen weitere 12,5 Millionen Euro hinzu. Vielen Kliniken bliebe da nur Einsparungen beim Personal. ?Dieser Personalabbau geht bereits jetzt an die Substanz von guter Medizin und Pflege?, warnt Schmitz.

Die zehn an der Kampagne beteiligten großen kommunalen Krankenhäuser reihten sich in das Bündnis ?Rettung der Krankenhäuser? von Städtetag, Deutscher Krankenhausgesellschaft, Gewerkschaften und Berufsverbänden ein. Zu deren bundesweiter Demonstration kamen am 25. September in Berlin 135.000 Mitarbeiter von Krankenhäusern. Die kommunalen Häuser  wollten aber mit ihren Plakaten und Anzeigen auf die Probleme der Kliniken mit Maximalversorgung und Versorgungsauftrag hinweisen. ?Unser Problem ist nicht die kommunale Trägerschaft, sondern die Größe unserer Häuser und damit deren Leistungsspektrum?, betonte der Bielefelder Geschäftsführer Kramer.

 

Unzureichende Finanzspritze

Die von der Bundesregierung beschlossene einmalige Finanzspritze in Höhe von 3,2 Milliarden Euro für die 2.100 Krankenhäuser in Deutschland hält das Bündnis der zehn kommunalen Träger für völlig unzureichend: ?Wir brauchen eine schnelle Lösung, sonst können die  großen Kliniken mit Versorgungsauftrag ihr umfassendes Leistungsangebot rund um die Uhr nicht mehr gewährleisten. Ein erheblicher Qualitätsverlust bei der Krankenhausversorgung der Bevölkerung ist dann unausweichlich?, sind sich Bovelet, Estelmann, Greiner, Kramer und Schmitz einig.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
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